Hallo liebe Lage,

ich schätze eure Sendung sehr und eure Beiträge zu Umwelt- und Tierschutzthemen regen stets zum Nachdenken an. Nachdem ich die letzte Episode gehört habe, möchte ich jedoch eine kritische Anmerkung zur Diskussion über „artgerechte“ Tierhaltung und die Nutzung von Tieren für Produkte wie Leder hinzufügen.

Es ist problematisch, wenn Personen in der Diskussion zu Wort kommen, die behaupten, sie würden den Tieren einen Dienst erweisen, indem sie sie angeblich artgerecht halten, obwohl sie diese letztendlich töten und zu Produkten wie Leder verarbeiten. Diese Darstellung verschleiert die Realität der industriellen Nutztierhaltung und der Lederproduktion, die, wie berichtet wird, oft mit erheblichen Leiden für die Tiere verbunden sind. Untersuchungen zeigen, dass selbst die als „artgerecht“ bezeichneten Haltungsformen den Tieren erhebliche Schmerzen und Stress zufügen können, ganz zu schweigen von den endgültigen Akten der Schlachtung und Verarbeitung​

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Die Frage, ob es überhaupt eine ethisch vertretbare Art der Tierhaltung gibt, wenn das Endziel die Tötung und Verwertung ist, bleibt zentral und unbeantwortet in vielen Diskursen. Diese einfach als gegeben hinzunehmen und zu akzeptieren, zeichnet ein unvollständiges und oft irreführendes Bild der Realitäten, denen Tiere in der Produktion ausgesetzt sind. Es ist wichtig, dass wir diese Aspekte nicht ausblenden und stattdessen eine offenere Diskussion über die Möglichkeiten einer wirklich ethischen Behandlung von Tieren führen.

Danke für eure kontinuierliche Arbeit und dafür, dass ihr Raum für diese wichtigen Themen bietet.

Liebe Grüße

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Die Frage, wie mit Tieren umzugehen ist, ist in der Tat zentral und leider in der Tat sehr umstritten. Gerade in der Tierethik werden alle erdenklichen Positionen vertreten:

  1. eine komplett abolitionistische Tierschutzposition (z.B. Tom Regan, der deontologisch argumentiert, dass jede Nutztierhaltung abzulehnen ist)
  2. eine die Tierhaltung zulassende, aber den Tieren Rechte gebende Tierrechtsposition (z.B. Peter Singer, der utilitaristisch argumentiert, dass die Interessen von Tieren ebenso schwer zu gewichten sind wie die von Menschen oder Will Kymlicka und Sue Donaldson, die diskutieren, ob zivilisatorisch genutzte Tiere auch „Bürgerrechte“ haben sollten)
  3. Leidvermeidende Positionen (z.B. Dieter Birnbacher, der mehr oder weniger sagt, dass Tiere getötet werden dürfen, insofern die Tötung ohne Leid geschieht und die Tiere bis dahin „gut behandelt“ werden, wie auch immer das definiert wird…)
  4. Tieren gar keine besonderen Rechte zubilligende Positionen (z.B. Ernst Tugendhat, der das, was Singer später Spezifizismus benannt hat, vertreten hat: Also die Sonderrolle des Menschen, die dem Menschen bestimmte Rechte gibt, die Tiere schlicht nicht haben, weil sie keine Menschen sind…)

Das ist nur ein erster, oberflächlicher Überblick, der natürlich noch viele Zwischenstufen hat (und vermutlich gibt es auch noch extremere Positionen als die von Tugendhat, ich tue dem Mann vermutlich Unrecht, indem ich ihn hier als Vertreter eines Anti-Tierschutz-Extrems darstelle… aber ich wollte „anerkannte“ Philosophen als Beispiele nehmen… und natürlich wird meine Ein-Satz-Darstellung auch nicht im Detail den Meinungen der Philosophen wieder, die ganze Bücher über das Thema geschrieben haben…)

Wie wir als Gesellschaft mit Nutztieren umgehen wollen hängt neben der oben erörterten philosophischen Betrachtung („Was ist Gerecht?“) natürlich auch von den praktischen Folgen ab („Welchen Preis wollen wir für diese Gerechtigkeit zahlen? Oder nehmen wir Ungerechtigkeit in Kauf, um unseren Luxus auf Kosten der Tiere zu erhalten?“). Als jemand, der seit 25 Jahren Vegetarier ist, hätte ich nichts dagegen, das Modell der Nutztierhaltung auslaufen zu lassen (dh. keine neuen Nutztiere in großem Umfang mehr zu produzieren und so mittelfristig aus der Massentierhaltung auszusteigen). Aber Ich sehe dafür beim besten Willen keine gesellschaftlichen Mehrheiten, schon nicht in westlichen Ländern mit großen Vegetarier- und Tierrechts-Bewegungen, aber schon gar nicht in anderen Kulturkreisen, wo der Anteil an Vegetariern teilweise noch unter 2% liegt und Fleischkonsum als wichtiger Teil der Kultur verstanden wird (Russland, Japan, Korea, Brasilien, aber selbst Portugal und Griechenland…)

Kurzum:
Es macht Sinn, diese Diskussion zu führen und auf die massiven ethischen Probleme der Nutztierhaltung zu verweisen, so wie es Sinn machte, 1600 auf die ethischen Probleme des Feudalismus zu verweisen. Aber uns muss klar sein, dass wir Positionen vertreten, die vielleicht in 200 Jahren - mit Glück - Mehrheitspositionen sein werden, aber heute noch Außenseiterpositionen sind, für die es definitiv leider keine gesellschaftlichen Mehrheiten gibt. Damit es diese Mehrheiten in der fernen Zukunft einmal gibt, ist es aber in der Tat wichtig, diese Probleme heute schon immer wieder zu thematisieren. Wir sollten uns nur nicht vormachen, damit kurzfristig etwas verändern zu können. Eine bessere Welt ist möglich, aber nicht morgen oder übermorgen, sondern in ein paar Jahrhunderten, vielleicht sogar in ein paar Dekaden, vermutlich aber nicht mehr zu unser aller Lebzeiten.

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Vielen lieben Dank für deine sehr ausführliche Antwort und vor allem auch die Auflistung der wichtigsten Positionen. Ich stimme dir voll und ganz zu, dass es womöglich Jahrhunderte dauert, dass diese Positionen mehrheitsfähig werden. Fände es glaube ich einfach nur schön, wenn ein sonst so aufgeschlossener und durchdachter Podcast wie die Lage, auch in diese Richtung mal ethische Betrachtungen zumindestens erwähnen würde. Und somit auch nicht Narrative der „guten“ Haltung … unkommentiert verbreiten, was ich finde die beiden Interviews tun, da ja die „guten“ Landwirt:innen dargestellt werden sollen. Aber ich glaube da fehlt mir, auch aus klimatechnischer Perspektive, die Betrachtung der Probleme der Tierhaltung in der Lage einfach ein bisschen aus meiner persönlichen Haltung heraus.

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