LdN 476: Rente und konservative Argumente

Also, was das Thema Rente angeht, braucht ihr euch mMn keine Sorgen zu machen, dass ihr keine konservativen oder neoliberalen talking points bringt.

Immer wieder impliziert ihr, Lösungen für das Rentenproblem seien Kürzungen, was die grassierende Armut noch weiter verschlimmern würde, oder private Vorsorge, was sich Millionen nicht leisten können und auch Kaufkraftverluste mit sich bringt. Die Lösungen liegen bei euch vorwiegend in der sogenannten “Austerität”, wie in eurem Zitat “Da hat der Merz mal einen Punkt!” zu sehen, der als ehemaliger BlackRock Lobbyist und Manager genau diese Umverteilung mit forciert hat.

Dass die Ungleichheit immer mehr zunimmt, die Vermögen der Extremreichen (mehrfach höher als die gesamten Staatsschulden) immer weiter wachsen (schneller als die Staatsschulden), es also bereits jetzt zu einer massiven Umverteilung von unten nach oben kommt, spielt bei eurer Analyse, soweit ich das bisher verfolgt habe, keine Rolle.

Einer von etlichen alternativen Vorschlägen: Eine Besteuerung extremen Überreichtums z.B. ab 100 Millionen mit winzigen 2% nach Gabriel Zucman und eine Reinvestition in den Wohlstand der Bevölkerung würde das Rentenproblem verkleinern, die Volkswirtschaft und den Wachstum ankurbeln und natürlich auch “nebenher” Existenzängste und Verzweiflung (gerade von Rentner:innen) verringern, welche zur Zeit zum Auftrieb des Faschismus beitragen. Isabella Weber nennt sowas dementsprechend auch antifaschistische Wirtschaftspolitik.

Das ist alles faktenbasiert und wissenschaftlich fundiert und da könntet ihr wegen mir gerne auch diese linksliberale Seite mit in die Diskussion bringen, auch wenn ihr die neoliberalen Lösungen bevorzugt. Diese sind eben nicht “alternativlos”.

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Damned if you do, damned if you don’t

Die (kurzen) Ausführungen zur Rente in der LDN 476 waren ja eine Reaktion auf die Forums-Diskussionen um “zu wenig Berücksichtigung konservativer Perspektiven” und hatten keinen Anspruch darauf, dieses Thema in aller Tiefe und Breite vollständig abzudecken.
Nun wird den Hosts dafür hier wieder vorgehalten, sie würden alternativlos konservative/neoliberale talking points bringen

Für mein Empfinden greifen Ulf und Philip das Thema Steuerreformen/Steuergerechtigkeit (grob umrissen) fortwährend auf, bzw. haben all diese Dinge schon in vielen Lage-Folgen thematisiert. Auch Isabella Webers antifaschistische Wirtschaftspolitik war schon mehrfach Thema.
Den Hosts hier vorzuwerfen, sie würden all das nicht berücksichtigen - darum ging es in dem letzten Lage-Beitrag schlicht nicht - scheint mir ehrlich unangemessen

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Ich wollte nicht zum Ausdruck bringen, dass die Hosts grundsätzlich und durch und durch neoliberal sind. Hier geht es konkret um Aspekte vor dem Hintergrund der Rentendebatte. Vielleicht bin ich da nicht deutlich genug gewesen. Dass Ulf und Philip unser Wirtschaftssystem kritisch reflektieren, wollte ich also mit dem Post nicht prinzipiell in Frage stellen, sondern darauf hinweisen, dass beim Thema Rente die Forderung nach Rentenkürzungen, nach privater und kapitalgedeckter Vorsorge statt für Konsolidierung, Sicherung und Ausbau des gemeinwohlorientierten Umlagesystems zu sein, Denken in neoliberalen Austeritätskategorien ist und somit Umverteilung von unten nach oben. Und es scheint schon so, dass bei der Rente Ulf und Philip diese Prinzipien, sagen wir mal, für ganz vernünftig halten. Vielleicht aber ihnen die Konsequenz und Herkunft dieser Ideen nicht ganz bewusst ist. Darauf wollte ich hinaus und vielleicht auch auf die Widersprüchlichkeit vor dem Hintergrund ihrer sonstigen Haltung. Und Widerspruch dagegen einlegen. Ungefähr so

Dass das alles natürlich noch nicht ausdiskutiert ist und es erst angerissen wurde, ist klar und vollkommen richtig.

