LdN 303 Durchwachsene Bilanz 9-Euro Ticket

Das 9-Euro Ticket ist nun Geschichte, und ich sehe die Bilanz nicht ganz so positiv wie ihr.

Ich selbst hab in den drei Monaten nur einmal die Bahn benutzt (weil deren Angebot so schlecht ist) aber meine Eltern, beide Rentner, haben es exzessiv getan. Und sie haben mir die ganzen Geschichten erzählt von nicht funktionierenden Toiletten, ausfallenden Zügen und Strandungen im Niemandsland, etc. Ihr kennt es ja…

Mit dem 69 € Ticket schafft die Bundesregierung den Geist wieder zurück in die Flasche. Bund und Länder finanzieren es mit 3 Milliarden €, das sind umgerechnet drei Euro pro Bundesbürger und Monat.

Zu dem Preis ist es denke ich möglich eine „echte“ Nachfrage zu generieren. Denn die Nachfrage, die durch das neun Euro Ticket entstanden ist, war nicht real, da sie nicht kostendeckend war.

Was also bleibt, ist ein Nahverkehrsticket, das vom Bürger getragen wird und das deutschlandweit einheitlich ist. Ein ganz passabler erster Schritt.

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„Das 9-Euro-Ticket ist gescheitert, weil meine Eltern mir so viele Schauergeschichten erzählt haben“ finde ich jetzt kein sonderlich überzeugendes Argument.

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Nach dieser Logik gibt es gar keine „echte“ Nachfrage nach ÖPNV, da dieser niemals kostendeckend ist sondern auf staatliche Subventionen angewiesen ist.

Der Geist zurück in der Flasche suggieriert eine positive Entwicklung. Das sehe ich jedoch anders:

Das 9€-Ticket war doch vor allem deshalb interessant, weil es so günstig ist, dass es sich für fast jede Strecke (inkl. Rückfahrt) schon rechnet.

Mit 69€ kostet das Ticket nun so viel, dass niemand dieses Ticket „einfach so“ kauft, sondern nur, wenn es sich nach genauer Prüfung noch rechnet. Damit ist es eigentlich nur für Berufspendler interessant, sofern der ÖPNV eine akzeptable Verbindung bietet. Die waren aber schon immer bereit, deutlich mehr zu zahlen.
Alle anderen fahren mit dem eh vorhandenen Auto, sparen sich die 69€, und tanken dafür einmal öfter.

Somit ist das Ticket nun vor allem eine Entlastung für Berufspendler. Das ist natürlich auch nicht schlecht, aber nicht ganz die Idee.

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Na ja, die Prüfung ist nicht so schwer. Ein PKW kostet dich etwa 0,5€ je Kilometer (Sprit + PKW-abnutzung +Wartung). Also entsprechenden die 69€ etwa 138 Kilometer Fahrt mit dem Auto im Monat.

Wer also mehr als 138 Kilometer Autofahrt im Monat durch ÖPNV Fahrten ersetzen kann fährt ökonomisch besser. Das ist eigentlich relativ schnell erreicht.

Was man auch nicht vergessen darf, aber bei der Argumentation der Gegner gerne unter den Tisch fällt:

Der sprunghafte Anstieg des Verkehrs ist natürlich auch auf die zeitliche Limitierung zurückzuführen. Da im Vorfeld bereits klar kommuniziert wurde „3 Monate lang gibts das jetzt für 9 EUR, Anschlusslösung ist bisher keine geplant, im Zweifel gelten danach wieder die alten Preise“ werden sich viele gedacht haben „Naja, die eine Tour oder den Verwandschaftsbesuch wollte ich eh irgendwann nochmal machen, also mach ichs doch jetzt wo es günstig ist“. Dieser Faktor wäre bei einer dauerhaften Lösung natürlich weg.

Und dass 69 EUR keine ernsthafte Anschlusslösung sein kann dürfte auch klar sein. Das wird dann nur die Pendler entlasten, aber kaum mehr Menschen für den ÖPNV gewinnen können.

