LdN 461: China und der Ausbau der Erneuerbaren

Hallo,
Ich höre sehr gerne die Lage, da ich das Gefühl habe, dass ihr nach einer Lösung sucht. Ich will auch nicht die Kategorie der Kapitalismus-Kritik in Frage stellen oder darüber diskutieren, ob Autokratien effektiver sind als Demokratien.
Im Sinne der Lösungsfindung denke ich dennoch, dass es wichtig ist, gerade Aussagen darüber, was in Autokratien wie China oder “der ganzen anderen Welt” besser läuft, kritisch zu hinterfragen.
“Der Zubau an Energieproduktion in China oder der ganzen Welt findet fast ausschließlich auf Erneuerbaren statt.”
Ich habe mir dann einmal die Zahlen angeschaut und konnte das nicht so stehen lassen.

Auf der Wikipedia gibt es eine Auflistung von Electricity production (GWh) in China by source, 2008–2024 ( https://en.wikipedia.org/wiki/Renewable_energy_in_China). Darin sehe ich, dass China 10,086,880 GWh an totalem Electricity-Ausbau 2024 hatte (2025 ist noch nicht da). Davon waren 3,261,760 GWh erneuerbar. Wieder davon waren 1,836,080 GWh Wind+Solar, also etwa 20% an totalem Ausbau. Damit lässt sich das Bild, dass es einen fast ausschließlichen Zubau erneuerbarer Ressourcen gibt, nicht bestätigen.
Auch der Strommix im Jahr 2025 ist in China nur zu 34 % erneuerbar, mit 13% Hydro ( Volksrepublik China | App | Electricity Maps ).

Im Sinne einer Lösungsfindung denke ich daher, zumindest im Kontext China, dass eine Diktatur nicht besser handelt als eine Demokratie wie Deutschland (~40% erneuerbarer Strom).

Vielleicht habe ich da auch etwas missverstanden, ich freue mich auf die Aufklärung.

Liebe Grüße,
Philip

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China hat von 2023 auf 2024 laut deiner Quelle etwa 500.000 Gwh Strom zusätzlich produziert. Dieser Zubau kommt praktisch ausschließlich aus Erneuerbaren - Fossile gewinnen nur ca. 100.000 Gwh hinzu. Das Zitat passt also.

Zumal die zusätzliche Produktion aus Fossilen wohl nicht mit zusätzlichen CO2-Emissionen einhergeht, weil hier neue Kohlekraftwerke ältere, weniger effiziente Anlagen ersetzen.

Warum ignorierst du Hydro? China baut das aktuell weiter aktiv aus.

Außerdem relevant aus deiner Quelle:

2025 saw China’s first 12-month decline in carbon dioxide emissions attributable to growth in renewable energy.

Also ich würde Electricity Production als produzierten Strom übersetzen und nicht als Zubau, was auch an der Einheit GWh zu erkennen ist. Den Zubau kann man glaub ich nicht in der Tabelle ablesen, da produzierter Strom von Bedarf und im Fall von Erneuerbaren auch vom Wetter abhängt. Man könnte höchstens einen Indiz für den Zubau bekommen, indem man zwei aufeinanderfolgende Jahre miteinander vergleicht. Wenn wir jetzt 2024 mit 2023 vergleichen sind fossile um 109.000 GWh gestiegen, während erneuerbare um 500.000 GWh gestiegen sind. Das heißt Erbeuerbare waren 2024 für circa 80% des mehr erzeugten Stroms verantwortlich.

Von Elektrifizierung und Erneuerbaren-Ausbau: Chinas Emissionsanstieg flacht ab

Allerdings bleibt mit dem 2024 begonnenen Bau neuer Kohlekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 94,5 Gigawatt ein zentraler Widerspruch in der Energiestrategie des Landes bestehen.

[…]

Allein im Jahr 2024 hat China eine Rekordmenge von 277 Gigawatt Solar- und 79 Gigawatt Windenergie installiert und damit sein 2030-Ausbauziel für Erneuerbare Energien bereits sechs Jahre früher erreicht.

Da ist zu erkennen, dass deutlich mehr erneuerbare ausgebaut wurden. Hier noch als kleine Anmerkung China baut teilweise Kohlekraftwerke, lastet sie aber nicht komplett aus.

China ist politisch eine Diktatur, wirtschaftlich jedoch ein staatskapitalistisches System. Marktmechanismen existieren, stehen aber stets unter der Kontrolle der KPCh und dienen politischen Zielvorgaben.

