Es müsste definitiv auch erst mal geklärt werden, was vermittelt werden soll. Stichwort: „Menschenbild“ des Grundgesetzes (vs. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit).

Dass es ein in Teilen der Republik virulentes Rechtsextremismus-Problem gibt, weiß man spätestens seit den 1990erjahren („Eine massive Welle fremdenfeindlicher Gewalt, die sich zu Beginn der 1990er Jahre im wiedervereinigten Deutschland entfaltete, bildete das Fanal für eine intensive wissenschaftliche Beschäftigung mit rechtsextremen Phänomenen“ (Aumüller et al. 2014)).

Ende der 1980er Jahre legte Wilhelm Heitmeyer mit „Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen“ eine erste umfassende, empirisch begründete Studie zum Thema vor (Heitmeyer 1987).

Spätestens seit 2002 wurden unter dem Titel Deutsche Zustände von Heitmeyer et al. repräsentative Langzeitstudien publiziert, die seit 2006 dann als Mitte-Studien über rechtsextreme Einstellungen in der Bevölkerung aufklärten.

Man weiß also seit mindestens zwei, eigentlich drei Jahrzehnten, was Sache ist.

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Ich glaube, wir sind uns alle einig, dass Rechtsextremismus ein generelles Problem in unserer Gesellschaft ist und man noch viel mehr dagegen tun sollte. Ich würde aber darum bitten, den Bezug zur Schule in diesem Thread zu wahren, weil wir sonst wieder bei einer allgemeinen Rechtsextremismus-Debatte landen, zu der eigentlich alle Argumente hinreichend ausgetauscht wurden…

Wenn wir also die wissenschaftlich eigentlich klare Lage (Es gibt ein großes Problem mit Rechtsextremismus) auf den Schulalltag beziehen, was könnte man tun?

Selbstverständlich sind Aktionen wie „Schule ohne Rassismus“ keine Lösung für dieses unglaublich große Problem. Aber ich denke doch, dass eine Schule, die das ernst nimmt, die Schüler an den Gedanken heranführt, dass „gegen Rassismus zu sein etwas gutes ist“ - und das finde ich durchaus unterstützenswert. Also alleine schon, dass das Thema Rassismus dadurch an der Schule thematisiert und eine klare Position dazu eingenommen wird.

Was kann man darüber hinaus noch tun? Natürlich sollte man Rassismus im Kontext des Sozialkunde-Unterrichts thematisieren und auch dort klare Positionen einnehmen. Bei im deutschen Geschichtsunterricht stark vertretenen Themen (Reformation, Nazi-Zeit) sollte jeweils auch Rassismus klar angesprochen werden, statt ihn, wie im Bezug auf Martin Luther, unter den Tisch fallen zu lassen. Eigentlich kann man den gesamten Geschichtsunterricht antirassistisch aufbauen, weil so ziemlich alle historischen Ereignisse eine Dimension der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit hatten (sei es wegen Religion (Judenpogrome), Nation (deutsch-französische Kriege) oder Ethnie (Kreuzzüge, Kolonialismus)). Eine stärkere Konzentration auf die Geschichte der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit könnte vielleicht dazu führen, mehr Kindern zu verdeutlichen, dass so ziemlich alle Katastrophen der Vergangenheit durch Rassismus mitverursacht wurden.

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Der Rechtsextremismus der dem Schulalter schon entwachsenen Generationen hat ja mit Versäumnissen der Bildungsinstitutionen in früheren Zeiten zu tun. Darüber hinaus sind die Älteren/Erwachsenen natürlich für Kinder und Jugendliche im Schulalter relevante Sozialisationsinstanzen. Mit diesem Problem muss Schule ja trotzdem umgehen. Es reicht nicht, nur die Schüler:innen zu erreichen.

Ein bloß kognitives Nachvollziehen in bestimmten Schulfächern (Geschichte, Gemeinschafts-/Sozialkunde/Politik) ist in jeden Fall zu wenig. Denn das gibt es, würde ich mal behaupten, längst, wenn auch noch „unterdosiert“.

