LdN 303: "Habeck verrennt sich" - wirklich?

Hallo Philip,
hallo Ulf,

ich höre seit Jahren sehr gerne die Lage und finde Eure Analysen und Schlussfolgerungen in vielen Fällen sehr gelungen. In der aktuellen Folge zum der AKW-Entscheidung habe ich mich allerdings mehrfach geärgert und muss Euch da widersprechen.

Zwar stellt Ihr zurecht fest, dass die Materie technisch sehr komplex ist, scheint aber trotzdem der Auffassung zu sein, dass die Lösung bzw. die politische Entscheidung letztendlich eher einfach zu sein hat, nämlich Streckbetrieb für alle drei verbliebenen AKW bis Ende Winter 2023. Das sehe ich anders. In der Pressekonferenz mit den Chefs der vier ÜNB hat Habeck doch detailliert und differenziert erläutert, aus welchen Gründen er den Vorschlag macht. Die Pauschalisierung mit der Ihr über die Komplexität und die Abwägungsentscheidung hinweggeht und eine vermeintlich offensichtliche Lösung in den Raum stellt, hat mich sehr gestört.

Ulf sagt in dieser Passage innerhalb von 5 Minuten mindestens 4 mal „Kein Mensch versteht das!“ und das ist einfach nicht richtig. Ich finde schon, dass man das verstehen kann, wenn man bereit ist, auch Lösungen zu akzeptieren, die nicht schwarz oder weiß sind. Habeck fasst das doch sehr gut zusammen, sinngemäß: „Wir tun das Notwendige und lassen aber auch das, was nicht notwendig ist“. Genauso wünsche ich mir politische Entscheidungsträger: Die in komplexen Situationen entlang von Fakten und Berechnungen entscheiden und nicht entlang von Meinungen, wie das Söder, Merz und Lindner ständig tun und dann zu vermeintlich einfachen Lösungen kommen „die jeder versteht“. Im Übrigen habe ich noch keine längeren, stringenten und ähnlich sachlich fundierten Argumentationslinien von den oben Genannten gehört, wie Habeck das für seine Entscheidungen vorträgt.

Auch die Leichtigkeit, mit der viele Politiker von Union/FDP - und in diesem Fall leider auch Ihr - eine Abkehr vom Ausstieg Ende 2022 in den Raum stellen (wenn auch in Eurem Fall nur durch eine kurze Verlängerung um einige Monate), ignoriert, dass sehr viele Menschen in diesem Land intensiv und jahrzehntelang für den mittlerweile lange bestehenden und hart erkämpften Atomkonsens gestritten haben. Ich will nicht ideologisch argumentieren – aber die Argumente der Gegenseite waren aus meiner Sicht entweder gar nicht vorhanden – man hat einfach postuliert, dass Streckbetrieb oder gar direkt eine Laufzeitverlängerung sinnvoll sei oder sie waren mindestens sehr dünn – Stichwort TÜV-„Gutachten“. Es geht hier immerhin um eine Hochrisikotechnologie, die in der Ukraine gerade beschossen wird und in Frankreich zum großen Teil marode ist. Und der Grund, warum mittlerweile offenbar eine Mehrheit der Bevölkerung der Ansicht ist, dass die AKW länger laufen sollten, beruht doch nicht auf Fakten und objektiven, unumstrittenen Notwendigkeiten, sondern fast einzig und allein auf der monatelangen pro-Atom-Kampagne, die insbesondere die Union aber auch die FDP mittlerweile führen.

