Das Hauptproblem sehe ich hier darin, dass wir zwar marktwirtschaftliche Mechanismen anwenden, diese aber nur aus Sicht der Unternehmen halbwegs funktionieren, nicht aus Sicht der Gesellschaft.
Das Beispiel dafür ist die hier im Thread schon angesprochene Tatsache, dass Menschen, die ihren Berufsweg wechseln, im neuen Beruf i.d.R. geringere Löhne bekommen. Das steht dem Ziel, eine flexible Arbeiterschaft zu haben, die bereit ist, sich gesellschaftlichen Änderungen anzupassen, diametral entgegen. Das gegenwärtige System belohnt diejenigen, die möglichst lange in einem Job bleiben und bestraft diejenigen, die bereit sind, sich den wechselnden Anforderungen anzupassen und schlicht auf das Umlernen, was nun gebraucht wird.
Aus Sicht des Unternehmens macht das gewissermaßen Sinn - nach dem Motto: „Die Arbeitskraft mit 20 Jahren Berufserfahrung im gleichen Bereich ist effektiver und hat eine höhere Wertschöpfung, deshalb bezahlen wir sie besser“, aus Sicht der Gesellschaft ist das problematisch, weil diejenigen, die bereit die Last auf sich nehmen, noch mal im gehobenen Alter etwas Neues zu Lernen (undf dadurch bereits ein paar Jahre (mindestens teilweisen) Gehaltsausfall haben), dafür auch noch mit geringeren Löhnen bestraft werden. Und das darf meines Erachtens nicht sein.
Auf Tarifvertragsebene lässt sich das über eine Anrechnung der Berufserfahrung aus verwandten Bereichen berücksichtigen (wobei auch das noch viel zu wenig getan wird, der Reflex der Arbeitgeber ist da eher: „Nö, das zählt nicht, das ist zu weit weg!“), aber spätestens bei individuellen Gehaltsverhandlungen sehe ich nicht, wie wir das Problem beheben können.
Man könnte natürlich aus wirtschaftsliberaler Sicht antworten, dass es nicht die Aufgabe der Unternehmen ist, mittels Bezahlung dafür zu sorgen, dass Leute entsprechend der gesellschaftlichen Bedürfnisse umschulen. Genau so kann man aber natürlich auch sagen, dass das sehr wohl die Aufgabe der Unternehmen ist, denn die jammern ja über zu wenig Fachkräfte. Wenn sich dann aber einer mit 40 zur benötigten Fachkraft umschulen lässt, will man den nicht anständig bezahlen, sondern idealerweise so, wie den 22-jährigen, der gerade Ausbildung/Studium beendet hat… das passt eben nicht zusammen.