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Ja, muss man vielleicht ein bisschen allgemeiner formulieren. Die Bahn ist am Arsch. Marode und seit Jahrzehnten kaputtgespart und dann bewirft man den zuckenden Patienten noch mit 52 Millionen Leuten, die für 9,- € noch mal darauf rumtrampeln dürfen.

Man kann schon darüber diskutieren, ob man den ÖPNV als eine staatliche Daseinsvorsorge interpretiert und über eine neue Sozialabgabe finanziert, denn faktisch wäre ein 9-Euro-Ticket nichts anderes. Wie weit kommt man denn sonst für 9 €? Mit dem eigenen PKW vielleicht 30 km und mit der Bahn auch nicht viel weiter.

Aber ich glaube, das wäre auf lange sich nachteilig. Wenn ich an die Staatsbahnen der DDR, oder der Volksrepublik Polen zurückdenke, das war richtig gruselig.

Hm, soweit habe ich mich nicht informiert, aber ich bin davon ausgegangen, dass die sonst kostendeckend arbeiten.

Ich setze mich jetzt großer Kritik aus, aber ich muss sagen, dass ich das so OK finde. Klar leben wir in einem Sozialstaat, aber wollen wir allen Menschen auch die Mobilität bezahlen?

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Ich habe auch nicht gesagt, dass die Prüfung „schwer“ ist. Aber jeder wird diesselbe Rechnung machen wie du. Bei einem 9€-Ticket kannst du dir das sparen, das kaufst du einfach.
(Zudem halte ich 50 Cent pro km bei einem sowieso vorhandenen Auto für übertrieben, weil die 50 Cent zu einem Großteil Fixkosten sind, die nicht mit jedem gefahrenen Kilometer anfallen sondern eher über Zeit. Ist aber für das Argument egal.)

Nö. In die 138km zählen nämlich Fahrten zur Arbeit nicht rein (Berufspendler hab ich explizit ausgenommen), Fahrten zum Supermarkt sind unpraktikabel und damit raus, und einige andere Fahrten auch.
138km mit sonstigen ÖPNV-fähigen Fahrten finde ich da schon ziemlich viel.

Das mag man natürlich anders sehen, wenn man in Berlin-Mitte wohnt, aber dann zahlt man eben auch vorher gerne mehr als 69€.

Dieser Kommentar ist ungefähr so unqualifiziert, wie der Typ im Zug letztens, der wegen einer 10-Minuten-Verspätung an einem notorischen Bahn-Hotspot seiner Frau lautstark erklärte, dass man statt 9€ doch 29€ hätte nehmen sollen. Weil sich das dann trägt.

52 Millionen ist übrigens die Zahl der verkauften Tickets, nicht die Anzahl zusätzlicher Fahrgäste. Viele Menschen dürften mehrere gekauft haben.

Der ÖPNV, insbesondere die Bahn, waren auch vor dem 9€-Ticket schon schlecht und chronisch unterfinanziert. Wenn man nicht gerade am ersten Juni-Wochenende oder an Pfingsten mit seinem 9€-Ticket in Richtung der Touristen-Ziele fährt, hat sich an der Auslastung übrigens nicht viel geändert. Ausflugs-Rentner fahren nämlich eher zu Zeiten, an denen Züge leer sind.
Die Verkehrsunternehmen haben für das 9€-Ticket Kompensationen vom Staat bekommen. Also kein Grund zu glauben, man hätte den Patienten Bahn hier weiter ausbluten lassen.

Keine weiteren Fragen.

Das macht keinen Sinn. Wenn du Menschen die Mobilität nicht bezahlen willst, wieso dann ausgerechnet Berufspendlern? Wieso willst du die noch weiter entlasten? Die können ihre Kosten wenigstens über die Pendlerpauschale absetzen, und haben dank Job- und Monatstickets häufig die attraktivsten Preise.

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Naja, den Zeitverlust und die persönliche Geduldsschwelle muss man auch berücksichtigen. Daher ist das 9/69-Euro-Ticket für mich nicht interessant.

