LdN 355: Verbot der Doppelbestrafung

Hallo,
mit Interesse habe ich sowohl die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts verfolgt, als auch die Einordnung und die Erläuterungen in der Lage zur Entscheidung, dass das Verbot der Doppelbestrafung bestehen bleibt bzw. dass das „Möhlmann-Gesetz“ gekippt wurde.
Je länger ich mir allerdings die Lage angehört habe, habe ich mich gefragt, ob mit all den Begründungen zum Verbot der Doppelbestrafung nicht auch der umgekehrte Fall - nämlich dass ein unschuldig Verurteilter ein Anrecht auf Freispruch hat, nachdem z.B. neue Beweise, die ihn entlasten bekannt werden - verfassungswidrig ist.
Offensichtlich ist das nicht der Fall, was ja auch gut so ist. Und wie ihr vielleicht merkt bin ich auch kein Jurist, aber mich würde die Begründung interessieren.
Gar nicht so sehr im Sinne von „da gibt es halt ein Gesetz“, sondern eher - was weiß ich - Grundgesetz auf Freiheit wiegt schwerer als Grundgesetz, dass ein rechtskräftiges Urteil fest zementiert steht.
Freue mich schon auf eure Kommentare/die Begründung.

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Die Begründung ist letztlich anders herum:
Art. 103 Abs. 3 GG verbietet die Doppelbestrafung als Verfassungsrecht als Ausfluss des Rechtstaatsprinzips. Art. 103 Abs. 3 GG soll daher den Bürger schützen.

Es gibt logischerweise kein vergleichbares „Verbot“ eines „doppelten Prozesses“ nach einer Verurteilung mit dem Ziel, die Unschuld doch noch zu beweisen, denn dieser „neue Prozess“ bei der Wiederaufnahme des Verfahrens zu Gunsten des Verurteilten ist ja gerade auch ein Schutz des Bürgers und damit auch ein Teil des Rechtstaatsprinzips.

Daher wäre es sehr… naja, unsinnig… wenn es verfassungsmäßig verboten wäre, einen Prozess zu Gunsten des Verurteilten wieder aufzunehmen…

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Steht denn dann bei einem neuen Prozess „zu Gunsten des Verurteilten“ schon der Freispruch im Raum oder können da auch neue, belastende Beweise auftauchen?

So absolut gilt das Verbot wohl gar nicht. Laut Deutschlandfunk kann bei Geständnis eines Freigesprochenen das Verfahren wiederaufgenommen werden.

Muss das hochoffiziel per Eidesstattliche Erklärung vor einem Richter erfolgen oder reicht ein betrunkenes Geständnis in der Halböffentlichkeit um das Verfahren wiederaufzunehmen? Weiß einer der anwesenden Juristen was passiert, wenn der Angeklagte vor Gericht das Geständnis widerruft?

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Grundsätzlich ist die Wiederaufnahme eines Verfahrens zu Gunsten des Verurteilten ein „Wiederaufrollen“ des Verfahrens, daher: Der Fall wird - von einem anderen Gericht - völlig neu verhandelt. Es gilt aber, ähnlich wie bei Berufung oder Revision durch den Verurteilten, ein Verschlechterunsverbot, daher: Er kann nicht schlechter aus der Sache rausgehen, als er reingegangen ist. Dennoch könnten hier mEn alle Beweise vorgebracht werden, die auch für eine Schuld sprechen, um eine neue Verurteilung zu erzielen.

Nicht nur bei einem Geständnis, sondern auch, wenn maßgebliche rechtstaatliche Mängel aufgetreten sind. § 362 StPO (ohne die vom BVerfG nun gekippte Nummer 5) gibt hier einen schönen Überblick, wann es möglich ist, zu Ungunsten des Verurteilten ein Verfahren wieder aufzunehmen.

Nummern 1-3 sind quasi alle Fälle, in denen der Freigesprochene das Urteil auf eine unerlaubte Art beeinflusst hat, z.B. durch Urkundenfälschung (Beweise zu seinen Gunsten gefälscht), Beeinflussung von Zeugen und Sachverständigen (man denke an Mafia-Fälle!) oder gar Bestechung von Richtern oder Schöffen. Dass in solchen Fällen eine Wiederaufnahme auch zu Ungunsten des Freigesprochenen möglich sein muss ist denke ich offenkundig, da hier der Freigesprochene ja auch mit krimineller Energie seinen Freispruch erzielt hat (im Gegensatz zu Fällen, wo er freigesprochen wurde und nur die ihm rechtmäßig zur Verfügung stehenden Verteidigungshandlungen (z.B. Schweigen, Schutzbehauptungen usw.) genutzt hat). Wer hingegen auf strafbare Weise in seinen Gerichtsprozess eingreift darf natürlich nicht darauf vertrauen können, dass der dadurch erzielte Freispruch Bestand hat.