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Danke für die Offenheit und das Eingehen auf die Anmerkungen im Forum bzgl Erwähnung konservativer oder sonstiger Perspektiven an die Hosts. :slight_smile:

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Also, was das Thema Renten angeht, haben die meisten Diskutanten so ihre blinden Flecken.

Die Fakten sind doch:

  1. Solange wir von einem grundsätzlich umlagebasierten (d.h. nicht steuerfinanzierten) Rentensystem sprechen, hängen folgende Dinge mechanistisch zusammen:
    • Rentenhöhe
    • Beiträge
    • Beitragsdauer = Lebensarbeitszeit
    • Versicherungsfremde Leistungen
    • Rentenzuschuss aus dem Bundeshaushalt
    • Beschäftigung, Lohnentwicklung, Produktivität (allenfalls langfristig und indirekt im Einflusses des Staates)
    • Bevölkerungswachstum, Alterspyramide, Lebenserwartung (kaum zu beeinflussende externe Faktoren)
  2. In einem System, in dem immer mehr Rentner immer weniger Beitragszahler gegenüber stehen, hat die Politik folgende Hebel zur Verfügung, um das umlagefinanzierte Rentensystem zu stabilisieren:
    • Beitragshöhe = Lohnnebenkosten
    • Renteneintrittsalter (= Lebensarbeitszeit)
    • Rentenhöhe
    • Rentenzuschuss (der idealerweise nur die versicherungsfremden Leistungen finanziert)

Eine Verbreiterung der Beitragszahler durch eine Bürgerversicherung hilft, wenn überhaupt, nur vordergründig. Denn damit steigen ja auch die Anzahl der Rentenanspruchsinhaber. Man verschiebt das Problem damit - mal wieder - in die nächste Generation.

Was helfen würde, wäre, die Löhne und Gehälter sowie die Beschäftigung nachhaltig zu erhöhen, ohne dabei eine Inflation zu erzeugen. Nur: Wie?

D.h., jedwede Rentenpolitik, die das System stabilisieren will, muss entweder die Beiträge und/oder das Renteneintrittsalter erhöhen oder das Rentenniveau absenken. Das kann man nicht schön finden - ich jedenfalls bin froh, dass ich diese Entscheidung nicht fällen und vertreten muss. Aber was ist an diesen Fakten „neoliberal“? Warum muss man das als „Austerität“ framen?

Was hat in diesem Kontext der Begriff „Faschismus“ verloren? Die Stärke der AfD hat doch mit dem Rententhema wenig zu tun, sondern damit, der „die Politik“ und „der Staat“ seit Jahrzehnten nicht mehr liefert und damit das Vertrauen in die parlamentarischen Demokratie erodiert.

Ebenso ist mir unerklärlich, was das Rentensystem mit der wahrlich schwer zu ertragenden Ungleichheit zu tun hat (edit: Bis auf das Thema Beitragsbemessungsgrenze). Es sei denn, Du willst Superreiche besteuern und damit ein Rentensystem finanzieren, ohne die Rentensaldenmechanik zu stabilisieren. Scheint mir ebenfalls sehr kurzfristig gedacht. Die zusätzlichen Einnahmen aus einer reformierten Erbschafts-, Einkommensteuer- und Vermögenssteuer sollten wir besser effektiv und effizient einsetzen, z.B. für Bildung, Transformation und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, um damit Löhne- und Gehälter sowie die Beschäftigungsquote zu verbessern (was eher helfen würde, das umlagebasierte Rentensystem zu stabilisieren) und Sanierung und Modernisierung der Infrastruktur, des Gesundheitssystems- und Pflegesystems usw.

Am ehesten verstehe ich noch, warum am die Forderung nach einer (wie auch immer gearteten) Migration zu einem Kapitalgedeckten Rentensystem als „neoliberal“ bezeichnen möchte (weshalb sie aber nicht gleich falsch sein muss). Aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema, zu dem hier im Forum vermutlich schon alles gesagt wurde, z.B. hier.

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danke für die Einordnung. Ich sehe das ähnlich.