Bei der Beurteilung der Maßnahme fehlen mir (mindestens) zwei Aspekte:

  • Es soll Leute geben, die - besonders am Wochenende - nicht in überfüllten Zügen reisen wollten, weil ihnen die Gefahr einer Corona-Infektion zu hoch war. Wer als Risikopatient oder vorsichtiger Mensch seine Infektionsgefahr minimieren wollte, der fuhr halt eher mit dem Auto und nahm finanzielle Nachteile in Kauf. Auch die (sinnvolle) Maskenpflicht hat nicht dazu beigetragen, das Zugfahren auf längeren Etappen attraktiver zu machen. Das „Experiment 9.- Ticket“ fand also unter erschwerten Bedingungen statt.

  • Der Zeitraum Juni bis August war durch die Ferienzeit und das schöne Wetter nicht repräsentativ für eine Erhebung der Interessen und Gewohnheiten. Dafür hätte man einen zweiten Zeitraum bei anderen Arbeits- und Jahreszeiten-Verhältnissen hinzu nehmen müssen, um die Maßnahme objektiv bewerten zu können. So hört man oft vom „Urlaubsgeschenk für sozial schwache Bürger“, was der Sache nicht gerecht wird.

Wie schon in anderen Beiträgen angesprochen ist es nicht fair, von einem 9.- Ticket auf ein 49.- oder 69.- Ticket zu schliessen. Hier ist besonders das „Wording“ der derzeitigen Politik gegenüber sozial schwachen Bürgern geradezu zynisch. Wer darauf spekuliert, dass Bürger ihr Auto abschaffen, der sollte auch daran arbeiten, dass Carsharing-Dienste wie Car2Go und DriveNow praktikabler werden. Bleibt auch abzuwarten, ob sich die deutschen Autohersteller weiter aus dem Markt der Kleinstwagen zurückziehen, die für diesen Einsatzzweck wichtig sind.

Der Großteil der Kosten eines Fahrzeuges sind Kilometerabhängig und keine Fixkosten.

Anbei eine Übersicht über die Kosten für Fahrzeuge pro Kilometer:

Wenn du hier die Fixkosten raus rechnest kommst du bei vielen Mittelklassemodellen auf Kosten um 50 Cent je Kilometer.
Das Problem ist hier das viele Autofahrer nur die Benzinkosten sehen und die restlichen Kosten übersehen.

Das ist dann aber schon ein ziemlich hinkonstruierter Fall. Was sollen das denn dann für Fahrten sein die du mit dem 9€ Ticket absolvieren willst?
Wobei 138km im Monat nicht viel sind (das sind gerade einmal 4,6km am Tag), da laufe ich ja mehr. Gut ich wohne auch auf dem Land, da sind die Entfernungen etwas weiter :grinning:

Deine Quelle zeigt, dass das davon abhängt, welcher Seite du den Wertverlust zuschlägst. Die vom ADAC genannten Fix- und Betriebskosten liegen häufig in der gleichen Größenordnung.

Am Wochenende in die Stadt oder nächst-größere Stadt, z.B. Shopping, Fußballstadion, Kino, Essen gehen, Schwimmbad, Freunde/Familie besuchen, …

Das sind die ganzen Fahrten, die eher unregelmäßig stattfinden und bei denen man von Einzelfall zu Einzelfall entscheidet, ob man mit dem Auto oder dem ÖPNV fährt.
Je höher die Vorab-Kosten für das Monatsticket sind, desto eher fällt die Wahl auf’s Auto, selbst wenn der ÖPNV rückblickend billiger war.

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Wenn man unbedingt der Logik folgen will, dass das Ticket teurer werden soll, halte ich ein 39€ Ticket für sinnvoller als ein 69€ Ticket. Begründung: 69€ sind teurer als man in vielen Städten im inneren Bereich für ein Monatsticket zahlt. Das heißt mit einem 69€ Ticket, müsste man entweder das komplizierte Tarifsystem beibehalten, oder für viele Pendler die Preise erhöhen. Würde man hingegen ein 39€ Monatsticket, 5-9€ Tagesticket und vielleicht noch 20€ Wochenticket einführen, könnte man ganz einfach diesen Tarifdschungel loswerden. Dann gäbe es in ganz Deutschland nur noch 2-3 Ticketarten. Das hätte mehrere Vorteile: Man würde sich die komplizierte Verwaltung für die einzelnen Tarife sparen. Es würde deutlich weniger schlangen an Fahrkartenautomaten geben, die sich bilden, weil der Vorderste nicht weiß, welches Ticket er jetzt braucht. Der Kauf von Tickets wäre deutlich stressfreier, weil man nicht taktieren muss, welches Ticket am günstigsten ist.

