Die Frage, wie mit Tieren umzugehen ist, ist in der Tat zentral und leider in der Tat sehr umstritten. Gerade in der Tierethik werden alle erdenklichen Positionen vertreten:
- eine komplett abolitionistische Tierschutzposition (z.B. Tom Regan, der deontologisch argumentiert, dass jede Nutztierhaltung abzulehnen ist)
- eine die Tierhaltung zulassende, aber den Tieren Rechte gebende Tierrechtsposition (z.B. Peter Singer, der utilitaristisch argumentiert, dass die Interessen von Tieren ebenso schwer zu gewichten sind wie die von Menschen oder Will Kymlicka und Sue Donaldson, die diskutieren, ob zivilisatorisch genutzte Tiere auch „Bürgerrechte“ haben sollten)
- Leidvermeidende Positionen (z.B. Dieter Birnbacher, der mehr oder weniger sagt, dass Tiere getötet werden dürfen, insofern die Tötung ohne Leid geschieht und die Tiere bis dahin „gut behandelt“ werden, wie auch immer das definiert wird…)
- Tieren gar keine besonderen Rechte zubilligende Positionen (z.B. Ernst Tugendhat, der das, was Singer später Spezifizismus benannt hat, vertreten hat: Also die Sonderrolle des Menschen, die dem Menschen bestimmte Rechte gibt, die Tiere schlicht nicht haben, weil sie keine Menschen sind…)
Das ist nur ein erster, oberflächlicher Überblick, der natürlich noch viele Zwischenstufen hat (und vermutlich gibt es auch noch extremere Positionen als die von Tugendhat, ich tue dem Mann vermutlich Unrecht, indem ich ihn hier als Vertreter eines Anti-Tierschutz-Extrems darstelle… aber ich wollte „anerkannte“ Philosophen als Beispiele nehmen… und natürlich wird meine Ein-Satz-Darstellung auch nicht im Detail den Meinungen der Philosophen wieder, die ganze Bücher über das Thema geschrieben haben…)
Wie wir als Gesellschaft mit Nutztieren umgehen wollen hängt neben der oben erörterten philosophischen Betrachtung („Was ist Gerecht?“) natürlich auch von den praktischen Folgen ab („Welchen Preis wollen wir für diese Gerechtigkeit zahlen? Oder nehmen wir Ungerechtigkeit in Kauf, um unseren Luxus auf Kosten der Tiere zu erhalten?“). Als jemand, der seit 25 Jahren Vegetarier ist, hätte ich nichts dagegen, das Modell der Nutztierhaltung auslaufen zu lassen (dh. keine neuen Nutztiere in großem Umfang mehr zu produzieren und so mittelfristig aus der Massentierhaltung auszusteigen). Aber Ich sehe dafür beim besten Willen keine gesellschaftlichen Mehrheiten, schon nicht in westlichen Ländern mit großen Vegetarier- und Tierrechts-Bewegungen, aber schon gar nicht in anderen Kulturkreisen, wo der Anteil an Vegetariern teilweise noch unter 2% liegt und Fleischkonsum als wichtiger Teil der Kultur verstanden wird (Russland, Japan, Korea, Brasilien, aber selbst Portugal und Griechenland…)
Kurzum:
Es macht Sinn, diese Diskussion zu führen und auf die massiven ethischen Probleme der Nutztierhaltung zu verweisen, so wie es Sinn machte, 1600 auf die ethischen Probleme des Feudalismus zu verweisen. Aber uns muss klar sein, dass wir Positionen vertreten, die vielleicht in 200 Jahren - mit Glück - Mehrheitspositionen sein werden, aber heute noch Außenseiterpositionen sind, für die es definitiv leider keine gesellschaftlichen Mehrheiten gibt. Damit es diese Mehrheiten in der fernen Zukunft einmal gibt, ist es aber in der Tat wichtig, diese Probleme heute schon immer wieder zu thematisieren. Wir sollten uns nur nicht vormachen, damit kurzfristig etwas verändern zu können. Eine bessere Welt ist möglich, aber nicht morgen oder übermorgen, sondern in ein paar Jahrhunderten, vielleicht sogar in ein paar Dekaden, vermutlich aber nicht mehr zu unser aller Lebzeiten.