Mich hat das um ehrlich zu sein wirklich überrascht. Dass seit 2021 meine Mails und Chats überprüft werden hatte ich nicht mitbekommen. Was jetzt genau überprüft wird und welche Dimension das hat war mir also komplett unklar.
Im Podcast „Die Rechtslage - LTO“ war die Chatkontrolle jüngst Thema (min. 26:13):
Zur aktuellen Praxis: Die erkannten Fälle werden in den USA bei einer NGO NCMEC gesammelt und von dort an die jeweiligen Ermittlungsbehörden weitergeleitet. Beim BKA sind 2025 rund 220.000 Meldungen von dort eingegangen, von denen etwas mehr als die Hälfte strafrechtlich relevant war und was fast alle Meldungen sind, die die Behörden in diesem Bereich erhalten.
Das Auslaufen der Verordnung im April wurde von den Unternehmen ignoriert und es wurde seither - also verbotenerweise - weitergescannt und weiter gemeldet. Diesen Umstand empfindet man bei der LTO als Ausdruck eines gewissen „Kräfteverhältnisses“ zwischen den US amerikanischen Providern und der EU - das Nicht-Einschreiten von allen Beteiligten als „irre“.
Es geht bei der freiwilligen anlasslosen Chatkontrolle um drei Bereiche:
- Hash-Wert-Abgleich mit bekanntem Bildmaterial
- Erkennung von bisher unbekanntem Bildmaterial
- Erkennen von Cyber-Grooming
Das Parlament hatte sich im März lediglich für eine anlassbezogene Chatkontrolle vom Typ Hash-Wert-Abgleich ausgesprochen. Es kam anders.
Den Sprechern ist nur eine einzige Klage bekannt, die sich gegen die freiwillige Chatkontrolle richtet - von der uns bestens bekannten GFF!
Weiteres zum Ablauf im EU-Parlament wurde hier ja bereits thematisiert und macht auch nur schlechte Laune. Ich kann den Podcast sehr empfehlen und LTO sowieso.
Ergänzung (für besonders Interessierte):
Aus dem Bericht der EU-Kommission zur Validierung (veröffentlicht einen Tag nach der Ratspositionierung zur „Chatkontrolle 2.0"):
Meta ist für den überwigenden Teil der Meldungen (an die NCMEC - private Inhalte/Kommunikation als Quelle) verantwortlich und verwendet laut eigenen Angaben für diese ausschließlich die Hash-Methode.
Die erfassten Meldungen werden vom NCMEC nach Diensten aber nicht nach privater vs. öffentlicher Kommunikation aufgeschlüsselt und beliefen sich 2024 auf insg. 2,65 Mio. Meldungen mit EU-Bezug.
Gemeldet an die EU (Meldung zusammengefasst) wurden:
Den Rückgang der Meldungen erklärt man sich durch die zunehmende Nutzung von verschlüsselter Kommunikation.
Die Kommission bezieht sich in der Methodenbeschreibung beim Hash-Verfahren überraschenderweise besonders auf die Google-Technologie, obwohl Meta mit 1,5 Mio (2024) den absolut überwiegenden Teil dieser Meldungen ausmachte.
Zwischen den abgegebenen Meldungen der NCMEC und den von den Ländern als erhaltenen berichteten Meldungen liegt eine Differenz von etwa 240.000 Meldungen oO.
Estland ist das einzige Land, das tatsächlich Angaben über die Verurteilungen in Folge der Chatkontrolle veröffentlicht hat → von 2022 bis 2024 in Summe 18.

Alle anderen Daten sind zur Validierung der konkreten Fragestellung nicht nutzbar.
Beispiel Deutschland (Zahlen sind da alle Verurteilungen wegen sexuellem Missbrauch von Kindern):
Wie wenig Mühe kann man sich eigentlich geben…
Welche Dienste überhaupt betroffen sind, da nennt der WDR:
- E-Mails über Gmail oder Outlook.com
- Direktnachrichten auf Instagram, Snapchat oder Discord
- Kommunikation über Microsofts Xbox
Falls man dem Ganzen etwas Positives abgewinnen möchte: Vielleicht wird zumindest dieses „2.Lesungs-Eilverfahren-Loophole“ geschlossen, was da offenbar geschlummert hat und man kann es nicht für die Chatkontrolle 2.0 o.ä. nutzen.
Ich sehe durchaus Argumente für den konkreten Vorschlag des EU-Parlaments - die Szenarien, in denen das Ganzen plötzlich in eine dystopische Massenüberwachung ausartet, kann aber spätestens nach dieser Aktion wohl niemand mehr als unrealistisch abtun.