Und die 39€ kommen einfach daher zustande, dass der Regelsatz für Hartz 4 bei 40€ liegt und man somit auch kein extra Sozialticket bräuchte.

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Ich sehe hier auch die beiden Optionen

  1. ÖPNV als unentgeltliche (aber 100% querfinanzierte) Daseinsvorsorge
  2. ÖPNV als Marktteilnehmer (wobei durch Querfinanzierung unterstützt)

Im ersten Fall gäbe es überhaupt keine ÖPNV-Tickets mehr, mit signifikanten volkswirtschaftlichen Einsparungen: keine wartungsintensiven und platzbeanspruchenden Ticketautomaten mehr, kein Bedarf an Ticketkontrolleuren mehr, kein Tarifzonenchaos mehr (inklusive der verlorenen Lebenszeit der Ticketsuchenden), …

Im zweiten Fall sollte der Preis gesucht werden, der das volkswirtschaftliche Gesamtsystem auch tatsächlich optimiert: tatsächlich gesparte Kosten für Auto-Treibstoffe, Fahrbahnerneuerung und Parkplatzbewirtschaftung etc. gegengerechnet gegen die zusätzlichen Kosten für die Schienen und die Passagiere (hier insbesondere die indirekten Kosten der noch größeren Verspätungen).

Das 9€-Ticket hingegen sehe ich als das Schlechteste aus beiden Welten. Als einziges Argument pro 9€-Ticket sehe ich (in Vergleich zum „0€-Ticket“), dass dadurch Statistik geführt werden konnte, wer trotzdem kein 9€-Ticket gekauft hat.

Eine weitere Stellschraube sehe ich dabei, was eigentlich quersubventioniert werden soll: der eigentliche ÖPNV (öffentlicher Personennahverkehr, d.h. innerhalb einer Stadt/Landkreis) oder auch der öffentlicher Personenregionalverkehr (Urlaubsverkehr à la „von Bayern auf nach Sylt!“)? In der meisten Kritik am 9€-Ticket geht es ja gar nicht um den ÖPNV sondern um das erhöhte Aufkommen im Regionalverkehr.

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Ich halte es für einen denkbar schlechten Ansatz, zu suggerieren, dass die Mobilität nur einmal im Monat Fixkosten verursachen würde. In Wahrheit kostet jeder Kilometer Geld.
Wenn ich sehe, welche Verschwendung der Flatrate Gedanke bewirkt, halte ich das in Sachen Verkehr für einen völlig falschen Ansatz.
… Im all inkl. Urlaub wird so viel Nahrungsmittel über den Bedarf konsumiert und zurückgehen gelassen, dass es jeden nachdenklich stimmen sollte. Ähnliches gilt bei der Internet Flatrate: wo bei den Stromkosten noch das Bewusstsein herrscht, dass Verschwendung teurer wird, funktioniert das bei Daten nicht mehr, so dass oft bspw. ohne nachzudenken mit 4k Auflösung auf kleinem Bildschirmen Filme gestreamt werden, obwohl das einen vielfachen Resourcenverbrauch mit sich bringt, als wenn das mit ausreichender HD Auflösung gestreamt würde.

Darum wäre es durchaus zu begrüßen, wenn jeder km im öPNV seinen Preis hat, von mir aus auch subventioniert sehr günstig.

Das würde mich auch motivieren vielleicht hier und da die Bahn zu nutzen, denn ich muss 12 km zum nächsten Bahnhof fahren, was Bahn Fahrten zu selten macht. Darum macht es in Verhältnissen wie meinen absolut keinen Sinn, 69 € zu bezahlen um sehr selten mal eine kürzere Strecke mit der Bahn zurückzulegen.
Wegen der Kinder muss ich ohnehin mein Auto behalten. Warum sollte ich also für Andere, die schon das Glück haben, eine gute öPNV Anbindung zu haben, auch noch deren deutschlandweiten Flatrate Reisekosten mitbezahlen müssen , die ich mit meiner Familie selbst kaum nutze kann?!