Nummer 4 hingegen hat eine ganz andere Denkrichtung: Hier geht es darum, dass der Freigesprochene das Recht auf Strafe hat und jeden Zweifel an seiner Schuld durch ein glaubwürdiges Geständnis beiseite räumt. Dem liegt der Gedanke zu Grunde, dass jemand moralisch von seiner Tat so zerfressen wird, dass er ein Geständnis ablegt und quasi um Strafe bittet. Zur Rechtfertigung dieser Doppelbestrafung wird teilweise angeführt, dass der Freigesprochene durch Ablegen eines Geständnisses freiwillig auf den Schutz des Art. 103 Abs. 3 GG verzichtet.

Hier wird sehr deutlich, dass das Geständnis schon glaubwürdig und freiwillig abgelegt sein muss. Daher: Würden die Angehörigen der Opfer jetzt mit Gewalt und Folter ein „Geständnis“ erwirken, wäre das sicherlich nicht geeignet, das Verfahren wieder aufzunehmen. Ob ein durch Tricks und dann auch noch illegal aufgezeichnetes Geständnis verwendet werden dürfte ist wohl zumindest extrem fragwürdig.

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Warum wird im Podcast die abweichende Meinung von zwei Mitgliedern des Senats nicht erwähnt? Oder habe ich etwas überhört? Das gehört zur Wahrheit ja auch dazu. So klar und eindeutig ist es ja nicht, dass 103 GG keiner Abwägung zugänglich ist. Mich überzeugt die abweichende Meinung deutlich mehr. Der Punkt „echte Rückwirkung“ ist natürlich klar. Daran musste es scheitern. Den Punkt könnte man in einem neuen Gesetz aber einfach beheben. Für die Zukunft wäre es schon sinnvoll, bei allerschwersten Straftaten ein neues Verfahren zu ermöglichen.

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Das ist absolut nachvollziehbar. Wir sollten uns hier keine Illusion machen: Die Tatsache alleine, dass der Fall vom BVerfG angenommen wurde und es zu einem Urteil mit zwei Sondervoten kam, zeigt, dass das Thema auch juristisch hoch umstritten ist, wie übrigens ziemlich viel im Bereich Jura. Es kommt eben sehr häufig darauf an, welche Gewichtungen vorgenommen werden.

Dass in diesem - gesellschaftlich wie juristisch - umstrittenen Fall natürlich Sondervoten zu Stande kamen und sich nun diejenigen, die sich ein anderes Urteil gewünscht haben, um diese Sondervoten scharen, ist wie gesagt verständlich. Aber zu einem Rechtsstaat gehört es, dass man die Mehrheitsentscheidung - immerhin mit 6:2 Stimmen - des höchsten Gerichts akzeptiert, auch wenn man mit ihnen nicht einverstanden ist und eine andere Entscheidung auch vertretbar gewesen wäre. Man sollte zumindest anerkennen, dass die Entscheidung des BVerfG auch vertretbar war, auch wenn man selbst zu einem anderen Ergebnis gekommen wäre.

Wie gesagt, dieser Punkt ist sowohl gesellschaftlich als auch juristisch hoch-umstritten. Natürlich kann die Politik einen neuen, handwerklich saubereren Versuch wagen, natürlich kann sie im Zweifel auch die Formulierung des Art. 103 Abs. 3 GG so abändern, dass Ausnahmen, die noch mit dem Rechtstaatsprinzip vereinbar sind, aufgenommen werden.

Ob das geschieht ist nun eine Frage der Politik und selbstverständlich kann man sich dafür engagieren, hier einen erneuten, diesmal verfassungskonformen, Versuch zu unternehmen. Ich selbst bin in der Sache nebenbei völlig unentschlossen, ich hätte mich mit beiden Ergebnissen abfinden können und hielt folglich auch beide Ausgänge für vertretbar.

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Alles gut. Ich kann mit dem Urteil sehr gut leben. Habe mich nur gefragt, warum im Podcast das Sondervotum mit keiner Silbe erwähnt wird. Das fand ich schon etwas schwach und das dürfte meiner Meinung nach auch nicht den inhaltlichen Ansprüchen genügen.

