LdN 488 Feedback zum Lernen in Projekten

Lehrer hier, vielen Dank erst mal, dass ihr eine Kollegin so ausführlich zu Wort kommen lasst.

Ich nehme auch wahr, dass das Thema Projektorientierung seit einigen Jahren Konjunktur hat und man sich sehr viel davon verspricht. Aus der Praxis kommend, möchte ich da zu etwas Vorsicht mahnen. Im Gespräch kam das auch vor, aber mE etwas zu kurz. Das Thema „Noten“ will ich ganz aussparen, weil es dazu schon einen anderen langen Thread gibt.

Arbeit an freieren Projekten setzt sehr (!!) viele andere Kompetenzen voraus. Ich muss mich ziemlich gut organisieren können, mit anderen effizient zusammenarbeiten und vor allem viel fachliche Orientierung haben. Denn in einem Bereich, von dem ich keine Ahnung habe, fällt mir auch kein brauchbares Projekt ein. Man muss etwas wissen (verstehen), um sinnvolle Fragen dazu stellen zu können.

Gute Ergebnisse sehe ich im Projektbasierten Unterricht daher vor allem bei Schüler:innen, die schon viele Kenntnisse mitbringen, tendenziell eher älter sind, also Sek 2 usw

Diejenigen aber, die dem herkömmlichen Unterricht nur mit Mühe folgen, die wenig Unterstützung von zu Hause erfahren, wo vlt noch Sprachbarrieren bestehen, werden dagegen von Projektarbeit VOLLSTÄNDIG abgehängt. Die sind lost, loster, am lostesten.

Und davon gibt es in D gar nicht wenige. Immer mehr Schüler:innen verfehlen Mindeststandards im Lesen, Rechnen usw, die alle erst die Voraussetzung wären, um Projekte erfolgreich durchzuführen. Ich höre die Idee „Projekte“ auch besonders häufig von Reformschulen, die von der Schülerklientel, um die wir uns endlich dringendst kümmern müssen, vermutlich wenig frequentiert werden.

Der Gedanke ist der richtige, aber er trifft auf eine Bildungslandschaft, die ganz andere Baustellen hat.

Das bedeutet, dass Projektarbeit ein sinnvolles ZIEL von Fachunterricht ist (und mit zunehmendem Alter auch zunehmend eingesetzt werden sollte , im Gegenzug muss man halt klar sagen, was aus den Lehrplänen fliegen soll), dass sie Fachunterricht aber nicht ersetzen kann.

Hier ist Philipps Einwand sehr wichtig. Wir sollten auch die empirische Unterrichtsforschung ( Stichwort Hattie) ernst nehmen. Und soweit ich mich erinnere, findet die Projektarbeit für den Lernertrag nicht pauschal besser als Frontalunterricht, sondern es kommt immer auf die didaktischen Fähigkeiten der Lehrenden an.

genau da müsste man ansetzen. Lehrkräfte werden durch das Referendariat gejagt und sollen da in 1.5 Jahren zu Höchstform auflaufen, unter ständiger Prüfung und Beobachtung - und danach lässt man sie im Grunde bis zur Pensionierung allein .

Ja, es gibt Lehrkräftefortbildung, aber das ist insgesamt viel zu sporadisch und zu punktuell. Lehrkräfte müssten viel regelmäßiger unterstützt und begleitet werden, dann klappt es vlt auch mit den Projekten .

Wobei da, wie die Kollegin richtig sagt, auch deutlich mehr Rückendeckung der Schulministerien und -behörden nötig ist. In NRW gibt es mit der neuen APO GOSt immerhin erste zarte Gehversuche in die Richtung…

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Ist glaube ich eine Frage wann und wie man damit anfängt. Bei uns wird schon in der (Regel) Grundschule Projektorientiert gearbeitet - halt nicht ausschließlich, sondern so, dass die von dir angesprochenen Kompetenzen aufgebaut werden können.

