Ich denke nicht, dass wir hier einen Dissens haben - ich stimme absolut zu, dass der Seeheimer Kreis in der SPD und die Realos bei den GRÜNEN die jeweils dominanten Gruppen sind und diese Gruppen eben rechts in den jeweiligen Parteien stehen.
Daher: Die GRÜNEN und die SPD mögen an sich eher sozial progressive Parteien sein, aber in den Machtstrukturen beider Parteien dominierten stets diejenigen, die eher mit der Union als mit der Linken koalieren würden. Das ist das Dilemma der deutschen Politik - wir haben theoretisch eine Parteienvielfalt, in der Praxis fühlt sich aber alles nach „Großer Koalition“ an. Das liegt auch an den problematischen Abstimmungsregeln im Bundesrat (Enthaltung = Gegenstimme, bei mehreren Parteien in der Landesregierung: Wenn eine Partei dagegen ist: Enthaltung = ganzes Bundesland ist dagegen…). Und dadurch, dass der Bürger, gemessen an den Inhalten, kaum einen Unterschied zwischen SPD- und Unions-geführten Bundesregierungen fühlt, wundert es auch nicht, dass die Ränder erstarken, denn die Versprechen in der Tat glaubwürdig einen „Change“, also genau das, was SPD, GRÜNE, FDP und Union nicht glaubwürdig versprechen können, weil sie es nie geliefert haben, als sie es hätten liefern können.
Insgesamt haben wir überall das Problem, dass Sozialdemokratien spätestens in den 80ern massiv nach Rechts gerückt sind und eher zu „gemäßigten Konservativen“ geworden sind.
Ich fürchte allerdings, dass die Parteienlandschaft, die wir haben, eben auch ein Ausfluss aus dem Wählerwillen ist. Die meisten Umfragen sprechen sich eher gegen „mehr Umverteilung“ aus. Bürgergeld-Erhöhungen oder Erbschaftssteuern werden regelmäßig in Umfragen abgelehnt (was ich absurd finde!), Vermögenssteuern werden zwar in Umfragen befürwortet, dann aber wegen der praktischen Schwierigkeiten abgelehnt (die berüchtigte „Feststellung der Besteuerungsgrundlage“). Ich fürchte tatsächlich, dass es keine wirklichen Mehrheiten für „wesentlich mehr Umverteilung“ gibt und genau das sich sowohl innerhalb der Parteien SPD und GRÜNE durchsetzt, ebenso wie sich genau das in den Wahlen dann durchsetzt. Etwas mehr Umverteilung scheint für eine Mehrheit in Ordnung zu sein („Gebt den Armen ein paar Krümmel vom Kuchen“), deutlich mehr Umverteilung wird jedoch konsequent von einer Mehrheit abgelehnt, was durchaus auch an Lobbyismus und Einfluss der Amerikanischen Kultur liegen mag (aber auch an den Erfahrungen mit dem real-existierenden Sozialismus).
Wie gesagt, das finde ich auch alles absolut katastrophal, aber wenn es stimmt, bedeutet das eben, dass das Problem - ähnlich wie in den USA - der Wahlbürger ist, da die politische Führung (Trump, konservative SPD/GRÜNE) letztlich nur ein Resultat der fragwürdigen Entscheidungen der Wähler sind.
Ich fürchte, wir bekommen erst eine andere politische Stimmung im Volk, wenn die gewählten Turbo-Kapitalisten vorneüber auf’s Gesicht fallen. Deshalb - so leid es mir für die Oppositionellen in Argentinien und den USA tut - hoffe ich, dass die Politik der Miliels und Trumps zu einer signifikanten Verschlechterung der Lage der Menschen in diesen Ländern führt. Denn nur so wird hinreichend deutlich, wie fatal diese neoliberale Politik ist…