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Wenn sie sich doppelt so lang Zeit für das Thema gegeben hätten, hätten sie wahrscheinlich auch die Sondervoten erwähnt, denke ich. Ich war sehr mit der Aufarbeitung zufrieden und bin auch sehr froh über die Entscheidung. Dass Eltern ein Kind durch ein Verbrechen verlieren ist furchtbar. Aber dass ein Vater 40 Jahre lang den Schmerz scheinbar willentlich aufrechterhält und in Kauf nimmt, dass möglicherweise ein dennoch Unschuldiger bestraft wird, ist mir eine ungute Vorstellung - nämlich Rachebedürfnis, das doch eher ein weiteres oder sogar mehrere weitere Leben zerstört (das eigene, vielleicht das von weiteren Angehörigen, und eben eines ehemals verdächtigen Freigesprochenen). Auch davor glaube ich will der Rechtsgrundsatz schützen.

In ähnlicher Weise wäre ich dafür, reine Indizienurteile unzulässig zu machen. Was verlöre die Allgemeinheit, wenn ein tatsächlicher Mörder freigesprochen wäre auch bei erdrückenden Indizien? Dass er einen zweiten Mord begeht, weil er so schön durchgekommen ist? Bei einem des Serienmords Verdächtigen werden sich sehr viel leichter Beweise finden, weil halt so viel mehr Spuren vorhanden sein werden. Also auch hier: der anscheinend grosse Eifer, eine Verurteilung zu liefern auch ohne glasklaren Beweis deutet auf ein Rachebedürfnis, das von den Medien und vom Stammtisch getragen ist mE.

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Ich bin kein Jurist, aber ich verstehe nicht, wie man aus Art. 103 Abs. 3 GG:

Niemand darf wegen derselben Tat auf Grund der allgemeinen Strafgesetze mehrmals bestraft werden.

ableiten kann, dass niemand nach einem Freispruch nochmal verurteilt werden kann. Ich kann die Begründung nachvollziehen aus der Lage, warum das generell nicht erlaubt werden sollte, aber ich kann beim besten Willen einfach nicht erkennen, wie man das aus diesem Text rauslesen kann.

Bestrafen bedeutet ja das Auferlegen einer Strafe. Und ich hab jetzt keine vernünftige Definition von Strafe auf die schnelle gefunden, aber ich würde sagen es ist sowas wie das gezielte Hinzufügen eines Schadens an einen Menschen, weil dieser gegen Regeln verstoßen hat. Also sagt Art. 103 Abs. 3 GG für mich aus, dass man z.B. nicht jemanden 2 mal für dieselbe Tat ins Gefängniss stecken kann.

Aus Art. 103 Abs. 3 GG könnte ich aber noch nicht mal herauslesen, dass jemand nicht 2 mal für dieselbe Tat verurteilt werden darf, da eine Verurteilung an sich gesehen ja noch keine Strafe ist. Was aber definitiv keine Strafe ist, ist ein Freispruch. Das heißt, wenn jemand verurteilt wird, der vorher schonmal freigesprochen wurde, wurde er ja zu dem Zeitpunkt noch gar kein erstes Mal bestraft.

Außerdem, selbst wenn man einen Freispruch als Strafe ansieht, würde das meiner Meinung nach bedeuten, dass man allen Menschen die freigesprochen werden, eine Entschädigung zahlen müssten, da sie ja für etwas bestraft wurden, dass sie gar nicht begangen haben.

Die mentale Gymnastik, die Juristen hier machen, um aus Art. 103 Abs. 3 GG rauszulesen, dass eine Mehrfachverfolgung verboten ist, würde mich dann doch mal interessieren.

Ich kann deinen Einwand verstehen.

Um zu verstehen, warum man Art. 103 Abs. 3 GG so auslegt, dass „bestraft“ auch „freigesprochen“ enthält, muss man letztlich in die Details der juristischen Gesetzesauslegung gehen.

Relevant sind hier sowohl die teleologische, die historische und die systematische Auslegung - alle drei zusammen erklären, warum Art. 103 Abs. 3 GG „weit“ ausgelegt wird.

Teleologisch (also dem Sinn nach) geht es beim Verbot der Doppelbestrafung darum, einen übergreifenden staatlichen Strafanspruch zu verhindern. Könnte man im Falle eines Freispruchs einfach ein neues Verfahren einleiten - weil ja schließlich nicht bestraft wurde - droht die Gefahr, dass eine „problematische Staatsgewalt“ (und gegen den soll die Verfassung „sicher“ sein! Also z.B. wenn die AfD tatsächlich mal die Regierung bildet…) bei freigesprochenen „Systemgegnern“ so oft neue Verfahren einleitet, bis endlich die ersehnte Strafe dabei rum kommt.

