Lieber Ulf, lieber Philipp,
diese Folge war die seit langem für mich interessanteste. Eure Diskussion mit Prof. Müller zeugt davon, dass ihr euch auch mit Themen befasst, die in der normalen Tagespresse leider wenig Beachtung finden.
Nicht ausreichend klar geworden ist, was gewaltfreier Widerstand bedeutet. Mit Gandhi kann man ihn als Krieg ohne Waffen bezeichnen. Er erfordert den Aufbau einer möglichst großen, schlagkräftigen und resilienten Organisation, das Entwickeln von Taktik und Strategie und in einer Auseinandersetzung ein ständiges Reagieren auf den Gegner und ein Suchen nach seiner Schwäche. Was gewaltfreier Widerstand - oder wie im Englischen civilian-based defense - NICHT ist ist Passivität, oder wie von Philipp mehrfach beschrieben „singen“. Das ist etwa so verkürzt als ob man konventionelle Kriegsführung auf das Abfeuern eines Gewehrs reduziert.
Ich möchte noch auf eine interessante Querverbindung zur LDN 485 hinweisen. Bei der Diskussion zur Zivilgesellschaft und möglicher Opposition in Russland kam das Gespräch auf den gewaltfreien Widerstand gegen Milosevic in Serbien durch die Otpor-Bewegung. Frau Dornblüht hat die Meinung vertreten, dass Putin diese Bewegung beobachtet hat und verhindern will, das etwas Ähnliches in Russland entstehen kann. Im Klartext heißt das, dass Putin sich von den kreativen Methoden einer Gruppe unerschrockener mittelloser Studenten in Belgrad bedroht fühlt. Das ist ein starker Hinweis darauf, dass der von Prof. Müller skizzierte Weg einer gewaltfreien Verteidigung alles andere als weltfremd ist.
Aus der Otpor-Bewegung ist das Center for Applied Nonviolent Actions and Strategies (CANVAS) entstanden. Es berät weltweit Akteure, die einen gewaltfreien Widerstand organisieren wollen. Es wäre eine große Bereicherung der Diskussion, von einem erfahrenen Praktiker aus diesen Reihen wie Srdja Popovic zu hören, welche Möglichkeiten sich durch eine frühzeitige Vorbereitung eines gewaltfreien Widerstands sich in der Ukraine ergeben hätten und welche Möglichkeiten es auch für die Zukunft noch gibt.
Viele Grüße
Bredo