Dieser Kampf wird in der Gesellschaft leider viel zu wenig wahrgenommen.
Wir müssen viel stärker die große Anzahl an deutschen Bischöfen in den Fokus setzen, die sich offen gegenüber Reformen zeigen und weniger Aufmerksamkeit Woelki, Voderholzer und Oster schenken.

Übrigens wünschen sich grade die konservativen Kreise mehr Kirchenaustritte, damit schlussendlich nur noch der „heilige Rest“ übrig bleibt.

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Ich stimme vollkommen zu. Gerade für viele Betroffene ist der Begriff - verständlicherweise - ein rotes Tuch. Lieber von (Missbrauchs-) Täter:innen sprechen.

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Ja. Sehr richtig. Auch Missbrauchstäter ist keine angemessene Alternative, denn Kinder kann man nicht „richtig gebrauchen“ entsprechend auch nicht missbrauchen.
Sexuelle Gewalttäter ist sehr angemessen.

Ich habe einen persönlichen Einblick in die KPE und deren wertvolle Jugendarbeit und finde es schade, wenn hier generell verunglimpft wird auf Basis jahrzentealter Artikel. Haben Sie sich mal eine Gruppenstunde angeschaut bzw haben Sie Interesse mit den Pfadfindern direkt zu sprechen? Melden Sie sich gerne. Die Pfadfinder sind eher im konservativen Bereich der Kirche anzusiedeln, ja, aber es hat sich viel verjüngt, man engagiert sich bei Aktionen wie Nightfever oder dem Kirchentag und ich glaube, gerade das Engagement von so vielen jungen Erwachsenen in der Kirche können wir aktuell gut brauchen; es ist wichtiger denn je. Natürlich distanziere ich mich von jeglicher Form von Missbrauch in der Kirche und Strukturen, die dies zulassen oder sogar fördern, müssen geändert werden.

Ein großes Lob an alle Beteiligten für diese vielschichtige Diskussion, die sich sehr spannend liest. Sie knüpft auch sehr gut an die Lage an. Hier wurde ja der Stand der Dinge sehr gut analysiert, aber die Perspektive etwas offen gelassen.

Die Diskussion bewegt sich ja grob zwischen den Polen

und

Interessant finde ich dabei auch diesen Gedanken:

Ich denke für inaktive Kirchenmitglieder mit wenig Bindung zu der Organisation, die an ihre Mitgliedschaft im Wesentlichen über den Steuerbescheid erinnert werden, ist es ein nachvollziehbarer konsequenter Schritt jetzt die Zelte abzubrechen.

Für jemanden, der von der Arbeit seiner Gemeinde überzeugt ist, finde ich auch diese Idee sehr gut:

Die große Frage ist jetzt, wie Menschen reagieren können, die aktiv in der Kirche engagiert sind und für die nicht nur die Religionsausübung, sondern gerade die Gemeinschaft in ebendieser Organisation eine wichtige Stütze im Leben ist.

Jetzt sind die Ursachen der vielen Skandale der katholischen Kirche m.E. so tief in ihren Lehren verwurzelt, dass sie tatsächlich jedes Mitglied betreffen. Auf der anderen Seite wäre es falsch zu sagen, dass diese deswegen automatisch selbst mit dafür verantwortlich sind. Ich denke eine sehr sinnvolle Reaktion erleben wir gerade z.B. mit dem queer-outing. Ich selbst habe wenig Bezug – gerade zur katholischen Kirche, aber ich habe einige Bekannte, über die ich erfahre, dass z.B. viele Priester sich stark mit dieser Aktion solidarisieren. Ich denke dieser Augenblick der Schwäche in der Kirchenführung ist genau der richtige, in dem solche Priester z.B. einfach mal beschließen könnten, homosexuelle Paare zu trauen - egal was der Vatikan dazu sagt (und das sollte - wie in der Lage schon anklang - im eigenen Interesse nicht viel sein).

Ich denke die Entwicklungen der letzten Jahre haben gezeigt, wie wenig die behäbigen Oberhäupter der katholischen Kirche sich durch Austrittswellen beeindrucken lassen. Wenn sich die lokalen Gemeinden erhalten wollen, dann müssen sie es wagen, sich stärker zu emanzipieren. Auch wenn Religion für mich selbst eine untergeordnete Rolle spielt, halte ich die christlichen Grundwerte, für die sich die Kirche eigentlich einsetzen sollte, für sehr erhaltenswert und wertvoll für die Gesellschaft. Deswegen wünsche ich der Kirche, dass ihr eine grundlegende Reform gelingt (die allerdings kaum schmerzfrei über die Bühne gehen wird).