Und das führt zur historischen Auslegung, weil die Nazis es tatsächlich genau so gemacht haben. Auch im Dritten Reich gab es theoretisch das bereits aufs römische Recht zurückgehende Doppelbestrafungsverbot. Aber man hat es schlicht ignoriert. Wurde also jemand freigesprochen oder aus Sicht der Staatsführung „zu gering“ bestraft, wurde schlicht ein neuer Prozess eingeleitet. Auch das will man verhindern.

Dazu kommt die systematische Auslegung. Das Rechtstaatprinzip ist letztlich in Art. 20 Abs. 3 GG grundlegend verwurzelt, aber der verfassungsgebende Gesetzgeber hielt es - auch aus den o.g. historischen Gründen - für notwendig, bestimmte einzelne Rechtsgrundsätze wie das Recht auf effektiven Rechtsschutz (Art. 103 Abs. 1 GG), das Rückwirkungsverbot (Art. 103 Abs. 2 GG) und das Doppelbestrafungsverbot (Art. 103 Abs. 3 GG) explizit noch mal aufzuführen. Damit gibt der verfassungsgebende Gesetzgeber zu Protokoll, dass er diesen Grundsätzen ein besonders schweres Gewicht geben will - denn alle diese Grundsätze würde man auch, würden sie nicht einzeln aufgeführt - sonst aus Art. 20 Abs. 3 GG herleiten.

Das Resultat dieser Kombination der klassischen Auslegungsmethoden ist dann, dass auch der Freispruch als „Bestrafung“ gilt. Man könnte sagen: Die teleologische, historische und systematische Auslegung überwiegt die rein grammatische Auslegung.

Wenn du daher nicht verstehst, wie Juristen zu dieser Auslegung kommen, liegt das daran, dass du nur die grammatische Auslegung (also den Wortlaut) berücksichtigst, nicht jedoch die anderen Auslegungsmethoden. Das ist leider relativ normal, da der juristische Laie grundsätzlich nur auf den Wortlaut schaut, der Jurist jedoch immer auch die historische, teleologische und systematische Auslegung im Blick hat.

Dazu gibt es auch noch die verfassungskonforme und EU-Rechtskonforme Auslegung als fünfte und sechste Auslegungsmethode, diese sind aber im vorliegenden Fall nicht relevant - dennoch will ich sie der Vollständigkeit halber erwähnen.

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Hi, erst mal sehr vielen Dank für deine ausführliche Antwort.

Ich verstehe zwar warum es nicht gewollt sein kann, dass der Staat immer wieder versuchen kann jemanden zu verklagen bis dieser schuldig gesprochen wird, aber das steht so ja nicht in Art. 103 Abs. 3 GG. Wenn man das verhindern wollte, sollte man ein eigenes Gesetz dafür schreiben, indem das klar definiert drin steht.

Steht irgendwo in einem Kommentar zum Grundgesetz den die Verfasser von Art. 103 Abs. 3 GG geschrieben haben, dass sich dieser Artikel darauf bezieht?

Diesen Fall kann man meiner Meinung nach aus dem Artikel tatsächlich rauslesen, dass das verboten ist.

Das Problem was ich hierran sehe ist, dass das Gesetze komplett abiträr macht. Weil, ob jemand diese anderen Auslegungen mit betrachtet oder nicht ist ja vollkommen der Willkür des Juristen ausgesetzt. Außerdem find ich dieses historische Argument absurd, weil es für mich so klingt nach: Da war mal was negatives in der Vergangenheit, also können wir uns jetzt irgendein Gesetz aussuchen, dass das verbietet. Dann können wir ja auch gleich sagen Freigesprochene dürfen nicht nochmal angeklagt werden auf Grund der historischen Auslegung der Religionsfreiheit.

Worauf ich hinaus will ist, dass Leute, die aktuell fordern, dass man nach einem Freispruch doch nochmal verurteilt werden kann, vermutlich trotzdem nicht wollen, dass jemand im wörtlichen Sinne doppelt bestraft werden kann. Und jetzt haben wir die vollkommen absurde Situation, dass zwar im GG steht, dass man nicht doppelt bestraft werden kann, aber dieses Gesetz quasi immer automatisch falsch interpretiert wird. Es kann also kein Gesetz geben, dass nur die Doppelbestrafung im wörtlichen Sinne verbietet.