Ihr macht es Euch dann wie ich finde auch in der Folge ziemlich einfach, indem Ihr behauptet, Habeck hätte sich doch die Entscheidung, alle drei AKW bis Ende Winter 2023 laufen zu lassen, politisch versilbern können, indem er der FDP ein Tempolimit abtrotzt. Im Ernst? Abgesehen davon, dass es sehr fraglich ist, ob die FDP da mitgemacht hätte. Aber nehmen wir mal an, es wäre so gekommen: Meint Ihr nicht, dass ein solcher „move“ der Integrität von Habeck und „der Politik“ insgesamt viel mehr geschadet hätte? Wenn man eine solch schwerwiegende und sicherheitsrelevante Entscheidung zum Gegenstand eines politischen Kuhhandels machen würde? Das wäre doch sofort aufgefallen, wenn die FDP auf einmal einem Tempolimit zustimmt und MIT SICHERHEIT hätten diejenigen, die jetzt wegen der aktuellen Entscheidung auf Habeck einschlagen, das direkt genutzt, um ihm für so eine Bazar-Entscheidung ebenfalls einen reinzudrücken. Und das in dem Fall sogar zurecht. Ich jedenfalls möchte nicht, dass solche Themen politisch nach dem gleichen Modus „verwurstet“ werden, wie man bei Fahrradwegen und Pendlerpauschale verfährt.

Den personalpolitischen Ausfall, zu dem Ulf sich dann zum Abschluss noch hinreißen lässt („Und wenn in München der Strom ausfällt, dann MUSS Habeck zurücktreten!“), sowie Euren Twittern-Hashtag („Habeck verrennt sich“) lasse ich jetzt mal so gut wie unkommentiert. Nur so viel: Das ist dann aus meiner Sicht doch weit unter Eurem eigentlichen Niveau. Ich weiß oder nehme an, dass es nicht tatsächlich Eure persönliche Meinung ist, dass Habeck dann wegen Dienstversagens oder Unfähigkeit gehen müsste, sondern dass das dann eine laute Forderung wäre. Aber Ihr solltet einer derartigen Form der Personalisierung, Verkürzung, Floskelhaftigkeit, Unernsthaftigkeit und häufig auch Verantwortungslosigkeit von Politik, die heutzutage leider in der Öffentlichkeit und vielen Medien zu erleben ist, nicht auch noch Vorschub leisten.

Ansonsten war die Folge top - schön dass Ihr aus dem Sommerurlaub zurück seid.

Viele Grüße
Pascal Zimmer

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Hallo Pascal,

ich habe @vieuxrenard und Phillip anders verstanden. Wenn ich mein Verständnis mal in meine Worte fassen kann.

  1. Die Frage, ob man Kernkraftwerke im Streckbetrieb oder sogar mit neuen Brennstäben weiterlaufen, als sog. „Kaltreserve“ bereithalten oder Ende dieses Jahres endgültig abstellen soll, ist sehr komplex.
  2. Nach Analyse der komplexen Lage kommen die beiden zum Schluss: Atomkraft kann ein wirksames Mittel sein, um Stromausfälle zu vermeiden und die Strompreisentwicklung zu dämpfen. Aber der Effekt ist so klein, dass das damit verbundene Sicherheitsrisiko nicht in einem vernünftigen Verhältnis steht.
  3. Allerdings ist es aufgrund der Komplexität der Materie für den weit überwiegenden Teil der Bevölkerung intuitiv nicht einleuchtend, dass der Effekt so klein ist. Daher werden nur wenige die richtige Argumentation von Habeck verstehen: „Keiner versteht das“. *)
  4. Nur aus diesem Grund wird der Druck, der entstehen wird, wenn im München der Strom ausfällt, immens. Ob Habeck dem dann noch standhalten kann, darf durchaus gefragt werden
  5. Aus diesem Grund wäre es für Habeck und die GRÜNEN sinnvoller gewesen, wenn sie die Kröte „Streckbetrieb“ geschluckt hätten und dafür wichtige eigene Ziele, z.B. das Tempolimit, heraus verhandelt hätten.