Antirassismus, Antifaschismus und die aktive Zurückweisung Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit müssen die Norm im Sinne einer tagtäglich an Bildungsinstitutionen gelebten Alltagskultur werden. Die ethischen Werte, auf die sich eine solche Norm stützt, müssen Teil des Schullebens sein - gerade auch außerhalb einer Wissensvermittlung in bestimmten Schulfächern.

Auch sollte sie schon vor der Schule in Institutionen der Frühbildung aka Kitas vermittelt werden. Zum Teil wird das auch schon gemacht:

Daran kann man dann in der Schule anknüpfen und darauf aufbauen.

Die Diskussion krankt daran, dass allzu oft erst an weiterführende Schulen gedacht wird, wenn’s um Rechtsextremismusprävention geht. Selbige muss aber spätestens in der Grundschule beginnen.


Der Rechtsextremismus-Experte Professor Andreas Zick hat im Buchmessentalk mit Kinnert und Welzer übrigens dafür plädiert, auch die Graustufen des Rechtsextremismus (z. B. stimmen der NSDAP-Aussage, was Deutschland jetzt brauche, sei eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpere, 24 % zu, aber weitere 19 % teils … teils), stärker in den Blick zu nehmen und etwas dagegen zu unternehmen. Solche Vorstufen zum „harten“ Rechtsextremismus müssen natürlich gerade auch in Schulen intensiv bekämpft werden.


Es wurde ja jüngst diskutiert, ob Künstler:innen eine Erklärung abgeben sollten, um weiterhin als förderungswürdig gelten zu dürfen. Viel wichtiger fände ich, dass Lehrkräfte an Schulen sich explizit auf die Verteidigung der Verfassungswerte der Bundesrepublik Deutschland verpflichten müssen sollten und ein wiederholtes Zuwiderhandeln - trotz Beamtenstatus - die Entlassung nach sich ziehen kann. Mir ist allerdings nicht bekannt, inwieweit das schon (in allen Bundesländern) geltende Rechtslage ist.


Der Nazi-Aufmarsch heute in Marzahn-Hellersdorf verdeutlicht die Jugendgefährdung. Der Tagesspiegel schreibt dazu:

Unter den Demonstranten befanden sich zahlreiche Jugendliche und Minderjährige, einige mit Springerstiefeln und Glatze.

Aufgerufen hatten vor allem neu gegründete rechtsextreme Gruppierungen wie „Jung und Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“ (DJV), auch einzelne sächsische Neonazis waren vor Ort. […]

Viele der teilweise sehr jungen Neonazis gelten als gewaltaffin . Das Berliner Landeskriminalamt hat in den vergangenen Monaten nach Tagesspiegel-Informationen zahlreiche sogenannte Gefährderansprachen mit Akteuren von „Deutschen Jugend Voran“ und „Jung und Stark“ geführt.

Immerhin war die Gegendemo zahlenmäßig dreizehnmal so stark.

Aber, wie gesagt, wir müssen stärker die Graubereiche in den Blick nehmen.

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„Möchtest du tauschen mit jemanden, der alles verloren hat und neu anfangen muss?“ Und: „Bemerkst du einen Unterschied zwischen einer dauerhaft kalten Unterkunft und einem mal kurz kalten Klassenzimmer?“
Das hätte ich deinen Schüler quer durch den Raum und für alle zu hören gefragt. Aber du hast recht, dafür bleibt nur eine Sekunde. Schlagfertigkeit (im Sinne von kluge, entlarvfende Fragen) könnte man, wenigstens zu diesem Thema, methodisch durchaus verbessern.

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Richtig, wenn solche Grenzüberschreitungen regelmäßig ohne angemessene Reaktion bleiben, normalisiert sich solcher Alltagsrechtsextremismus immer mehr.

Die radikale Rechte ist nicht in erster Linie so erstarkt, weil sich Haltungen oder Präferenzen der Menschen verändert haben. Sondern – zumindest teilweise – weil „Normen“ zerbröckelt sind […].