Beim Thema erneuerbare Energien ist China nüchtern zu betrachten: Der massive Ausbau von EE bedeutet keine Substitution, sondern überwiegend Addition. Fossile Energieträger insbesondere Kohle bleiben tragende Säulen des Energiesystems. Der EE-Ausbau dient primär industrie, export und geopolitischen Zielen, nicht einer strukturellen Dekarbonisierung.
Die offiziellen Vorgaben der KPCh sehen keinen tiefgreifenden Emissionsrückgang vor. Realistisch ist bis etwa 2035 lediglich eine Reduktion der CO₂-Emissionen um rund 7–10 % nach dem Emissionspeak. Diese Zielvorgaben haben Gesetzescharakter, sind aber bewusst moderat. Entsprechend sinkt Chinas Anteil an den globalen CO₂-Emissionen nicht fundamental, sondern allenfalls von etwa 33 % auf rund 30 %.
Der häufig betonte EE-Ausbau ist daher klimapolitisch nur begrenzt relevant. China nutzt dabei systematisch den Strom statt Energievergleich sowie Brutto statt Nettozahlen. Da Strom nur einen Teil des Gesamtenergieverbrauchs abbildet und Industrie, Prozess und Wärmeerzeugung weiterhin stark fossil geprägt sind, wird der tatsächliche Systemeffekt überschätzt. Letzters machen wir auch.

Ich sehe das optimistischer, auch weil China sich in einigen der von dir angesprochenen Punkte weiterentwickelt. Bei der Rede vor dem UNGA hat Xi zuletzt:

  • bestätigt, dass China bis 2035 mindestens 7-10% Emissionen reduzieren wird
  • gesagt, dass der Anteil Erneuerbarer Energien bis 2035 an allen Verbrauchen (nicht nur Strom, sondern auch Wärme usw.) bei über 30% liegen wird.
  • in Aussicht gestellt, dass der Ausbau der Erneuerbaren Energien nochmal deutlich beschleunigt wird.
  • angekündigt, dass Verbrennungsmotoren nur noch ein Nischendasein bei Fahrzeug-Neuverkäufen in China fristen werden

Ich würde zustimmen, dass China die EE nicht aus irgendwelchen “romantischen” Überzeugungen von Naturschutz baut. Aber genau darum bin ich optimistisch. EE sind einfach inzwischen deutlich günstiger und China hat ein wirtschafts- und außenpolitisches Interesse, die Produktionskapazitäten von Solarpaneelen, Windrädern und Batterien weiter massiv zu steigern. Und diese zusätzlichen Kapazitäten werden sowohl in China, als auch weltweit zu sinkenden Kosten für EE führen. China nutzt hier die Einnahmen aus seinem Exportüberschuss durch den Verkauf von Konsumgütern an die USA und Europa für die Subvention von EE, von der auch wir wiederum profitieren. Mir wäre weniger Konsum lieber und ich mache mir keine Illusion, dass dahinter nicht eiskalte politische Kalkulation steckt, aber unter den gegeneben Umständen ist das ein akzeptables Ergebnis.

…zumal China im sogenannten “Solar Belt” liegt, also auf einem Breitengrad mit besonders guten Bedingungen für solare Nutzung. Zu dem Belt gehören u.a. auch der Mittlere Osten, Nordafrika und die USA. Zusammen mit einer günstigen Topografie und am besten noch Starkwindregionen sind dies wichtige Standortvorteile um mit günstiger Energie stromintensive Industrien anzusiedeln, welche in Zukunft entweder direkt oder indirekt (Wasserstoff) Grünstrom brauchen. Es ist übrigens seit letztem Jahr möglich, Stahl aus China zu ordern, der unter Einsatz von Wasserstoff hergestellt wird. Noch ist es grauer Wasserstoff, ein Anfang ist es dennoch.

Hier gibt es mehrere Missverständnisse

  • Die Quelle von dir ist nicht der Ausbau, sondern die Produktion “Electricity production (GWh) in China by source”
  • Wenn im Podcast von “Energieproduktion” gesprochen wurde, dann ist der Begriff falsch. Gemeint ist die Energieerzeigungskapazität also Leistung, meist in GW angegeben
  • Was im Podcast gesagt wurde basiert vermutlich auf den in den letzten Wochen kursierten Zahlen, dass bereits 2024 92,5 % des Stromkapazitäts-Zubaus EE war. 2025 noch mehr. Da EE aber meistens seltener läuft als Fossil, da vom Wetter abhängig, ist die Zahl tatsächlich etwas irreführend. Je nachdem, was man aussagen möchte.
  • Schaut man sich die Tabelle von deiner Quelle an, dann ist die Produktionszuwachs von 2023 auf 2024 bei 18,4 % für EE und 1,7 % für Fossile. Bei einem Anstieg der Stromproduktion um 6,7 %. Der Anteil EE wächst zudem am Gesamt Share.

Nichts desto trotz sollte man die Wachstumsdynamik nicht unterschätzen. Die Welt wird zunehmend erneuerbar. Der Anstieg beschleunigt sich, während fossile bestenfalls stagnieren.