Für mich kritisch: für sehr viele Menschen ist freie Projektarbeit die methodische Kernkompetenz, die sie im späteren Berufsleben (und oft den außerschulischen Bildungsweg) benötigen. wer Kindern alle Chancen im Werdegang offen halten will, der muss sie mit entsprechenden Fähigkeiten aus der Schule entlassen.

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… und das Thema ist doch eigentlich des Pudels Kern. Fehlt nicht zwischen Lehrern und Behörden konstruktiver und effizienter Austausch, wie man am besten lehrt und prüft? Viel zu wenig Thema im Podcast, bei allem Respekt für die Extrameile der Teachers for Future.

Deinen Einwand @LageHoerer kann ich nachvollziehen, vielleicht ist das Lernen in Projekten in der Schule auch noch ein bisschen zu früh. Gleichzeitig wurde mir Engagement und „Sachen anpacken“ im deutschen Bildungssystem (Schule & Uni) fast schon aberzogen. Die fehlende Selbsterfahrung als handelnder und wirksamer junger Mensch in Kombination mit den (ebenfalls in der Folge besprochenen) Klima- & Zukunftsängsten empfinde ich als strukturell schädlich für die anstehende Transformation der Gesellschaft - Die meine Generation immerhin umsetzen soll.

Ich bin für meinen Master glücklicherweise an die Hochschule für Gesellschaftsgestaltung gegangen und erlebe da, wie Theorie und Praxis gut miteinander kombiniert werden können. Ich habe nach 2 Semestern in den Projekten mehr gelernt, als in meinem ganzen Bachelorstudium. Wen’s interessiert: https://hfgg.de/

Da bin ich bei dir!

Vor allem die Lehrerin im Podcast - bei aller Würdigung ihres Engagements - scheint, von den Schülern (unabhängig ihres Alters?) Dinge zu erwarten, die Erwachsene bereits können, ohne sie dahin zu führen zu wollen. Projektarbeit (v.a. die Organisation) muss erst erlernt werden, und baut auf Fähigkeiten auf, die man sich (ohne das „richtige“ Elternhaus) nicht ohne Frontalunterricht anlernen kann. Wie ped angemerkt hat, sollte man damit früh anfangen, um hier zu fördern. Aber man sollte diejenigen Kinder, die noch überfordert sind, langsam (auf Basis der Kernkompetenzen) heranführen und nicht mit Organisationstalenten zusammen (überspitzt formuliert) ab Klasse 1 Projektarbeit machen lassen. Das ist nicht förderlich.

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Stichwort Kernkompetenz, ja , große Zustimmung. Schule ist ein Kind der Industriegesellschaft und pflegt daher auch noch die entsprechenden Arbeits- und Prüfungsformen. In einer digitalisierten Welt ist das zunehmend überholt, insbesondere seit weit KI nutzen.

Ich wollte nur sagen, dass man das alles erst mal lernen muss. Man kann nicht „einfach so“ ein Projekt machen, das geht schief. Und dafür braucht Schule halt auch die entspr. Freiräume (und Fortbildungen)

So hatte ich die Interviewpartnerin aber auch nicht verstanden. Ich hatte es so interpretiert, dass man die Kompetenz zu projektorientiertem Arbeiten eben am besten im projektorientierten Unterricht erlernt. Und das diese Art von Unterricht natürlich auch pädagogisch und didaktisch begleitet und vermittelt werden muss. Die mir bekannten Lehrer:innen, die projektbasiertes Lernen unterstützen, sehen das ebenfalls so: Das ist eine Kernkopetenz und die muss (wie jede andere Kompetenz) vermittelt und aufgebaut werden. Aber genauso wie Lesen und Schreiben ist ein wesentlicher Teil des Lernen eben das (angeleitete) Tun.

Diese Annahme würde ich kritisch hinterfragen. Welche Kompetenz/Fähigkeit kann die durchschnittliche Schüler:in denn ausschließlich/am besten im klassischen Frontalunterricht erlernen?

