Jeder Vergleich hinkt. Immer.
Sorry, dass das vom Thema abweicht, aber ich finde es katastrophal, dass bei jedem Vergleich immer kommt „Das kann man nicht vergleichen“. Doch, man kann alles vergleichen. Vergleichen heißt nicht gleichsetzen. Man kann auch Dinge vergleichen mit dem Ziel, die Unterschiede herauszustellen. Natürlich kann ich z.B. den Holocaust mit dem angeblichen Genozid in der Ostukraine vergleichen - und sollte dabei tunlichst zu dem Ergebnis kommen, dass beides so ziemlich nichts miteinander zu tun hat und keinerlei Gleichsetzung in welcher Form auch immer legitim ist, im Gegenteil sogar, man kann diesen Vergleich explizit nutzen, um klarzustellen, dass beides eben nicht gleichzusetzen ist, indem man über einen Vergleich die massiven Unterschiede herausstellt.
Man kann Äpfel und Birnen vergleichen - oder auch Äpfel und Kirschen. Man sollte halt nur nicht zum Ergebnis kommen, beides gleichzusetzen. Ein Vergleich ist keine Gleichsetzung. Würde ein Vergleich nicht „hinken“, daher würden sich die beiden zu vergleichenden Dinge nicht unterscheiden, wäre der gesamte Vergleich sinnlos, es wäre kein Vergleich, sondern ein Abgleich, um die Identität oder vollständige Gleichwertigkeit zweier Dinge festzustellen. Das ist aber bei einem Vergleich grundsätzlich nie das Ziel.
Dieses Thema sollte eigentlich generell stärker öffentlich diskutiert werden, weil es eine weit verbreitete Unsitte selbst in hoch-gebildeten Kreisen ist, jedes Mal, wenn ein Vergleich folgt, der einem Diskussionsbeteiligten nicht gefällt, das Argument kommt, „das könne man nicht vergleichen“.
Egal, Rant zu Ende, zurück zum Thema:
Das ist genau der Punkt. Klar, Taiwan hatte jetzt viele Jahre Zeit, sich zu etablieren und der Westen war sehr daran interessiert, dass Taiwan sich etabliert. Schließlich war Taiwan im Kalten Krieg der asiatische Gegenentwurf zum System Chinas und Russlands.
Aber Zeit heilt halt kein Völkerrecht. Man würde ja auch nicht sagen, dass der Kolonialismus in Afrika irgendwann legitim würde, wenn man es nur lange genug durchhält. Auch Südossetien, Transnistrien und co. werden sicherlich nie von der westlichen Welt anerkannt werden, egal, wie sehr diese russisch-unterstützten „Volksrepubliken“ von Russland anerkannt werden.
Und das ist eben genau die Subjektivität an der Sache:
Taiwan war dem Westen sympathisch, daher wurde Taiwan zwar nicht direkt anerkannt, aber doch auf vielen Ebenen die Unabhängigkeit unterstützt (Olympia, Außenhandelsbeziehungen, Verzicht von Sanktionen usw.). Die russisch-unterstützten „Volksrepubliken“ hingegen sind dem Westen - durchaus aus gutem Grund - unsympathisch, daher wird man nichts tun, diesen „Volksrepubliken“ irgendwie den Anschein von Legitimität zu verleihen.
Problematisch wird es nun, wenn wir diese Ausgangslage als Argument nutzen, warum Taiwan legitimer ist als besagte „Volksrepubliken“, weil das halt relativ klar zeigt, dass es nicht um die gleichmäßige Anwendung abstrakten Rechts geht, sondern es darum geht, dass die Konfliktparteien („der Westen“, „Russland/China“) Fakten schaffen, die sie dann zur Grundlage ihrer eigenen Argumentation nutzen.