Ich denke, die Einkommenssituation der Geringverdiener zu verbessern, ist aus einer Vielzahl von Gründen ein lohnendes Ziel, schon um die Lebensqualität im hier und jetzt zu steigern, dass dabei auch mehr Sozialversicherungsabgaben anfallen und sich die spätere Rente erhöht, ist eher ein erfreulicher Nebeneffekt. Da ist seit der ersten Rentendiskussion bei der Riestereinführung schon einiges passiert, z.B. Mindestlohn, andererseits scheint der Anteil der Arbeitnehmer in prekärer Beschäftigung zuzunehmen. Wenn denen geholfen wird, sehe ich das nicht arg inflationstreibend.

Ganz im Gegensatz zu dem oben gemachten Vorwurf habe ich in dem aktuellen Beitrag auch erwähnt gehört, dass man eine degressive Rentenformel anwenden könnte, mehr Rentenpunkte bei zunehmender Höhe also zu immer geringerer Steigerung der Rentenhöhe führen würden. Das hatte ich in einem früheren Beitrag auch als Möglichkeit erwähnt, ob nun meine Idee aufgegriffen wurde oder eine andere, freut mich das sehr. Das muss man natürlich sehr behutsam dosieren, wenn es auch für bereits geleistete Beiträge gelten sollte, und es wird vermutlich von der freiwilligen Höherversicherung abschrecken.

Ein Problem wie die Rente um 30 Jahre zu verschieben, klingt jetzt nicht so schlecht. Zumal dann die meisten Boomer weg sind und das Problem kleiner geworden ist. Zudem hat man 30 Jahre, um durch Zuwanderung und Familienpolitik die Zahl der Einzahler zu erhöhen.

Wenn es also ein Pflaster gibt, das uns jetzt entlastet UND Zeit verschafft, gerne her damit! Zusätzlicher Vorteil wäre, mehr Buy-In der Bevölkerung. Wenn die Rente alle betrifft, sind alle an einer guten Lösung interessiert. Als Selbständiger oder Beamter kann man derzeit einfach für Rentenkürzungen sein, wenn man damit Steuererhöhungen abwenden kann…

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Man verschiebt das Problem nicht um 30 Jahre, sondern direkt ins hier und jetzt. Die Länder und Kommunen müssen sofort für ihre Beamten den AG-Anteil in die Sozialversicherungen abführen.

Das kann man wollen, gut und nachhaltig finden, aber wer die Forderung aufstellt, sollte erklären, wo die etwa 20 Milliarden EUR morgen herkommen sollen: Beamte in die Rentenversicherung: Bas-Vorschlag könnte bis zu 20 Milliarden Euro jährlich kosten - Institut der deutschen Wirtschaft (IW)

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Mal davon abgesehen, dass man nicht von 0 auf 100% kommen wird: Schulden. Ginge, analog zu Finanztransaktionen, auch an der Schuldenbremse vorbei. Schließlich steht den Einzahlungen heute konkrete Einsparungen in der Pensionszeit gegenüber.

(Edit/Ergänzungen: das wären keine neuen Schulden sondern nur transparente Schulden. Denn auch die derzeitigen Pensionsversprechen sind Verbindlichkeiten, die gegenüber Dritten als Gläubiger zu zahlen sind.)

(Edit/Ergänzungen2: auch finanziell keine blöde Sache, eine Verbindlichkeit, die im Schnitt mit der Lohnwachstumsrate wächst mit einer Zahlung zu begleichen, die man sichvzu wesentlich niedrigeren Bedingungen leiht.)

Deine Faktenaufzählung ist in meinen Augen nicht abschließend und umfassend, ich will versuchen, sie zu ergänzen. Die Fakten so zu setzen, wie du das tust, führt genau zu dem Framing, das ich an der Rentendebatte kritisiere. Wir reden nämlich von einem veränderbaren menschengemachten System und nicht von Naturgesetzen.

Erstmal aber danke für die vielen Argumente und Sichtweisen, die ich allerdings nicht teile. Vor allem die Auffassung, stabilisierende Rentenpolitik nur über (weitere) Verarmung, Erhöhung der Lebensarbeitszeit und Absenkung der Lebenserwartung zu bewerkstelligen sei. Ja, genau, das ist neoliberal und Ausdruck der Auswirkung dieser Ideologie auf unser Denken. Das geht, wie man bei deiner Argumentation sieht, so weit, dass man keine weiteren Alternativen sieht (bzw. sehen will/kann). Es wäre ehrlicher, wenn man die Konsequenzen dieser Rentenpolitik in der Diskussion stets erwähnen würde. Das hätte zur Folge, dass eine große Mehrheit sie ablehnen würde und auch andere Möglichkeiten zur Zukunft der Rente in den Diskurs hineinfließen könnten.