Und an Stelle von Robert Habeck hätte ich das auch genau so in aller Offenheit öffentlich begründet: „Nach der Einschätzung der Fachleute und Wissenschaft ist der Vorteil vom Streckbetrieb zwar minimal. Nach der politischen Überzeugung der GRÜNEN daher nicht wirklich vertretbar. Aber wir hatten die Chance, durch Verzicht auf unsere Überzeugung andere, für uns sehr wichtiger Punkte durchzusetzen. Daher schlucken wir das.“

*) Das liegt auch an unsere politischen Kultur des „groben Klotzes“. Da werden lieber sachlich falsche Forderungen erhoben, weil sie leichter verständlich gemacht werden, als sich die Mühe gemacht, die sachlich richtigen Forderungen zu erklären. Das wiederum liegt daran, dass die Wähler / Bürger kein Bock haben, sich länger als 1 Minute mit einer Argumentation befassen: „To long, didn‘t real/listend“

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Vielleicht dazu: Mit dem Streckbetrieb wird nach meinem Verständnis kein gegenüber heute erhöhtes Sicherheitsrisiko eingegangen. Entweder, der Betrieb der AKWs ist heute vertretbar sicher - dann können die auch noch ein paar Monate länger laufen. Oder das ist nicht der Fall und uns wurde das verschwiegen - dann sprechen wir aber von einem Politikversagen erster Ordnung!

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genau so haben wir das gesagt.

Zu dem Beitrag von @PascalZ möchte ich nur noch anmerken, dass es einfach nicht weiterhilft, wenn man uns irreführend zitiert und sich dann an dem so aufgebauten Strohmann abarbeitet. Vieles hat @TRq ja schon geklärt. Ein Detail ist mir noch wichtig: Wir haben keinen Streckbetrieb bis „Ende 2023“ gefordert, sondern allein in dieser Folge mehrfach und auch sonst schon wiederholt deutlich gemacht, dass die bisher verbauten Brennstäbe nur bis ca. Ostern reichen, auch mit Streckbetrieb. Selbstverständlich haben wir nur das technisch Mögliche gefordert, also Streckbetrieb bis Ostern 2023 (gegen Gegenleistung der FDP selbstverständlich).

Bitte hört uns doch erst mal zu, bevor ihr hier im Forum wütende Kommentare postet. Es kann auch nicht schaden, ein Kapitel der Lage einfach ein zweites Mal zu hören.

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Ergänzend:
Im Podcast wurde paraphrasiert gesagt: Das ein akw Betreiber sich meldet und sagt der Vorschlag von Habenichts sei technisch nicht umsetzbar zeigt, dass hier im Vorfeld kommunikative Fehler begangen wurden.

Diese Einschätzung hat mich nicht überzeugt. Habeck sagt ja (und sagte das von Anfang an, es war nur nicht im Fokus der Medienberichterstattung), dass es nur um ein einmaliges, geplantes Hochfahren geht, wo m.W. niemand bestreitet dass es technisch nicht möglich sei.

Alles was hier also passiert ist dass politisch ein Vorgehen gewählt wird dass ein industrieunternehmen nicht wünschenswert findet, in Zuge dessen schiesst das Unternehmen mit sachfremden Argumenten gegen den verantwortlichen Politiker.
Ich fände es für unsere politische Kultur super, wenn Soetwas medial nicht gegen den Politiker verwendet würde (eher im Gegenteil;))

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Genau das haben wir gesagt. Und was technisch nun stimmt ist für diese Einschätzung völlig irrelevant. In einer solchen Krisensituation muss sich der zuständige Fachminister mit den betroffenen Unternehmen vorher intern abstimmen und dann öffentlich eine einheitliche Linie kommunizieren. Es ist doch klar, dass man welche Lösung auch immer nicht gegen den Willen der Betreiber durchsetzen kann.

Warum ist das klar? Sieht man sehr schön an der Reaktion von PreußenElektra: Die führen jetzt mit jedenfalls vordergründig plausiblen Argumenten u.a. Sicherheitsprobleme an. Wie will man daran vorbeikommen? In der Öffentlichkeit zieht das, Habeck steht als Pfuscher da, der etwas vorschlägt, was gar nicht geht.

Nochmals: Wer jetzt fachlich Recht hat ist egal. Es geht darum, die Konflikte intern auszutragen und dann nach außen klar zu kommunizieren. Niemand (außerhalb der grünen Die-Hard-Bubble jedenfalls) kann Habecks technische Florettfechtereien nachvollziehen, seine Umfragewerte sinken, die der Grünen auch. Glückwunsch!

