Hallo liebes Lageteam,
bei eurer aktuellen Folge ist mir ein Punkt negativ aufgefallen. Frau Dröge nannte im Interview ein Politikfeld, bei dem man aus ihrer Sicht dringend heran müsste. Sie sagte, dass beim Netzausbau zu Gunsten der Energiewende mehr Tempo gemacht werden müsste. Ihr als Moderatoren habt dem beigepflichtet und eine wesentlich zu langsame Fertigstellung der sogenannten Stromautobahnen [kritisiert].
Als jemand der in diesem Bereich beruflich tätig ist, möchte ich da einmal ein Blitzlicht der Realität darauf werfen. Die seit 2012 gesetzlich festgelegten, großen Stromautobahnen sind allesamt seit 2-3 Jahren fertig genehmigt und seither im Bau. Rückblickend ist damit ein Planungs- und Genehmigungshorizont von 6-7 Jahren festzustellen und ein Bauhorizont bis zur Inbetriebnahme von 3-5 Jahren.
Wenn man nun einmal die Annahmen der Initiative zur Beschleunigung des Netzausbaus aus 2011 (als Reaktion auf Fukushima) ansieht, dann befinden sich die Stromautobahnen allesamt innerhalb des vom damals Gesetzgeber angenommenen Zeitkorridors von ca. 10-11 Jahren ab Beginn der Planungen bis zur Fertigstellung und Inbetriebnahme.
Warum gerade für Politik gerne den Eindruck vermittelt, es ginge dort zu langsam, ist ein Ablenkmanöver, auf das Medienvertreter in meinen Augen gerne allzu oft hereinfallen. Denn gemessen an dem ursprünglichen Fahrplan, die Stromautobahnen zur Abschaltung der letzten AKW in Betrieb zu nehmen, ist der Stand der Umsetzung natürlich hinterher. Derzeit geht man je nach Projekt von Inbetriebnahmen in 2027 oder 2028 aus. Nur sind diese Verzögerungen nicht mit administrativer Untätigkeit oder einer zu langsamen Umsetzung seitens der Unternehmen zu begründen, sondern unmittelbare Folge der Entscheidung der Bundesregierung im Jahr 2015, die meisten der Stromautobahnen statt als Freileitung als Erdkabel zu verlegen. Nach dieser Entscheidung musste je nach Projekt in 2-4 Jahren eine komplett neue räumliche (wo verläuft die Leitung) und technische Planung aufgesetzt werden. Dies und der Umstand, dass durch den Technologiewechsel eine Bauzeit von 3-5 Jahren eher ambitioniert ist (bei Freileitungen sind punktuelle Tiefbauarbeiten notwendig, bei Erdkabeln flächige), haben den ursprünglichen Umsetzungszeitpunkt im Jahr 2022 ausgeschlossen. Das ist aber nicht das Verschulden der vielen hundert Menschen, die bei Behörden, Planungsbüros, den Übertragungsnetzbetreibern und den Bauunternehmen teils bei Tag, Nacht und mit erheblichen Überstunden an diesen Projekten arbeiten und denen man mit solchen Aussagen Unrecht tut.
Grundsätzlich sollten sich Politik, Medien und die Bürger aber auch von der Vorstellung verabschieden, komplexe Infrastrukturprojekte, die ingenieurtechnische Herausforderungen darstellen, könnten durch genügend Personal und aufopferungsvollen Einsatz des selbigen immer schneller umgesetzt werden. Das sind komplexe Projekte, deren Bau und Betrieb sicher und zuverlässig erfolgen müssen. Irgendwann ist da das zeitliche Optimierungspotenzial auch ausgeschöpft. Ein konstruktives Teilprojekt wird nicht dadurch schneller fertig, dass ich statt zwei Prüfingenieure dann vier da heran setze. Im Gegenteil, es entstünden zusätzliche Bruchstellen und Abstimmungsbedarfe, die vermutlich eher Zeit fressen.
Kurzum: durch die ständige Wiederholung politischer Ablenkungsmanöver zur Verantwortung von zeitlichen Verzögerungen, fühlen sich etliche Menschen in Deutschland in ihrer täglichen Arbeit sicher (zu unrecht) nicht gewertschätzt. Es wäre gut, wenn wenigstens ihr damit einmal aufräumen würdet. Dann muss ich zukünftig nur noch ertragen, dass Markus Lanz jede Woche das selbe Narrativ ungeprüft in die Welt heraushaut.