Natürlich muss eine Steuerfinanzierung und/oder eine schuldenfinanzierte Stabilisierung in der Zwischenzeit als Zuschuss zur Rente zur Lösung beitragen. Du fügst sie selbst in deiner Aufzählung als eine Möglichkeit an. Es ist auch genau das, was unser System bereits seit Jahrzehnten tut (und übrigens seit Anbeginn des Systems). Selbstverständlich muss dabei auch Überreichtum auf unterschiedlichen Ebenen (vor allem aus Übergewinnen, Erbschaften und Vermögen) zur Konsolidierung beitragen. Warum sollte diese nachhaltige und gerechte Möglichkeit der Finanzierung “kurzfristig” sein? Vom Reichtum gibt es ja mehr als genug, wie wir alle wissen und sehen können, wenn wir die Zeitung lesen oder die Augen aufmachen.

Ja, die Beitragsbemessungsgrenze sollte steigen. Warum auch nicht? Und in diesem Zusammenhang zur Bürgerversicherung: In der Schweiz pflegt man zu sagen: Die Millionäre brauchen das Rentensystem nicht, das Rentensystem braucht aber die Millionäre. Eine Auszahlung an Privatiers und andere nicht Bedürftige könnte gesetzlich eingeschränkt oder gedeckelt werden. (Zur Zeit ist es eher genau andersrum: Jeff Bezos z.B. ließ sich so arm rechnen, dass er staatliche Familienzuschüsse vom Finanzamt bekam. Analog dazu das Prinzip in D, wo sich Döpfner arm rechnen ließ, um quasi als 100er Millionär nichts für eine 1,5 Milliardenschenkung abzuführen)

Dann zu deinem “entweder/oder”: Nein, wir müssen nicht auf ein Rentenalter in Würde und eine nachhaltige Entwicklung verzichten und wir müssen diese Interessen auch nicht gegeneinander ausspielen. Der Elefant hier im Raum ist die Schuldenbremse (und auch unser Geldsystem), die unsere Entwicklung bremst, unseren Wohlstand und die soziale Marktwirtschaft gefährdet.

Deine These zum Faschismus ist sicherlich richtig, dass wir einen nicht handelnden Staat haben (schon wieder: Schuldenbremse!), der frustriert, beschreibt die Situation aber mitnichten umfassend. Die existentiellen Sorgen, das andauernde Gerede vom Gürtel-enger-Schnallen, vom Abstieg und alternativloser Armut für jegliche Altersschicht, die Unsicherheit und die Angst ist der Nährboden, auf den der Faschismus fällt, der mithilfe von Projektionen auf Sündenböcke (Ausländer, Frauen, Minderheiten, Religionen usw.) das berechtigte Unbehagen, die Wut und Verzweiflung kanalisiert. Und zu diesem Komplex gehört die Diskussion über eine “alternativlose” Verringerung der Rente für Menschen, die nur von der Rente leben oder deren Rente jetzt schon nicht zum Leben reicht. Die Altersarmutsquote von Rentner:innen steigt im Übrigen und zwar rapide. Das ist auch einer der vielen Bezüge zur Ungleichheit.

Wenn wir den Neoliberalismus kritisieren wollen, können wir zu seinen Einflüssen auf die Rentendebatte nicht schweigen.

Relativ simpel: Kurzfristig kann der Staat entweder den Zuschuss zur RV um 20 Mrd € kürzen. Dann ist es vorerst ein Nullsummenspiel, mit dem Vorteil, dass zukünftig auch Beamte ein Interesse an einem funktionierenden Rentensystem haben.

Alternativ (und aus meiner Sicht noch besser) könnten die Sozialbeiträge in der Breite gesenkt werden (nämlich in Summe um 20 Mrd €). Dies würde sofort die Wettbewerbsfähigkeit des Standort Deutschland stärken, da die Lohnnebenkosten sinken und die Kaufkraft der Menschen steigt. Zur Gegenfinanzierung könnte man z.B. den Spitzensteuersatz im selben Maße erhöhen. Damit fände unter dem Strich eine Umverteilung von hohen zu niedrigen Einkommen statt. Dies würde die Binnennachfrage und die Wettbewerbsfähigkeit stärken, ohne den Bund einen Euro zu kosten.

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