Die Studien an sich haben nichts mit Glauben zu tun. Die Ergebnisse, die diese Studien erhalten sind wahrscheinlich korrekt erzeugt worden. Die Ergebnisse zweifle ich in ihrer Gesamtheit nicht an. Worüber jedoch Dissens besteht, sind die Schlüsse, die daraus gezogen werden.
Ich habe die zitierten Studien aus deinem Link zum Volksverpetzer mal aufgelistet und die Kernaussagen fett markiert:
Gabriel 2023 (Volksverpetzer und IfO)
Sparpolitik fördert extreme Parteien - linke mehr als rechte - Effekt im unteren einstelligen Prozentbereich
Gold und Lehr 2024 (Volksverpetzer und IfW)
Regionalförderung senkt direkt die Zustimmung zu rechtspopulistischen Parteien, keinen Einfluss auf linke Parteien, Effekt um die 20 %. Aber auch als Kommentar auf Fetzer 2019:
Andererseits sind periphere Regionen, in denen bereits
regionalpolitische Maßnahmen ergriffen wurden, häufig Hochburgen populistischer Parteien.
Im Fall des Brexits waren die Regionen, die von EU-Transfers profitierten, besonders für einen
Austritt aus der EU
Fetzer 2019 (Volksverpetzer)
In Regionen, die besonders von den Kürzungen betroffen waren, erzielte Ukip besonders hohe Zugewinne. Da Ukip-Wähler überwiegend auch den EU-Austritt unterstützten, legt Fetzers Studie nahe, dass ohne die Austeritätspolitik das Remain-Lager das EU-Referendum gewonnen hätte.
Studie Cambridge University Press (Volksverpetzer):
Die Autoren argumentieren, dass die Sparpolitik zwar nicht direkt zu einem Machtgewinn dieser Parteien geführt hat, aber die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen, die sie verursachte, die politische Landschaft so verändert habe, dass sie den Aufstieg rechtspopulistischer Parteien begünstigte.
Hübscher et al. 2023 (Volksverpetzer)
Sparpolitik fördert Polarisierung auf beiden Seiten des Spektrums
Baccini und Sattler 2021 (Volksverpetzer)
Sparmaßnahmen haben in weniger gefährdeten Gebieten kaum Einfluss auf die Popularität populistischer Parteien. Die Ergebnisse unterstreichen, dass Sparpolitik, unabhängig von Wirtschaftskrisen, populistische Unterstützung fördert, besonders dort, wo wirtschaftliche Schwächen und Sparmaßnahmen zusammenfallen.
Cremaschi et al. 2023 (Volksverpetzer)
Es zeigt, dass ein Mangel an lokalen öffentlichen Diensten wie Gesundheitsversorgung, Bildung und Transport in Italien zu einer erhöhten Unterstützung für rechtsextreme Parteien geführt hat. […] Die Studie verdeutlicht, wie öffentliche Dienstleistungsverknappung und die Präsenz von Einwanderern dazu führen können, dass einheimische Bürger sich im Wettbewerb um knappe Ressourcen sehen, was den Boden für die Rhetorik rechtsextremer Parteien bereitet.
Alle Studien zeigen in die gleiche Richtung. Über Ursachen, Begleiteffekte und konkrete Auswirkungen treffen Sie jedoch aufgrund unterschiedlicher Datengrundlage, Ausrichtung und Zielsetzung so unterschiedliche Aussagen, dass es schwierig möglich ist, sich eine Publikation aus der Reihe herauszunehmen und diesen Effekt als wahr herauszustellen, da sich diese Studien in Ihren spezifischen Ergebnissen nunmal teilweise nicht in Deckung bringen lassen.
Das was ich da gemacht habe ist keine Diskreditierung. Ganz im Gegenteil. Das ist wissenschaftlicher Diskurs. Ich stelle die Ergebnisse auch nicht in Frage, sondern ich stelle die These auf, dass aufgrund der vorliegenden Daten eine Handlungsempfehlung für die Politik nicht treffsicher abgeleitet werden kann, solange zusätzliche Effekte nicht beachtet werden (Gabriel 2023 zum Beispiel bezieht die Weltwirtschafts- und Eurokrise in die Auswertung mit ein)
Meines Erachtens ist die Studie Gold und Lehr 2024 eben kein peer reviewed Paper, sondern ein working paper, welches auf dem Hauskanal veröffentlicht wurde.
Dass diese Art der Kritik (meine, nicht Christian Lindners) unbedingt notwendig ist und ich es deshalb innerhalb des Papers erwartet hätte und auch von den Autoren im Rahmen eines Peer Reviews einfordern würde, zeigt ein Artikel aus der Artikelserie „Unstatistik“: Selbst korrekt durchgeführte, nach höchstem Standard geplante, wissenschaftliche Studien können unwahre Ergebnisse liefern, weshalb eine Einordnung in den Kontext so unglaublich wichtig ist. Ansonsten wäre das Ablehnen von Homöopathie Wissenschaftsleugnung.