Ich denke, man muss wie eingangs Sara erwähnte, v.a. bedenken, dass es keine einfachen Lösungen gibt, weil die Ursachen unterschiedlich sind. Sie haben aber eines gemein: Man hat jahrelang einfach zugesehen und nicht in diesem Bereich ausreichend geforscht. Das soll aber keine Einladung sein, sich ein/zwei Gruppen als Sündenböcke auszusuchen (wie es einige Medien gerne tun, die nur über Femizide berichten, wenn es nicht-deutsche Täter sind).
Zuerst: „toxische Männlichkeit“ ist nicht mit „Männer sind das Problem“ gleichzusetzen. Das ist ein beliebtes Gegenargument derjenigen, die Femizide verharmlosen wollen.
Natürliche sind patriarchalische Familienstrukturen und Incels als gefährlich zu erkennen. Aber das betrifft offenbar nicht den Großteil der Tatverdächtigen. Incels kennzeichnet häufig, dass sie keine Beziehungen haben. Nutzt doch mal die Googlesuche mit „Partnerin getötet“ und macht euch ein Bild. Es sind Frauen unterschiedlichen Alters, aber immer haben die Männer „den Zugriff auf die jeweilige Frau verloren“. Wenn dann die Polizei gefragt wird, wird deutlich, dass meist schon vorher eine Morddrohung und/ oder häusliche Gewalt stattgefunden hat.
Ja, die Polizei kann mit den jetzigen Gesetzen nichts tun als abzuwarten bis aus der Drohung Gewalt wird. Und den Frauen wird geraten, Schutz zu suchen. Und was ist mit den (potenziellen) Tätern?
Gibt es einen Kumpel, der bei Morddrohungen rät, einen Therapieplatz zu finden? Gibt es eine Familie, die Hassrede gegen Frauen anspricht und auffordert, diese Aussagen zu reflektieren? Wie geht man denn in der Kneipe mit frauenfeindlichen Aussagen und Witzen um? Vorsicht, anekdotische Evidenz, aber v.a habe ich sehr viele wegschauende Männer erlebt, die „lass ihn einfach“ murmeln.
Was mir v.a. fehlt: Männer, die Anzeichen bei anderen erkennen, einschreiten und sich mit Frauen solidarisieren.
Auch Kleinigkeiten: Beispiel 1: Eine Frau wird nach einem Konzert auf dem Rückweg von einem Mann mehrfach angesprochen, obwohl sie klar macht, dass sie das nicht will. Ein anderer Typ geht auf den Mann zu und fragt ihn nach einer Zigarette, in der Zeit ist die Frau in der Menge verschwunden.
Oder auch Folgendes: die Band Tripkid textet: „Wie gut kennt ihr eure Jungs?“ und „jeder kennt ein Opfer, keiner kennt nen Täter“.
Ja, wir brauchen Maßnahmen nach spanischem Modell, aber auch Eltern, die ihren Söhnen einen gesunden Umgang mit Liebeskummer und Frust beibringen (Gefühle besprechen, Gefühlsregulierung, Was bedeutet Männlichkeit?) aka „educate your sons“, Schulen, die nicht weggucken müssen, wenn Gewalt unter Jungs eskaliert und Mädchen gestalkt werden (viel zu wenige Schulpädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen) und vielleicht auch Menschen, die frauenfeindliche Aussagen und „Witze“ nicht immer nur als harmlos abtun. Und eben auch Männer, die sich klar positionieren, ohne auf Heldentum zu hoffen. Jeder Täter fängt nicht mit nem Femizid an, sondern weit vorher.
Toxische Männlichkeit bedeutet v.a., dass Männer, Männlichkeit mit Macht, Durchsetzungsfähigkeit und Stärke verbinden und diese Vorstellungen nicht erfüllt sehen. Gefährlich wird es, wenn sie innere Konflikte nicht aushalten können, wenn z.B. die eigene Frau oder die gewünschte Frau unabhängig ist oder sich gar trennt. Denn sie haben nie gelernt, wie sie damit umgehen sollen. Weitere Indikatoren für mangelnde Gefühlsregulation bei Männern: Suizidrate sowie Alkoholmissbrauch. Da guckt die Gesellschaft auch mitleidig herabschauend weg, obwohl das sogar Staat und Krankenkassen sehr viel Geld kostet.
Kurz: unterschiedliche Ursachen, unterschiedliche Lösungsansätze. Wir brauchen für Yussuf (37) andere Maßnahmen als für Peter (64) und für die Erziehung von Leon (4) und Moghim (5) nochmal andere Ansätze. Denn bisher haben wir nur: „Frau, erstatte eine Anzeige, die nichts bewirkt, solange du nicht körperlich verletzt bist.“ Und für Mädchen: „Such dir einen netten Jungen.“
Wir müssen dringend über Männlichkeit und Rollenbilder in dieser Gesellschaft reden. Denn die Zeit von „ein Mann muss seine Frau vor Feinden beschützen“ ist längst vorbei, was toll ist, aber offenbar zu einer gewissen Orientierungslosigkeit führt.