Sehenswert ist noch eine WDR-Doku:

Und eine RBB-Dokumentation:

Erschreckend, wie die Lehrer:innen, die den Rechtsextremismus an der Schule in Burg öffentlich gemacht haben, im Stich gelassen wurden. Mittlerweile haben fünf weitere engagierte Lehrer:innen die Schule verlassen.


Schon in den 1990erjahren sagte der Rechtsextremist Gerhard Frey (DVU):

Rechts Wählen ist für junge Leute Teil der Jugendkultur geworden […].

Wer glaubt, die Rechtsradikalisierung eines Teils der Jugend wäre erst kurzfristig erfolgt, hat neuste Erhebungen nicht zur Kenntnis genommen:

Auch in 2024 haben wir keine Veränderungen feststellen können, die auf einen »Rechtsruck« hindeuten.

Bei den Jugendlichen sehen wir, dass jene, die sich schon immer als eher rechts oder rechts eingeordnet haben, es jetzt akzeptabel finden, auch so zu wählen. […]

Massiv hochgegangen auf über 50 Prozent ist die Angst vor Ausländerfeindlichkeit und wachsender Feindseligkeit zwischen den Menschen. In der Mehrheit sorgen sich Jugendliche also nicht vor Migration, sondern davor, was Populismus und Polarisierung mit der Gesellschaft machen.

Letzteres gibt Anlass zur Hoffnung, dass sich der Rechtsextremismus unter Jugendlichen nicht weiter ausbreitet.

Die Zeit der Ausreden und Bedenkenträgerei ist jedenfalls schon lange vorbei.

Aber das müssen Lehrkräfte doch ab Vereidigung nach § 7 Absatz 1 Nummer 2 BBG heute schon. Sie müssen zu jeder Zeit die Gewähr dafür bieten, für die FDGO im Sinne des GGs einzutreten.

Ich glaube einfach, dass es oftmals gar keine Zeit dafür gibt und Lehrkräfte sowieso viel zu viel damit beschäftigt sind, anderes zu tun als zu lehren.

Vielleicht wäre es gut, Schulen mit Fachkräften auszustatten, die für Extremismusprävention zuständig sind. Bestenfalls mit juristischem und politischem Schwerpunkt. Aber das ist dann wohl auch wieder eine Geldfrage.

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Ergänzt seien noch folgende Anlaufstellen und Initiativen:

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Zu Situationen wie diesen ein Tipp von einer Expertin:

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Nichts gegen das Video von Bianca Klose (warum schafft es die bpb eigentlich nicht, ihren Namen richtig zu schreiben?), aber ich denke, wie man prinzipiell in so einer Situation als Lehrkraft reagieren sollte, ist @Hoererin-der-Nation durchaus bewusst. Was sie beschrieben hat sind ja eher die konkreten Umstände, aufgrund derer sich Lehrende oft entscheiden anders zu handeln. Dazu gehört, so wie ich es verstanden habe und wie ich es auch aus anderen Schilderungen kenne, dass Lehrkräfte sich mit einer Reihe unterschiedlicher Aufgaben konfrontiert sehen, die sie alle erfüllen sollen, aber mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen gar nicht alle zufriedenstellend erfüllen können. Und die richtige Reaktion auf rechtsextremistische oder rassistische Aussagen von Schülern ist dabei eben nur eine von vielen, daneben gibt es ja auch noch so Kleinigkeiten wie eine Unterrichtsatmosphäre herstellen oder Lehrstoff vermittteln. Daher: Wenn ich so eine Lehrkraft wäre und so ein Szenario beschrieben hätte und mir dann jemand als Reaktion darauf mit diesem Video käme, würde ich mich ehrlich gesagt ziemlich verschaukelt fühlen.

Im Video geht Klose grundsätzlich auf Folgen des Nichthandelns ein. Die bestehen ja nun mal, unabhängig von anderen Parametern.

Daher ist es wichtig, im Kollegium eine gemeinsame Strategie einer prinzipiellen Intervention/Reaktion zu vereinbaren.

Sonst werden Grenzüberschreitungen und Normverletzungen zum neuen „Normal“.

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