In der Lage Nummer 466 wurde zum Thema Eppstein Files ja schon angesprochen, wie sensibel und schwierig die richtige Wortwahl bei dem Thema ist. Ich persönlich störe mich jedoch auch an dem Wort “Missbrauch”, dass dort (weiter) verwendet wurde.
Wenn ich “missbrauchen” im Duden nachschlage lese ich dort zuerst einmal folgendes.
- a) falsch, nicht seiner eigentlichen Bestimmung oder seinem eigentlichen Verwendungszweck entsprechend gebrauchen, benutzen; in unredlicher, unerlaubter Weise [für eigennützige Zwecke] gebrauchen, benutzen
und
- b) etwas in übermäßigem, sich schädlich auswirkendem Maß zu sich nehmen, anwenden
Unter Punkt 2 wird dann auch die hier verwendete Bedeutung erwähnt.
- vergewaltigen; sexuelle Gewalt gegenüber jemandem (besonders gegenüber Kindern) ausüben
Für mich schwingt dort aber immer auch die erste Bedeutung mit, womit sich die Frage stellen ließe: Wie sieht denn dann der “bestimmungsgemäße Gebrauch” eines Kindes aus, wenn eine Vergewaltigung oder sexueller Gewalt einen Missbrauch darstellt?
Mein Vorschlag wäre, stattdessen eine Vergewaltigung als Vergewaltigung zu benennen und andere Formen des “Missbrauchs” als sexuelle Gewalt zu bezeichnen. Im Falle der Vergewaltigung wird dadurch für mich klarer, worum es genau geht und in anderen Fällen verdeutlicht für mich das Wort “Gewalt” deutlicher, welches Leid und welcher Schmerz durch die entsprechenden Taten angerichtet wird.
Am Ende wirkt das Wort “Missbrauch” auf mich auch verharmlosend, genau wie der, in der Folge angesprochene, Ausdruck “minderjährige Frauen”.
Wie seht ihr das?
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Ich muss gestehen, ich kann solche semantischen Debatten manchmal nicht ganz nachvollziehen.
Die Interpretation, „Missbrauch“ würde zwangsläufig einen möglichen „Gebrauch“ implizieren und damit die Opfer nochmals objektifizieren, halte ich persönlich insofern für etwas konstruiert, als sie offensichtlich nicht der Bedeutung entspricht, die die Menschen im Kopf haben, die diesen Begriff verwenden. Niemand geht davon aus, dass es einen vertretbaren „sexuellen Gebrauch“ von Kindern gibt, den man dem „sexuellen Missbrauch“ irgendwie gegenüberstellen kann.
Ich erkenne aber an, dass es da auch andere Meinungen zu geben kann und es im Zweifelsfall besser ist, einen Begriff zu verwenden, der dieses Streitpotential gar nicht erst hat und von Opfern präferiert wird. Ich habe mir also angewöhnt, statt von Missbrauch von „sexualisierter Gewalt“ zu sprechen.
Für mich persönlich schwingt da oft das Problem der Euphemism Treadmill mit. Manchmal wird der neue, bessere Begriff zur Beschreibung einer negativen Sache über die Zeit eben auch wieder negativ konnotiert… Dieser Gedankengang sollte einen aber natürlich nicht daran hindern, Begriffe zu verwenden, die von Betroffenen als weniger abwertend empfunden werden.
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Mich hat das auch gestört, aber sie haben ja bereits im Zusammenhang mit dem Begriff „weitergereicht“, der genauso verstörend ist, gesagt, dass sie das bewusst gemacht haben, um die Dingifizierung von Menschen greifbar zu machen.
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Ich denke, man kann den Begriff verständlicherweise kritisieren, aber Ulf dafür nicht. Er ist Jurist und dieser Begriff wird nicht umgangssprachlich verwendet, sondern bezeichnet die Straftat, die im Strafgesetzbuch steht.
Ich finde vor allem schlimm, dass in anderen deutschen Medien oft von „minderjährigen Frauen“ (nein, das sind Kinder bzw. Mädchen) und „Sex mit Kindern“ (nein, das ist Vergewaltigung) die Rede ist.
Philip und Anne Will haben reflektiert. Wenn man das tut, macht man wenig falsch.
Allerdings weiß ich nicht, was z.B. an „zugeführt“ falsch sein soll. Genau das war es doch. Es war Menschenhandel.
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Mir ist es genauso negativ aufgestoßen. Gerade weil normalerweise ein großer Wert auf die Wortwahl gelegt wird, was ich sehr schätze. Ich vermute, dass der Tatbestand so heißt, hätte mir aber dazu eine begriffliche Einordnung des Teams gewünscht. Man kann z.B. Alkoholkonsum missbrauchen - keine Menschen. Mit diesem Wort wird die Gewalttat meines Erachtens verharmlost.
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Steht so im Gesetz. Heißt so.
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