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Hier wäre jetzt mal wieder ein fundierter Kommentar aus VNB/ÜNB Sicht interessant.
@mvroeder dürfen wir ihr Know How bemühen?

Ich kann die Entscheidung Habecks (anhand meiner Filterblase) vollkommen nachvollziehen.

Ich lebe ja in München bzw. südlich von München → ich mach mir keine Sorgen; weiss aber um die poltischen Hetzer aus der AFD welche ihr Geschäft mit den Sorgen und Nöten der BürgerInnen machen, auch diverse Verschwörungsunternehmer und Prepper Unternehmer schlagen ordentlich kapital aus der Sache, Menschen kaufen ja nicht nur Heizlüfter, sondern Notfallvorräte, Notstromgeneratoren, extrem teure Batteriespeicher mit Notstromfunktionen, zerstören sich teilweise ihre Hauselektronik damit weil sie selber rumpfuschen etc etc…
Die Low Hanging Fruits übersehen sie komplett, Zimmer die man nicht nutzt unbeheizt lassen, Standby Verbraucher konsequent vom Netz trennen etc etc.

Mit der Angst und Panik der Menschen lässt sich wunderbar Geld verdienen und macht Sie zumindest teilweise leichter lenkbar. War doch während Corona schon so sichtbar „The German Angst“

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Äh, das ist genau das, was die FDP die ganze Zeit erfolgreich macht, und andere Parteien auch. Ein großer Anteil an der schlechten Regierungsperformance der grünen Partei, wo immer sie auch auf welcher Ebene an die Macht kommt, ist sicherlich darauf zurückzuführen, dass sie das nicht verinnerlicht, vielleicht weil ihre Wähler das nicht verstehen.

Ein Bekannter hat mir mal erzählt (Hörensagen, Anekdote), er hätte zu Zeiten der Scholz-Alleinregierung in Hamburg mal einen befreundeten SPD-Politiker gefragt, was denn eigentlich gegen eine Kennzeichnungspflicht für Polizisten spräche, und dessen Antwort war: „Nichts, aber wenn wir das jetzt alleine machen, bekommen wir nach der nächsten Wahl nichts mehr dafür von den Grünen“.

Das ist halt wie es läuft. Und je weiter nach rechts man im Parteienspektrum geht, umso unmoralischer wird es. Während im (Mitte-)Links-Spektrum Politiker wegen persönlichem Drogenkonsum oder Urlaub zur falschen Zeit zurücktreten müssen, werden auf der rechten Seite durch und durch korrupte Gestalten von ihrer Basis als „clever“ verehrt und im Amt gehalten.

Das und die neoliberal-dominierte Medienlandschaft führen dann halt dazu, dass Leute so grün wählen können wie sie wollen, und trotzdem keinen Klimaschutz bekommen.

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Wenn das so klar ist, Frage:

Seit wann sind die Betreiber eigentlich willig ihr eigenes Geschäft abzuschalten?

Bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass der endgültige Ausstieg aus der Atomverstromung gegen den Willen der Betreiber erkämpft wurde.

Für mich macht das eher den Eindruck, als wenn man jetzt von Seiten der Atomlobby nochmal alles auffährt um doch noch irgendwie um das Ende herumzukommen.

Dabei ist einem jedes Mittel und jedes noch so schwache Argument gerade recht und die Medien spielen auch brav mit.

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In meiner Energiewende-Filterblase (die ist nicht grün) können wir das sehr wohl nachvollziehen, uns erschließt sich aber nur ein Sinn, nämlich dass die BürgerInnen einerseits beruhigt werden sollen ohne die komplexen Details zu erklären, bei denen die BürgerInnen abschalten oder gar nicht erst zuhören. Sogar im Arbeitskreis Energie der CSU ist vollkommen klar, das ein AKW Weiterbetrieb überhaupt keinen Sinn macht, weder beim Preis noch woanders, spätestens wenn neue „russische Brennstäbe“ bestellt werden müssten ist das AKW aus.