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Weil wir ohne Verkehrswende die Klimakatastrophe nicht in den Griff bekommen
, die spätestens deinen Kindern ihr Leben versaut

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Ich wollte noch einmal auf das in LdN 303 angeklunge, aber dann doch meiner Einschätzung nach von Ulf und Philip etwas zur Seite gewischte Argument eingehen, dass das 9€-Ticket auch Probleme aufgeworfen hat, weil es mehr und längere Wege erzeugt hat. Aus meiner Sicht ist das ein Punkt, der mehr Aufmerksamkeit verdient, denn die Weglängen (und nicht die Frage, ob ich die 100-km-Strecke mit Bahn, Porsche, E-Auto oder blockchainbetriebenem Flugtaxi zurücklege) sind doch das Kernproblem der Verkehrswende.

Ich hatte beim Hören den Eindruck, dass ihr den erhöhten Platz-, Ressourcen und Zeitbedarf durch längere und mehr Wege für ein nachrangiges Problem haltet. Zum einen, weil ihr die sozialen Vorteile einer für alle erschwinglichen Mobilität für wichtiger haltet (finde ich sympathisch und nachvollziehbar), zum anderen scheint für euch außer Frage zu stehen, dass „mehr ÖPNV“ nahezu ausnahmslos gut sei (Ich interpretiere eure Argumentation so, dass Skaleneffekte dann auch zu besserem ÖPNV und schließlich zu stehengelassenen Autos führen sollen).

Ich glaube, dass das so nicht funktioniert. Mehr ÖPNV kann auch die kurzen ÖPNV-Strecken, Fuß- und Radverkehr kannibalisieren und vielleicht sogar der Zersiedelung Vorschub leisten. Wenn wir uns alle daran gewöhnen, täglich hunderte von Kilometern mit gut ausgebauten und pünktlichen Zügen und Bussen durch die Gegen zu fahren, dann fördern und vertiefen wir nur vom Automobil geprägte Mobilitätsmuster. Wir werden dann sehr viel mehr Ressourcen, Fläche und Lebenszeit damit verbringen, durch die Gegend herumzumobilisieren. Und damit werden wir auch unseren verkehrsbedingten Ressourcenverbrauch nicht in den Griff kriegen.

Ich habe auch keine Patentlösung, und letztendlich fand ich das 9€-Ticket auch eine hervorragende Idee (vor allem, da es sozial und einfach war) aber ich denke, dass wir, wenn wir weniger Autoverkehr wollen, auch dafür sorgen sollen, dass weniger Autos fahren. Mehr ÖPNV mag ein kleiner Baustein dazu sein, aber nicht der unproblematischste und sicherlich nicht der naheliegenste.

Heute in der Tagespresse: Laut Statistischem Bundesamt hat die PKW Dichte in Deutschland zugenommen, mit nun 580 Autos pro 1000 Einwohner. Zum 1. Januar 2022 waren somit 48,5 Millionen Autos zugelassen, soviele wie nie zuvor.

Zwar sei der Anteil elektrischer Autos darin auch signifikant gestiegen, aber Verkehrswende hätte ich anders interpretiert.

Beispiel vom Lande: ehepaar mit zwei volljährigen Kindern, alle berufstätig bzw in Ausbildung. Vier Autos. Pendelstrecken einfach von 20 km bis 45 km, öpnv faktisch mangels Verbindungen nicht nutzbar.
Das 9 euro ticket wäre hier nur bedingt hilfreich, eher ein Ausbau der Verbindungen.
Sonst besteht kein Grund aufs Auto zu verzichten.
Wir nutzen auch schon Fahrgemeinschaften und ähnliches, aber es gibt aktuell vielerorts keine Alternative zum Auto. Leider.

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Hast du eine Statistik wie viel Mehrkosten ein einzelner Fahrgast in einer Bahn die sowieso fährt generiert?