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Tatsächlich ist mein Eindruck von der KPE Jahrzehnte alt, das ist richtig. Aber ich habe mir nach Ihrem Post jetzt mal die Mühe gemacht, die Entwicklung der KPE aus den öffentlich zugänglichen Quellen im Internet nachzuvollziehen.

Oh ja, und daran scheint sich auch in den letzten Jahren nichts geändert zu haben. Sie sprechen von Verjüngung und Weiterentwicklung. Das mag zutreffend sein. Die neu gefasste Satzung aus 2020 ist auf der Website jedoch auch 2022 noch nicht verfügbar. Die Weihe an das „unbefleckte Herz Mariens“ spielt noch immer eine große Rolle. Im „Pfadfinder Mariens“ finde ich im ansprechenden Kleid modernen Layouts das alte Kirchenbild: Heftige Kritik am synodalen Weg (PM 149), Artikel von der reaktionären Seite „kath.net“, Nein zu Weiheämtern der Frau (PM 148). Hölle und Fegefeuer (PM 144), Relativierung von Aussagen der Würzburger Synode mit Rückbindung an die „neuere“ römische Theologie und den KEK (Positionspapier der KPE zur Würzburger Synode). Man umgibt sich mit den traditionellen Kirchenvertretern (Voderholzer, Oster etc.) und bekommt den Eindruck, Ratzinger sei noch immer Papst.

In einer Stellungnahme vom 31.01.2022 haben sich die dem BDKJ zugehörigen Georgspfadfinder kritisch gegen die Anerkennung der KPE gewandt:

Ich halte viel von Pfadfindern, den vermittelten Werten und Angeboten für junge Menschen - vermittelte Haltung, Gemeinschaft, Verantwortung, Leben in und mit der Natur, das sind tolle Ansatzpunkte. Und die KPE mag sich in einem Reformationsprozess befinden. Meine Sorge, dass sie sich aber im Kern nicht wirklich verändert hat, sondern all die guten Ansätze doch wesentlich verwendet, um ihr konservatives Weltbild zu transportieren, bei dem es mit der Freiheit des Einzelnen dann doch nicht so weit her ist, diese Sorge bleibt mir dann doch.

Ist allerdings jetzt ein wenig weit weg vom ursprünglichen Thema des Threads. :slight_smile:

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Schon seit längerem treibt mich der Verdacht um, dass es sich bei der großen Zurückhaltung der Staatsanwaltschaften, was die Aufklärung der Sexualstraftaten die unter dem Schutz der Katholischen Kirche begangen worden sind, nicht zumindest in Einzelfällen um Strafvereitelung im Amt handelt. Dafür reicht nach meinen rudimentären Kenntnissen in diesem Bereich oft schon ein Unterlassen, verzögern „auf die lange Bank schieben“ aus. Hat da jemand nähere Informationen oder übersehe ich was, ich werde kaum als Erster auf die Idee gekommen sein?

Philipp und Ulf, ich fände es angemessen, wenn ihr rund um das Thema Sexual- und oder Doppelmoral differenziert und nicht allgemein von „Kirche“ sprechen würdet: Geht’s um die katholische Kirche oder um evangelische, orthodoxe, freikirchliche Strukturen? Ich sage das nicht uneigennützig als Protestant. Aber allein beim Stichwort „Lehrautorität“ wird deutlich, dass Kirchen (!) sehr unterschiedlich aufgestellt sind. Was übrigens nicht bedeutet, dass das Arbeitsrecht etwa in den anderen Kirchen in Ordnung sei. Und auch dort gab es und gibt es, was absolut schlimm ist, sexuelle Gewalt an Kindern.
Bin ansonsten ein echter Fan der Lage

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Was du aus der BPB zitierst, ist genau mein Punkt: Europäisches Recht steht nicht über dem Grundgesetz. Daher finde ich es an dieser Stelle irritierend, dass das Grundgesetz scheinbar übergangen wird.

Genau das ist aber doch die Aufgabe der Politik, Gesetze zu ändern, wenn es nötig ist. Das Gericht hat die Gesetze auszulegen in den Grenzen, die die Gesetze vorschreiben. Auch wenn der Zeitgeist etwas anderes „fordert“, sind Gerichte an die Gesetze gebunden. Daher ist meines Erachtens deutlicher die Gesetzgebung zu kritisieren, was Philipp getan hat, als das Urteil des Bundesverfassungsgerichts.

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Diesen Punkt finde ich allerdings auch spannend und ist ein Aspekt, den ich nicht mit bedacht hatte. Hast du denn mal in das Buch reingelesen? Ist da hilfreich?