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Hoppla - den Text hatte ich eigentlich mit der Erwartung geschrieben, ihn als Feedback-Mail zu schreiben, weil ich gar keine Forums-Diskussion darüber anstoßen wollte. Ich finde aber irgendwie keine direkt Feedback-Mailadresse, sondern nur das Forum. Ich lasse die Formulierung mal so wie sie ist, liebe Mitforist*innen, ihr könnt diesen Beitrag gern ignorieren ;- )

Ihr Lieben,

ich mach es eher kurz und unaufgeregt: Bei der Beurteilung der BVG Entscheidung zu dem Friederike-Fall fehlte mir etwas mehr Einordnung von euch, warum es auch in Extremfällen keine Ausnahme geben darf.

Frage an konkretem Beispiel:

Frau wird ermordet, es gibt einen Hauptverdächtigen aber keine Beweise. Er wird freigesprochen. Eine Woche nach dem Freispruch wird ein Video einer hochauflösenden Überwachungskamera entdeckt, die den Verdächtigen ganz klar zu sehen bei der Tat gefilmt hat, Zweifel quasi ausgeschlossen. Sogar mit Audio bei der die Frau mehrfach den Namen des Täters schreit.

Wäre auch hier eure Haltung, dass man jetzt zwar glasklare Beweise für die Tat hat, aber da der Verdächtige schon freigesprochen wurde (als die Beweise ja nun noch nicht vorlagen), kann man halt nichts machen und den Täter frei rumlaufen lassen obwohl man ihn eindeutig auf einem Video jemanden ermorden sieht?

Ich teile voll und ganz eure kritische Einschätzung zur Ungewissheit einer DNA-Probe nach 40 Jahren, und kann sowohl das Argument der Rechtssicherheit von Urteilen und Überlastung der Gerichte nachvollziehen. Aber mir fehlte das Argument, warum es nicht in ganz offensichtlichen Fällen Sonderregeln geben sollte und es bei einer bestimmten Schwere oder Klarheit von im Nachhinein aufkommenden Beweisen noch einmal aufgerollt werden darf. Bei eurem DNA-Beispiel würde ja wahrscheinlich nichts bei einem neuen Prozess rauskommen - bei dem von mir ausgedachten Beispiel schon.

Ja, Extrembeispiele sollen nicht die Vorlage für Gesetzgebung sein, klar - aber ich finde, die Gesetzgebung muss dennoch irgendeine Antwort auf Extrembeispiele finden.

Da fehlten mir wie gesagt das von euch verbalen Abtasten, welche Grenzfälle diese Regelungen haben könnte und Argumente, warum sie trotzdem richtig sei. Das Grundgesetz als Hauptargument zu nehmen finde ich nicht ausreichend - natürlich liebe ich das GG (wer eurer Hörer*innen wohl nicht?), aber es ist von Menschen gemacht und daher nicht unfehlbar. Auch die Schuldenbremse steht, wenn ich mich nicht irre, im Grundgesetz, und ich habe noch keine flammende Rede zu ihrer Verteidigung gehört : -)

Sonst alles fein wie immer. Falls ihr das Thema nochmal kommentiert fände ich es mega wenn ihr darauf eingeht, warum auch bei Neuauftauchen von absolut klaren Beweisen keine Sonderregelung existieren soll (kommen diese Fälle mit klaren späteren Beweisen in der Realität einfach quasi nie vor und deshalb keine Regel notwendig?)

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Ich habe Ulf und Philip so verstanden, dass im Interesse der Rechtssicherheit auch in Extremfällen weitere Verfolgung ausgeschlossen sein sollte.
https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/321019/rechtssicherheit/

Das Problem an dem Argument ist, dass es letztlich in allen Situationen angewandt werden kann, in dem „Rechtstaatlichkeit“ gegen „Effizienz der Rechtsdurchsetzung“ steht.

Beispielsweise der Daschner-Fall, bei dem ein deutscher Polizeibeamter einem Kindesentführer Folter angedroht hat, wenn dieser ihm nicht sage, wo das Kind steckt (weil das Kind andernfalls verhungern würde…). In der konkreten Situation ist das Handeln des Polizeibeamten natürlich nachvollziehbar, wohl jeder würde sagen, dass die konkrete Rettung eines Kindes wichtiger ist als einem Entführer nicht mit Folter zu drohen. Aber wenn man das konsequent zu Ende denkt gelangen wir zu einer völligen Erosion aller rechtstaatlichen Grundsätze.