Wenn ich mal hier schaue bei Statisken zu den S-Bahnen in Stuttgart: Unsere Fahrzeuge | Deutsche Bahn AG dann wiegt das leichteste Model dort 40 t, also eine zusätzliche Person die 100kg wiegt würde den Energiebedarf um 0,25% steigern (wenn wir vereinfacht annehmen, dass Verbrauch proportional zu Gewicht ist). Die Nennleistung dieser Bahn beträgt 2 x 257 kw = 514 kw. Also 0,0025 * 514 kw = 1,285 kw. Also eine Stunde damit Fahren entspricht 1,285 kwh. Das scheint eine Diesellock zu sein und in einem Liter Diesel stecken 9,8 kWh Energie → wir bräuchten also 0.13 Liter Diesel um eine Person eine Stunde zu transportieren. Wenn wir jetzt von 2,20€ pro Liter ausgehen entspricht das ca 29 cent für jede extra Personenstunde.
(Mir ist bewusst, dass ich für diese Berechnung viele Vereinfachungen angenommen habe, die so nicht ganz stimmen. Ich hoffe aber die Größenordnung des Endergebnisses stimmt. Wenn es nicht stimmt und jemand das besser berechnen kann dann gerne her damit).

Und jetzt kannst du gerne noch vorrechnen wie hoch der Verschleiß dieser zusätzlichen Person ist :slight_smile:

Warum sollten Leute die in der Stadt wohnen den Internetausbau auf dem Land subventionieren? Warum sollten junge Beamten die Renten von alten Leuten über Steuern bezuschussen? Warum sollten wir Beamten Pension zahlen? Warum sollten Leute die eine Ausbildung machen anderen das Studium finanzieren? Warum sollten Leute die keine Oper mögen anderen Leuten den Operngang subventionieren? Warum sollten kinderlose Paare das Kindergeld für Paare mit Kindern bezahlen? Warum sollten unverheiratete Paare das Ehegattensplitting der verheirateten Paare bezahlen? Warum haben wir überhaupt Steuern, wenn doch eh nie alle davon profitieren? Kann das nicht dann gleich alles der Markt regeln?

Oder noch weiter gedacht, warum sollten Menschen ohne Auto dir erlauben mit deinem Auto weiter den Planeten zu zerstören? War ja deine Entscheidung dich vom Auto abhängig zu machen.

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Glaube den Einfluss des Gewichts darf man nicht so stark gewichten. Beim Diesel würde ich bei Vollauslastung +10 bis 20% annehmen. Beim Emotor max 5%.

Die Debatte leidet m.E. extrem unter der diskursiven Überprivilegierung des „ländlicher Raum“-Arguments. Strategisch wird die relativ geringe Dichte von Nahverkehrsoptionen auf dem Land in Stellung gebracht, um Mobilitätserleichterungen, finanzielle Anreize und ökologische Umstellungen in dichter besiedelten Gebieten zu sabotieren und zu verzögern - so lange nicht allen Menschen ein ausreichendes Nahverkehrsangebot gemacht werden kann. Während zugleich der Kauf von Autos, das tägliche Pendeln vom Land in die Stadt, um dort die Innenstädte vollzustopfen und das Klima zu schädigen sowie die Bodenversiegelung durch die Beanspruchung absurder Mengen von Wohnraum von der Gesellschaft mitfinanziert werden.

Dabei spielt es m.E. erst einmal keine Rolle, dass Menschen im „ländlichen Raum“ vordergründig wenig von einem günstigen, subventionierten ÖPNV profitieren. Menschen in städtischen Gebieten dürften ohnehin leichter dazu zu motivieren sein, langfristig auf Autos zu verzichten, zumal in Städten bereits Möglichkeiten zum Car Sharing installiert sind und ausgebaut werden können. Man kann ja trotzdem die Ausbreitung des ÖPNV anvisieren und vorantreiben. Bis es so weit ist können Menschen auf dem Land, wenn sie von einem günstigen ÖPNV profitieren wollen, ja immer noch in dichter besiedelte Gebiete ziehen oder sich ein funktionsfähiges Fahrrad zulegen.

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