Frontalunterricht ist vor allem eines: theoretisch sehr ökonomisch. Minimaler Raum- und Personalbedarf. In der klassischen Reinform kann man den Lehrer streng genommen durch ein Video und ein simples Computerprogramm ersetzen. Zuhören, mitschreiben, wiederholen, testen, fertig.

Der Witz ist, dass Frontalunterricht an sich viel mehr eigenständiges Lernen von den Schüler:innen verlangt, als projektorientiertes Lernen, das in jeder praktischen Umsetzung auch einen gewissen Anteil individuelle Betreuung/Mentoring durch eine Lehrperson, oder eine Zusammenarbeit von Schüler:innen umfasst.

Natürlich wird Frontalunterricht auch an pädagogisch sehr konservativen deutschen Schulen nicht in Reinform umgesetzt. Die Behauptung, dass man die Fähigkeiten für projektbasiertes Lernen am besten/ausschließlich im Frontalunterricht erlernt halte ich für extrem gewagt.

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Wie kommst du darauf? Im klassischen Frontalunterricht als Extrembeispiel hat der Lehrer quasi kaum ein Feedback darüber wann und wie welcher Schüler aussteigt. Wer probleme damit hat zu Folgen wird abgehängt, ohne dass es überhaupt jemand mitbekommt. Erst im anschließenden Übungsblock tauchen dann die Defizite auf.

Frontalunterricht ist für viele Schüler vor allem eines: bequem. Man lässt sich eine Doppelstunde lang berieseln und dann geht man raus. Ob man aufpasst oder nicht spielt keine große Rolle.

Muss ein Schüler sich das Thema dagegen vermehrt selbst mit erarbeiten, dann kann der betreuende Lehrer sehr gut ausfindig machen an welcher Stelle der Schüler hängenbleibt.

Und kein Lehrer den ich kenne macht das ohne Einführung. Und die Einführung kann ja dennoch auch wieder durch Frontalunterricht erfolgen. Es kann aber auch erstmal jedem Schüler die Aufgabe gegeben werden selbst ein Thema zu erschließen. Man könnte z.B. die Schüler erstmal selbst recherchieren lassen bevor man dann die Theorie erklärt und die Schüler dann wieder selbstständig an Beispiele lässt.

Gerade diese Art von Arbeit schafft doch wieder Raum dafür, sich auch mal an den Tisch der schwächsten Schüler zu setzen und zu gucken wo deren Probleme überhaupt liegen.

Und Projekt heißt ja auch nicht unbedingt direkt als Kleingruppe einen Marsroboter zu konstruieren und zu bauen, sondern man fängt da schon erstmal relativ klein an.

Das ist für mich ein Kernpunkt. Neben dem Lernen der vom Lehrer vorgetragenen Inhalte ermöglicht Projektarbeit auch viel mehr lernen der Schüler voneinander. Gerade Schüler mit Deutsch als Zweitsprache kommen hier auch viel mehr ins Sprechen und lernen dadurch die Sprache besser.

Und spätestens bei der Hausaufgabe ist man ja auch beim Frontalunterricht wieder dabei, dass sich der Schüler selbst Inhalte erarbeiten muss. Gerade die Befürworter klassicher Unterrichtsmethoden sehen deshalb ja auch Hausaufgaben als wichtig an. Also warum nicht das selbstständige Arbeiten gleich im betreuten Umfeld lernen?

Edit:
Ich habe als Grundschüler im Heimat- und Sachkunde-Unterricht quasi nichts neues gelernt, weil fast alles was dort behandelt wurde habe ich schon in Büchern, mit Hörspielen oder im Fernsehen gelernt. Das ist zwar nur anekdotische Evidenz, zeigt mir aber doch, dass es sehr viel Potential gibt sich als Schüler Wissen ohne Frontalunterricht anzueignen.