Hallo,
in der neuen LdN 493 sind mir zwei Dinge aufgefallen, die – wenn ich sie richtig verstanden habe – aus meiner Sicht nicht ganz richtig dargestellt wurden:
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Aktien-ETFs werden effektiv nicht mit 25 % besteuert. Bei Aktienfonds sind 30 % der Erträge steuerfrei. Auf die verbleibenden 70 % fallen grundsätzlich 25 % Abgeltungsteuer zuzüglich Solidaritätszuschlag an. Ohne Kirchensteuer ergibt sich damit eine effektive Steuerbelastung von rund 18,46 % auf den gesamten Ertrag. Natürlich gilt das nicht für jeden ETF, sondern nur für Fonds, die die Voraussetzungen für die 30-prozentige Teilfreistellung erfüllen.
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Auch die Darstellung von Robert Habecks damaligem Vorschlag zu Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen auf Kapitaleinkommen würde ich etwas anders einordnen. Habeck sagte damals ausdrücklich, man wolle die „Beitragsgrundlage erhöhen“ und Kapitaleinkünfte zusätzlich zur Finanzierung heranziehen. Gleichzeitig sollte dadurch der Beitragsdruck auf Arbeitseinkommen reduziert werden. Es ging also meines Erachtens um beides: zusätzliche bzw. breiter aufgestellte Einnahmen für die Kranken- und Pflegeversicherung und darum, weitere Belastungen von Arbeitseinkommen zu vermeiden oder zu begrenzen.
Zuletzt würde ich Ulfs Aussage etwas widersprechen, dass man grundsätzlich Arbeitseinkommen weniger und dafür Kapitaleinkommen stärker besteuern sollte, damit die Menschen mehr arbeiten. Ist wirklich so eindeutig, dass dies der Effekt wäre? Menschen, die einen Teil ihres Lebensunterhalts aus Kapitaleinkommen bestreiten, können beispielsweise ihre Erwerbsarbeitszeit reduzieren und die gewonnene Zeit für ehrenamtliche Tätigkeiten, häusliche Pflege oder andere gesellschaftlich wichtige Aufgaben einsetzen. Kapitaleinkommen können zudem Freiräume schaffen, um unternehmerisch tätig zu werden.
Ich persönlich würde eher in die andere Richtung gehen und zumindest niedrige Kapitaleinkommen steuerlich stärker begünstigen – beispielsweise durch einen deutlich höheren Freibetrag von 15.000 Euro oder mehr.
Mein Gedanke dahinter: Durch Automatisierung und technologischen Fortschritt konnte Kapital in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend menschliche Arbeit ersetzen. Gleichzeitig hat sich die Einkommensverteilung von Arbeits- hin zu Kapital- und Unternehmenseinkommen verschoben. Wenn Kapital einen größeren Teil zur Wertschöpfung beiträgt, halte ich es für umso wichtiger, dass möglichst viele Menschen selbst Kapital besitzen und daraus Einkommen erzielen.
Statt gerade kleinere Kapitaleinkommen stärker zu belasten, sollte der Staat aus meiner Sicht deshalb den Kapital- und Vermögensaufbau breiter Bevölkerungsschichten fördern. So könnten mehr Menschen nicht ausschließlich über ihr Arbeitseinkommen, sondern auch über Kapitalbesitz am Produktivitäts- und Wirtschaftswachstum teilhaben. Das könnte langfristig auch dazu beitragen, die Vermögensunterschiede zu verringern.
Eine niedrigere Besteuerung kleiner Kapitaleinkommen halte ich deshalb für wichtiger als eine niedrigere Besteuerung von Arbeitseinkommen. Gegen eine zusätzliche Entlastung von Arbeitseinkommen hätte ich natürlich ebenfalls nichts – für mich wäre sie in diesem Zusammenhang aber die zweite Priorität.
Liebe Grüße
Thorsten