Das ist ja auch alles richtig, aber das spricht halt nicht gegen dieses Urteil oder das Vorgehen der Staatsanwaltschaft im Fall Lina E., sondern es spricht gegen die Urteile (bzw. nicht ergangenen Urteile) und Vorgehen der Staatsanwaltschaft, wann immer es um rechte Straftaten geht.
Ich halte es eben für problematisch, das Problem, das zu wenig gegen Rechts getan wird, an diesem Prozess gegen Links festzumachen. Der Staat hat hier im Fall Lina E gezeigt, zu was für einem Ressourceneinsatz er fähig ist - wenn er es für nötig hält. Jetzt geht es darum, dafür zu kämpfen, dass dieser Ressourceneinsatz auch gegen Rechts Normalität wird und nicht bei der nächsten Schlägertruppe wieder gesagt wird „Verfahren eingestellt, weil ohne unverhältnismäßigen Aufwand keine Verurteilung zu erwarten ist“.
Was die Kritik am Urteil generell betrifft würde ich noch anfügen, dass ich es einfach für verfrüht halte, jetzt schon Kritik zu äußern. Das hat auch strafprozessrechtliche Gründe. In der schriftlichen Urteilsbegründung ist die Beweiswürdigung ein zentrales Element. Es ist z.B. gut möglich, dass aus der schriftlichen Urteilsbegründung hervorgehen wird, dass das Gericht starke Zweifel an den Aussagen des Kronzeugen hatte und diese deshalb nicht in das Urteil eingeflossen sind - wir wissen es schlicht nicht.
Wenn es jetzt einen großen öffentlichen Protest gibt, bevor die schriftliche Urteilsverkündung raus ist, wäre - von einem korrupten System ausgehend - dadurch sogar die Gefahr begründet, dass der Richter deswegen die Beweiswürdigung in der schriftlichen Urteilsbegründung an die öffentliche Meinung anpasst, daher es im schriftlichen Urteil so aussehen lässt, als haben die kritisierten Aspekte keinen Einfluss gehabt. Auch deshalb ist es sinnvoll, erst Mal die Urteilsbegründung abzuwarten - denn das, was dort drin steht, macht den Prozess angreifbar. Alles, was man vorher angreift, wird möglicherweise in der Urteilsbegründung bereits berücksichtigt. Man gibt so gesehen dem Gericht keine Chance, Fehler zu machen, die man später nutzen könnte. Sinnvoller ist es, etwaige Fehler abzuwarten und dann dagegen vorzugehen.
Da hast du vermutlich Recht, und da will ich auch nicht widersprechen. Im Gegenteil, es muss in der Tat viel mehr gegen den Rechtsdrall in der Polizei getan werden, da sind wir uns doch alle einig. Vielleicht habe ich zu viel Vertrauen in den Rechtstaat, aber ich gehe einfach davon aus, dass zumindest dort, wo mehrere Beamte involviert sind, weniger Missbrauch praktiziert wird. (dh. ein einzelner Beamter, der Dinge durchstechen oder Informationen abrufen kann, ist schwer vermeidbar, aber dass sich eine gesamte Ermittlungsgruppe konspirativ mit der Staatsanwaltschaft verständigt, um falsche Beweise zu konstruieren, ist hoffentlich deutlich unwahrscheinlicher…)