Lehrer hier, vielen Dank erst mal, dass ihr eine Kollegin so ausführlich zu Wort kommen lasst.
Ich nehme auch wahr, dass das Thema Projektorientierung seit einigen Jahren Konjunktur hat und man sich sehr viel davon verspricht. Aus der Praxis kommend, möchte ich da zu etwas Vorsicht mahnen. Im Gespräch kam das auch vor, aber mE etwas zu kurz. Das Thema „Noten“ will ich ganz aussparen, weil es dazu schon einen anderen langen Thread gibt.
Arbeit an freieren Projekten setzt sehr (!!) viele andere Kompetenzen voraus. Ich muss mich ziemlich gut organisieren können, mit anderen effizient zusammenarbeiten und vor allem viel fachliche Orientierung haben. Denn in einem Bereich, von dem ich keine Ahnung habe, fällt mir auch kein brauchbares Projekt ein. Man muss etwas wissen (verstehen), um sinnvolle Fragen dazu stellen zu können.
Gute Ergebnisse sehe ich im Projektbasierten Unterricht daher vor allem bei Schüler:innen, die schon viele Kenntnisse mitbringen, tendenziell eher älter sind, also Sek 2 usw
Diejenigen aber, die dem herkömmlichen Unterricht nur mit Mühe folgen, die wenig Unterstützung von zu Hause erfahren, wo vlt noch Sprachbarrieren bestehen, werden dagegen von Projektarbeit VOLLSTÄNDIG abgehängt. Die sind lost, loster, am lostesten.
Und davon gibt es in D gar nicht wenige. Immer mehr Schüler:innen verfehlen Mindeststandards im Lesen, Rechnen usw, die alle erst die Voraussetzung wären, um Projekte erfolgreich durchzuführen. Ich höre die Idee „Projekte“ auch besonders häufig von Reformschulen, die von der Schülerklientel, um die wir uns endlich dringendst kümmern müssen, vermutlich wenig frequentiert werden.
Der Gedanke ist der richtige, aber er trifft auf eine Bildungslandschaft, die ganz andere Baustellen hat.
Das bedeutet, dass Projektarbeit ein sinnvolles ZIEL von Fachunterricht ist (und mit zunehmendem Alter auch zunehmend eingesetzt werden sollte , im Gegenzug muss man halt klar sagen, was aus den Lehrplänen fliegen soll), dass sie Fachunterricht aber nicht ersetzen kann.
Hier ist Philipps Einwand sehr wichtig. Wir sollten auch die empirische Unterrichtsforschung ( Stichwort Hattie) ernst nehmen. Und soweit ich mich erinnere, findet die Projektarbeit für den Lernertrag nicht pauschal besser als Frontalunterricht, sondern es kommt immer auf die didaktischen Fähigkeiten der Lehrenden an.
genau da müsste man ansetzen. Lehrkräfte werden durch das Referendariat gejagt und sollen da in 1.5 Jahren zu Höchstform auflaufen, unter ständiger Prüfung und Beobachtung - und danach lässt man sie im Grunde bis zur Pensionierung allein .
Ja, es gibt Lehrkräftefortbildung, aber das ist insgesamt viel zu sporadisch und zu punktuell. Lehrkräfte müssten viel regelmäßiger unterstützt und begleitet werden, dann klappt es vlt auch mit den Projekten .
Wobei da, wie die Kollegin richtig sagt, auch deutlich mehr Rückendeckung der Schulministerien und -behörden nötig ist. In NRW gibt es mit der neuen APO GOSt immerhin erste zarte Gehversuche in die Richtung…