Liebe Lage,
eine kleine Kritik zur Iran Diskussion in der heutigen Lage.
Vorneweg, ich hätte mir auch gewünscht, dass das Völkerrecht hochgehalten wird, von den USA, von Merz etc. Nach Irak Krieg 2 und Ukraine ist es vielleicht wirklich tot. Oder vielleicht hat es nie wirklich existiert. Dazu die Anmerkung: Bei der Bombardierung Belgrads war der Konsens in Deutschland, dass es schon irgendwie OK war. Aber meiner Meinung nach wichtiger: bei der Rumreiterei auf dem Völkerrecht kam die Diskussion der Menschen im Iran viel zu kurz. Stattdessen die zweite Hälfte des Segments hauptsächlich Merz bashing. Ja, in teilen sicher verdient, geschenkt.
Durch meine persönliche Lebensgeschichte kenne ich viele Iraner, in Deutschland und im Ausland. Jeder - wirklich jeder - hat Verwandte oder Freunde, die auf der Straße erschossen wurden, oder in Gefängnisse verschleppt wurden. Ärzte, welche verwundete Protestler behandelt haben wurden teilweise auch verschleppt. Die Leichen werden nur gegen eine sogenannte Bullet-Fee herausgegeben. Also die Familien müssen große Summen bezahlen um ihre Familienmitglieder zu beerdigen. Ab Abscheulichkeit kaum zu übertreffen, wäre da nicht noch was teilweise mit jungen Frauen im Gefängnis geschieht, um „sicher zu stellen, dass sie nicht in den Himmel kommen“. Das führe ich jetzt im Detail hier nicht aus. Unter diesen Gesichtspunkten muss man sich vor Augen führen, dass der Iran das Menschenrechtsgremium der UN leitet. Auch das muss Teil der Völkerrechtsdiskussion sein.
Versteht mich nicht falsch. Ich will den Angriff nicht pauschal rechtfertigen. Ich weiss schlichtweg selber nicht was richtig ist. Darf man intervenieren, wenn 50.000 Demonstranten erschossen werden, aber nur wenn die eigenen Motive moralisch OK sind? Darf man bei 100.000 auch opportunistische Motive haben?
Alle Iraner die ich persönlich kenne haben sich diesen Angriff gewünscht. Trotz der Geschichte mit Shah, CIA, Mossadeq etc. Ist ihnen egel. Sie sind Pahlavi gegenüber kritisch, der noch nicht mal mit Namen in der Diskussion erwähnt wurde. Aber er ist besser als nichts sagen sie. Ja, das Danach ist die Größte unbekannte. Aber in ihren Augen ist alles besser als dieses Regime. Ihnen ist auch egal, dass Israel und die USA auch (primär) opportunistische Motive haben, wie das Atomprogramm etc.
Es hilft auch nicht den Iran mit dem Irak oder Afghanistan zu vergleichen. Eine andere Bevölkerung, eine andere Geschichte, ein anderes Staatsverständnis - alles wichtig für das „Danach“. Und im „Jetzt“, haben wir ein einzigartiges Regime: Die Verfassung der Islamischen Republik Iran von 1979 nennt den zwölften Imam als eigentliches Staatsoberhaupt. Man stelle sich vor bei uns im Grundgesetz stünde, der Bundeskanzler ist Staatsoberhaupt auf Abruf, bis Jesus zurückkommt.
Zur UK Verweigerung: Das wurde als Standhaftigkeit den US gegenüber gelobt, hat aber höchstwahrscheinlich mehr mit Innenpolitik zu tun. In UK gibt es seit neuestem die green-green alliance zwischen den Grünen und dem islamischen Wählerlager. Labour hat immer geblaubt, die Muslimischen Wähler niemals an die Tories oder andere Parteien verlieren zu können. Jetzt stellen sie in einigen Wahlbezirken die Mehrheit und wählen „independents“ aus den eigenen Reihen.
Und zum bigger picture: das kam auch zu kurz. Ich denke man muss den Angriff auf Iran als Vollendung von Entschlüssen sehen, die wahrscheinlich nach dem 07.10. gefasst wurden, die, nehme ich stark an, nicht nur vom ultrarechten Lager in Israel geteilt werden.
Die situation wird uns sicher weiter beschäftigen. Ich hoffe einige der Punkte oben können nochmal aufgefriffen werden. Vielleicht könnt ihr ja auch mal ein paar Exiliraner einladen, Pahlavi und seine Anhänger kritisch beleuchten.