LdN 350: Annahmen der IAB-Berechnungen

Leider habe ich vermisst, dass die Lage beim Interview mit Dr. Kerstin Bruckmeier die Methodik der durchgeführten Studien kritisch hinterfragt. Es geht um die Frage, ob die Erhöhung des Bürgergelds zu mehr Bürgergeldbezieher:innen führt.

Kerstin Bruckmeier: Wären die äußeren Bedingungen gleichbleibend, würden höhere Regelsätze zu einem negativen Effekt auf das Arbeitsangebot führen – also zu mehr Personen im Leistungsbezug, die nicht arbeiten.

So auch hier zu lesen: „Die Erhöhung des Regelsatzes erscheint angemessen“ - IAB-Forum

Wie kommt das IAB auf solche Ergebnisse? In einer anderen Studie von Frau Dr. Bruckmeier (Reform der Hinzuverdienstmöglichkeiten für Grundsicherungsbeziehende und Wechselwirkungen mit vorrangigen Leistungen: Auswirkungen auf Arbeitsangebot und Empfängerzahlen), die sich mit der Frage beschäftigt wie sich Hinzuverdienstmöglichkeiten auf das Arbeitsangebot und die Anzahl der Hilfeempfänger:innen auswirken, heißt es:

„Die Analyse beruht auf einem statischen Mikrosimulationsmodell (IAB-MSM), das ein ökonometrisches
Arbeitsangebotsmodell beinhaltet und Daten des Sozioökonomischen Panel (SOEP) verwendet.“

Weiter: „Die Entscheidung über den Umfang der angebotenen Arbeitszeit beruht gemäß dieser Theorie auf einer Maximierung des Nutzens, der von den individuellen Präferenzen bezüglich
Einkommen und Freizeit abhängt, unter Einhaltung der Budgetrestriktion des
Haushalts (Franz 2006).“

Die Empfänger:innen von Bürgergeld werden also „homo economicus“ modelliert, die rein nach monetären Anreizen ihre Entscheidungen treffen.

Wissen wir denn nicht schon lange, dass diese Annahme nicht richtig ist bzw. sehr viele weitere Faktoren vernachlässigt? Menschen gehen auch arbeiten, um sich gebraucht zu fühlen, um Kontakte zu haben etc. Solche Dinge lassen sich in dem Modell vermutlich nicht abbilden. Oder doch?

Mich würde interessieren wie Frau Dr. Bruckmeier mit dieser Frage umgeht.

Das ist eine typische „Ceteris Paribus“-Aussage.
Selbstverständlich würden, unter sonst exakt gleichen Voraussetzungen, bei einer Erhöhung des Bürgergeldes mehr Menschen Bürgergeld beziehen. Die Frage ist höchstens: Ist die Zahl der zusätzlichen Bezieher relevant? Also reden wir über 0,1% mehr oder über 20% oder gar 100% mehr? Kurzum: Dass es einzelne Individuen gibt, die ab einer gewissen Bürgergeld-Höhe in’s Bürgergeld wechseln würden, kann man glaube ich kaum bestreiten - was man bestreiten kann, ist, dass es sich um eine relevante Zahl handelt.

Absolut. Ich denke auch, dass die Zahl derer, die nur auf das Geld schauen, eher gering ist, weil Arbeit eben auch wichtig für das Selbstbild von Menschen ist. Trotzdem würde ich nicht bestreiten, dass, Ceteris Paribus, eine Erhöhung des Bürgergeldes tendenziell zu mehr Beziehern führt. Nur eben nicht zu so viel mehr, dass es ein volkswirtschaftliches Problem wäre.

Daher: Man kann beide Positionen vertreten. Ceteris Paribus-Aussagen sind immer vergleichsweise hart und ebenso unrealistisch, weil die anderen Umstände in der Realität natürlich nie gleich bleiben und jedes Zahnrad im Getriebe Auswirkungen bis in den letzten Winkel der Maschine hat :wink:

Interessant! Also meine Annahme (zB Menschen arbeiten nicht nur wegen Geld) gilt jetzt und nach der Bürgergelerhöhung auf gleiche Weise. Daher „isoliert“ man den ökonomischen Effekt und kann damit schon zu sinnvollen Aussagen kommen (wieder ceteribus paribus :wink: anderer Einflussfaktoren)?