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Ach nö, was für ein Derailing, das macht doch so keinen Spaß. Nochmals:

da ging es ums Abschalten. Natürlich kann - und musste - man das erzwingen.

Derzeit reden wir hingegen vom Weiterbetrieb. Wie soll der ohne die Betreiber funktionieren? Bingo.

Nein, die Betreiber haben inzwischen mehrfach erklärt, dass für sie ein Ausstieg aus dem Ausstieg nicht in Frage kommt. Du verwechselst die Betreiberfirmen mit der Union.

Danke an @vieuxrenard für die Bestätigung, dass das „Keiner versteht das“ so gemeint war und nicht, wie von Pascal interpretiert, als „Die Lösung ist klar, keiner versteht, warum Habeck die nicht umsetzt“. Ich muss sagen: Ich hatte es auch falsch verstanden - es ging euch um das Management der Debatte, nicht um die konkrete Lösung der „Atomkraftfrage“ (gerne korrigieren, falls ich nochmal falsch liege :see_no_evil:). Dann ergeben die Vorwürfe an Habeck deutlich mehr Sinn.

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Dann macht aber die Aussage von Preußen Elektra das eine Kaltreserve nicht möglich wäre noch viel weniger Sinn.

Ich sehe diese Aussage eher als Schützenhilfe für die Union um Habeck/der Regierung zu schaden.

Denn wie ihr ja so schön ausgeführt habt wird der Aufschrei bei notwendigen Abschaltungen sehr laut.

Es wir interessant sein was passiert wenn die Ausfälle nichts mit der Knappheit zu tun haben, sondern z.B. technische Fehler oder auch nur die berühmte Ratte im Verteilerschrank.

Ich gehe jede Wette ein, dass CDU und AfD wirklich jeden Stromausfall nutzen werden.

Und beide machen recht deutlich in ihrer Kommunikation, dass sie für eine Wiederaufnahme der Atomkraft sind.

In dem Lichte wäre dann auch die Aussage von Preußen Elektra nicht „mangelnde Kommunikation“ sondern gezielte Desinformation um doch noch die Kernkraft wieder zu beleben.

PS: nicht der Weiterbetrieb der alten Reaktoren, sondern der Bau neuer scheint hier das Ziel zu sein, was am Ende der Ausstieg vom Ausstieg wäre und dann auch wieder im Sinne der Betreiber.

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Ich meine nicht, dass Habeck sich verrennt.

Die Studie der Übertragungsnetzbetreiber legt ein Extrem-Szenario aus dem Jahr 2012 zu Grunde (vgl. Kemferts Klima-Podcast vom 7.9.2022) und kommt zu dem Schluss, dass örtlich in Süddeutschland ohne die beiden dortigen AKW in insgesamt einigen wenigen Stunden Netzengpässe auftreten könnten, die lokale Abschaltungen bzw. Lastabwürfe, z.B. von Industriekunden, im Rahmen des sog. Redispatch erforderlich machen könnten. Es geht nicht um die verfügbare Strommenge, sondern um lokale Netzengpässe bei der Durchleitung des Stroms.

Ergebnis: Es ist extrem unwahrscheinlich, dass solche Engpässe auftreten. Und wenn doch, sind sie auch ohne die AKW beherrschbar. Die Netzbetreiber können mit solchen Situationen umgehen.

M.E. macht Habeck genau das, was verantwortliche Politik leisten sollte: Er hat einen politischen Vorschlag gemacht, der den Fakten Rechnung trägt, obwohl er weiß, dass dieser vielen Menschen kontraintuitiv erscheint. Und er weicht den erwartbaren Angriffen nicht aus.

Die Atom-Diskussion wird ihm ohnehin aufgezwungen, nicht zuletzt von der FDP.

Ich halte es für nicht realistisch, dass die FDP sich ein Tempolimit für ein paar Monate Streckbetrieb hätte abhandeln lassen. Im Gegenteil, am Ende des Streckbetriebs würde die Atom-Diskussion weitergehen.