Ein anderer Fall wäre die öffentliche Überwachung. Mit einer lückenlosen, 100%tigen Überwachung aller Bürger ließen sich sämtliche Morde aufklären und i.d.R. sogar wegen der großen Abschreckungswirkung verhindern. Das klingt erst Mal verlockend. Faktisch aber akzeptieren wir - zum Glück - dass es jährlich zwischen 200 und 400 Morde in Deutschland gibt, weil der Preis, um diese Morde zu verhindern oder aufzuklären, zu hoch wäre.

Genau so sieht es auch in den von dir genannten Extrembeispielen aus. Recht muss immer allgemein gelten, dadurch ergibt sich, dass spezifische Einzelfälle immer mal durch das Netz fallen können. Ob eine allgemeine Regelung, um eine Handvoll solcher Einzelfälle zu verhindern den Preis wert ist, am Doppelbestrafungsverbot zu rütteln, ist dabei eben die Frage. Und hier wird man - je nach politischer Ausrichtung - zu gänzlich unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Natürlich könnte man § 362 Nr. 4 StPO (der Punkt mit dem Geständnis) erweitern um „… oder die Tat durch Videoaufzeichnungen zweifellos bewiesen wird“, um diesen extremen Fall einzuschließen und damit die Grenze minimal zu verschieben. Aber dann könnte man mit dem nächsten Extremfall, der gerade außerhalb der Grenze liegt, weiter argumentieren.

Die Frage, wo genau die Grenze des „ne bis idem“-Grundsatzes liegt, ist daher natürlich ein gesellschaftlich-juristischer Aushandlungsprozess. Natürlich sind auch andere Meinungen als die der Mehrheit des BVerfG zulässig. Aber irgend eine Institution muss diese Grenze ziehen - und das ist das BVerfG.

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Hat sie: Anklage nur erheben, wenn man vernünftig ermittelt hat und klare Beweise hat. Auch das schützt unschuldige Bürger vor falschen Anklagen.

Wieso sollte dein Beispiel da eine Ausnahme machen? Ich würde vermuten, dass es sich bei der Aufnahme um einen Deep Fake handelt. Und schwupp brauchen wir einen Prozess, in dem es um die Zulässigkeit und Echtheit des neuen Beweises geht.

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Kein Jurist, aber als Laie verstehe ich es so, dass im Rahmen eines Ermittlungsverfahren für den Beschuldigten ja erhebliche Nachteile entstehen können, die durchaus auch als „Strafe“ auslegbar wären (man denke nur an bspw. Kachelmann, um mal ein konkretes Beispiel zu nennen), die bei einer Wiederholung eben wieder entstehen. Ich persönlich finde auch, dass man bei Freisprüchen und Justizirrtümern sehr robust entschädigen sollte.

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Genau das war auch mein Gedanke. Das Wohl eines, wie in deinem Beispiel, offensichtlichen Täters über das Leid der Opfer zu stellen ist in meinen Augen ein richtiger Schlag ins Gesicht für alle Angehörigen und Opfer. Die ausnahmslose Lösung finde ich extrem unzufriedenstellend und bin wirklich schockiert wie stark diese hier, sowie im Podcast vertreten wird. Was wäre denn in einem solchen Fall der Rat von den Vertretern dieser Meinung an einen Vater der auf diese Art sein Kind verloren hat und jetzt beispielsweise den Mörder weiterhin in seiner Nachbarschaft rumlaufen sehen soll?

Das ist ja genau das Problem. Das gibt es nur äußerst selten bzw. es stellt sich erst im Prozess heraus.

Bitte nie vergessen, dass es auch ein Unschuldiger sein kann, der angeklagt werden soll.

Eigentlich hilft nur, vor der Anklage eine gerichtsfeste Grundlage für diese zu erarbeiten, wie @ThomasAnderson bereits erwähnt hat. Dann kann man bei Auftauchen belastbarer Beweise auch noch anklagen, da Mord nicht verjährt.

Ich würde ihn daran erinnern, dass ihm das das Kind auch nicht zurückbringen wird. Und wenn er jetzt vierzig Jahre damit zugebracht hat, den Täter hinter Gitter zu bringen, der jetzt vierzig Jahre anscheinend ein unbescholtenes Leben geführt hat, wird ihm das dennoch keine Befriedigung bringen. Das schwarze Loch der Leere wartet in beiden Fällen auf ihn.

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