Weiterhin halte ich es nicht für realistisch, dass man im Vorfeld ein Einvernehmen mit den AKW-Betreibern hätte erzielen können. Die Betreiber möchten keinerlei Haftung über den 31.12.2022 hinaus übernehmen. Das muss schon die Politik entscheiden.

Nach meiner Einschätzung merken auch Menschen, die vielleicht einen anderen Weg lieber hätten, dass es sich hier ein verantwortlicher Politiker nicht einfach macht. Insofern meine ich, dass Habeck sich und der Politik insgesamt hier einen guten Dienst erweist.

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Hallo Ulf,

ich habe auch nicht geschrieben, dass Ihr einen Streckbetrieb bis „Ende 2023“ fordert, sondern von „Ende Winter 2023“ geschrieben, also ungefähr bis Ostern. Das war also ein Missverständnis.

Aber auf meinen Punkt, dass eine solche Entscheidung (oder Kuhhandel" wie ich es genannt habe) der Integrität von Habeck und Politik allgemein schaden würde, bist du nicht eingegangen. Mir ist das einfach wichtig: Ich finde, dass politische Entscheidungen dieser Tragweite entlang der Fakten und der Notwendigkeiten entschieden werden sollen und nicht nach politischer Opportunität oder Mehrheitsmeinung. Für mich ist das einer der Gründe, weswegen ich Habecks Politikstil schätze und mich der aus meiner Sicht häufig verantwortungslose Politikstil von z.B. Söder oder Lindner nervt.

Glaubst du nicht, dass ein Tausch „Tempolimit gegen Streckbetrieb“ genau dem entsprochen hätte - zumal ein Tempolimit zwar klimapolitisch wünschenswert ist, im Hinblick auf Versorgungssicherheit oder Stromnetzstabilität keinerlei Auswirkungen hätte - also eher sachfremd wäre?

Zu guter letzt: Ich bin gar nicht sauer und mein Kommentar war es m.E auch nicht. Ich bin lediglich anderer Meinung. Und wie schon gesagt ansonsten großer Fan der Lage. Also nichts für ungut.

Grüße
Pascal

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Moin,

vielen Dank für deine Beiträge hier Pascal. Ich bin auch schon lange Fan von der LdN, aber war dieses Mal genau wie du über die deutliche Kritik an Habeck verärgert, weil ich sie auch nicht für richtig halte.

Mir drängt sich zusätzlich der Eindruck auf, dass der Kommunikationsfehler gezielt Habeck in die Schuhe geschoben werden soll, es aber von vielen genau so gewollt war. Ich habe mich gefragt, welcher Partei der Preußen Elektra Chef wohl angehört und weshalb der Brief nicht einfach ans Ministerium geht, sondern auch direkt an die Öffentlichkeit. Es hat sich hier ja offensichtlich um ein Missverständnis gehandelt. Ich habe den Herrn gegooglet und mir scheint es da eine Nähe zur CDU zu geben, können die Journalisten ja nochmal genau prüfen, bevor sie sich auf Habeck einschießen. Was hier passiert, ist doch eigentlich offensichtlich, die Fehler der letzten Jahre schiebt man jetzt alle zu Habeck um sich selbst aus der Verantwortung zu ziehen. Wenn man da nicht weiterhin bei den Fakten / beim Thema bleibt, verrennt man sich am Ende. Meine Einschätzung.

Dass diese gezielte Kampagne gegen Habeck von der Springerpresse, FAZ, etc. befeuert wird wundert mich nicht, aber dass man hier jetzt auch von deutlichen Fehlern spricht, finde ich sehr schade und verwunderlich.

Schöne Grüße
Martin

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Also ich sehe hier die Kraftwerksbetreiber auch eher als politischen Akteur als als neutralen Dienstleister, der hier Briefe zur Aufklärung schreibt.

Unter dem Aspekt ordne ich das ein und stimme auch nicht mit Ulf und Philip überein, dass das automatisch Habecks Kommunikationsfehler ist. Es könnte auch einfach politisches Foulspiel sein. Leichter kann man jemand anderen nicht als Depp dastehen lassen. In den AKW-Vorständen sitzen eher nicht Ur-Grüne.

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Der Eindruck, den @Martin1 darstellt, drängt sich aus meiner Sicht tatsächlich auf. Dass das BMWK so naiv oder unprofessionell ist, die grundsätzliche Machbarkeit des geplanten Szenarios nicht vorher mit den Betreibern abzustimmen, kann ich mir wirklich nur schwer vorstellen. Das sind doch zum großen Teil Profis da. Und warum sendet PreußenElektra den Brief zusätzlich auch direkt an den SPIEGEL, die wollen ja offensichtlich, dass das öffentlich wird?

Um das und auch die Replik von Habeck zu bewerten, dass der Betreiber den Vorschlag offenbar „nicht verstanden“ hätte (oder verstehen wollte?) wäre es natürlich hilfreich, den Brief in Gänze zu kennen. Ich finde allerdings überall nur „…das geht aus einem Brief hervor, aus dem der SPIEGEL zitiert.“ Michael Bauchmüller von der SZ schreibt zumindest am Samstag, dass viele Annahmen darin falsch seien. Hat jemand den Volltext des Briefs vielleicht irgendwo gefunden?

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Moin,
Ich habe mir den Beitrag (wie von Ulf empfohlen) noch ein zweites Mal angehört. Erstmal super Themenüberleitung (hatte ich schon wieder vergessen) und eigentlich insgesamt super Beitrag.

Drei Punkte finde ich jedoch schwierig:

  1. Kommunikationsfehler Habeck! Könnte auch einfach politisches Foulspiel von Preußen Elektra gewesen sein. Wurde bereits geschrieben.
  2. Das versteht doch keiner! Das ist nunmal der von Habeck zuletzt viel gelobte Politikstil. Schwierige Entscheidungen treffen und sie dann erklären. Ich denke, wer es verstehen will, kann es auch verstehen. Im übrigen empfehle ich immer gerne die LdN wenn ich mit Leuten diskutiere, die sich nach meiner Einschätzung bisher noch nicht ausreichend mit den Hintergründen beschäftigt haben.
  3. Dann muss Habeck zurücktreten! Wenn in München wirklich mal für 3 Stunden der Strom ausfällt, dann sollte man unter den seriösen Medien erstmal die Gründe dafür abwarten. Wenn dann tatsächlich festgestellt wird, dass ein Streckbetrieb der Atomkraftwerke es hätte verhindern können, dann kann man darüber diskutieren weshalb es den nicht gab. In meinen Augen ist der Vorschlag von Habeck ein Streckbetrieb nach Bedarf und wenn die FDP diesen blockiert, dann kann man auch darüber diskutieren, ob die FDP hier richtig gehandelt hat. Außerdem sollte man dann den Fokus darauf lenken, weshalb der Streckbetrieb überhaupt gebraucht wurde… und dann sind wir schnell bei der Union. Mal davon abgesehen, ist ein kurzer, regionaler Stromausfall wirklich die ganz große Katastrophe?!

Dass die Springerpresse und vergleichbar unseriöse Medien in einem solchen Fall sofort Richtung Habeck zeigen ist zu erwarten, aber da muss man mit gutem Journalismus und viel Geduld gegen halten. In diesem Sinne freue ich mich auf weitere gute Podcasts.

Schönen Sonntag
Gruß
Martin

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Hier kann der in den Shownotes der LdN 303 verlinkte O-Ton von Min. Habeck vom 7. 9. 2022 in Ruhe nachgelesen werden:

„Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck hat sich heute am Rande der Pressekonferenz anlässlich des Fachkräftegipfels (heute 15.00 Uhr im BMAS) auf eine Frage hin auch zur aktuellen Berichterstattung zu PreussenElektra geäußert.“
BMWK - Habeck zur Berichterstattung PreussenElektra

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