Bei diesem Beitrag konnte ich nicht anders, als an die Zeugen Jehovas zu denken. Die haben nämlich genauso viel Dreck am stecken, wenn es zu Kindesmissbrauch kommt (siehe Australian Royal Commission 2017). Dort wurde bei einer staatlichen Investigation herausgefunden, dass die Zeugen Jehovas in Australien allein eine Datenbank mit über 1000 Beschuldigten haben, und keinen einzigen Fall an die Polizei gemeldet haben (kein Witz). Sie weigern sich auch, die Datenbank mit der Polizei zu teilen. Nun sind die Zeugen Jehovas eine kleine Organisation mit circa 8 Millionen Mitgliedern, aber wie man sieht, ist der Schaden groß.

In dieser Religion muss das Opfer durch einen zweiten Zeugen beweisen, dass sich an ihnen vergangen wurde, und wenn dies nicht der Fall ist, wird innerhalb der Organisation keine Konsequenzen gezogen. Wenn Konsequenzen gezogen werden, wird der Beschuldigte ‚ausgeschlossen‘ (Glaubensmitglieder sollen die Person meiden) und kann nach einem halben Jahr wieder versuchen, in die Kirche zurückzukommen. Absolut unvorstellbar, und doch war, mit einer riesigen Anzahl an Opfern.

Oftmals werden auch die Opfer stattdessen ausgeschlossen und verlieren ihren gesamten Familien- und Freundeskreis, denn wer sich mit einem Ausgeschlossenen abgibt, läuft Gefahr, selbst ausgeschlossen zu werden. Das Thema ist eine echte ‚can of worms‘, und je länger man guckt, desto schlimmer wird es.

Hallo Philip, hallo Ulf,

mich beschäftigt eine Frage zu dem kürzlich veröffentlichten Gutachten zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs im Erzbistum München/Freising.

Zuerst habe ich mich, gefragt, wie es überhaupt passieren kann, dass durch ein ordentliches Gericht verurteilte Priester noch als Seelsorger eingesetzt werden können. Die hätten doch im Gefängnis sitzen müssen. Nach einem kurzen Blick in das Gutachten selbst musste ich feststellen, dass ich mich massiv getäuscht hatte. Insbesondere bin ich irritiert, wie milde solche Taten damals bestraft wurden. Ein Priester wurde „wegen mehrfachen sexuellen Missbrauchs von Kindern zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt.“ (S. 719) Andere (auch Wiederholungstäter) wurden sogar nur zu Geldstrafen verurteilt (z.B. S. 699).

Meine Frage ist jetzt: War ein solch mildes Strafmaß für solche Taten damals (es geht um die 60er/70er Jahre) üblich oder wurden Priester hier bevorteilt? Nach meiner persönlichen Wahrnehmung werden Sexualvergehen an Kindern heutzutage sehr viel härter bestraft.

Es wäre nett, wenn mich da jemand aufklären könnte.

VG,
Jakob

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Danke für den Vorschlag, auch mich treibt dieses Thema immer wieder um. Vielleicht auch ergänzend die Fragestellung, wie überhaupt Kirchenrecht neben (?) weltlichem Recht geregelt ist: Warum dürfen Kirchen überhaupt (aus meiner Sicht als juristischer Laie) Strafverfolgung vereiteln, Taten vertuschen und intern regeln? Wenn es interne Prozesse und Akten gibt, dann handelt es sich ja wohl nicht nur im Informationen, die dem Beichtgeheimnis unterliegen, sondern für mich sieht das wie eine komplette Paralleljustiz aus.

Viele Grüße!

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Wenn die Lage sich intensiver mit dem Thema der sexuellen Gewalt in der katholischen Kirche auseinandersetzen will, kann ich folgende Gesprächspartner für Interviews empfehlen:

  • Prof. Dr. Thomas Schüller, Direktor des Instituts für Kanonisches Recht an der Universität Köln, für die Fragen nach dem Verhältnis von kirchlichem und weltlichem Recht,
  • Wolfgang F. Rothe, Priester im Erzbistum München Freising und Autor, für den innerkirchlichen Kulturkampf, aktuell ausgetragen in den Feldern Umgangs mit dem Missbrauch und Fortentwicklung der Sexualmoral aus Sicht eines Reformers,
  • Christiane Florin, Journalistin der Redaktion ‚Religion und Gesellschaft‘ des Deutschlandfunks, für den Blick auf das System katholische Kirche.
  • Matthias Katsch, Managementtrainer und Coach, Vertreter der Betroffeneninitiative „Eckiger Tisch“, für die Perspektive der Betroffenen.

Alle genannten Personen eint hohe Sachkenntnis, eine kritische wie auch differenzierte Sicht auf die katholische Kirche, die Fähigkeit, anschaulich zu sprechen und der professionelle Umgang mit journalistischen Formaten.

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Zunächst mal möchte ich mich als treuer Hörer der „Lage“ und neuer User in diesem Forum bedanken für diese tolle Informations-Quelle.
Was den Macht-Missbrauch der katholischen Kirche betrifft, ist es mir als Mitglied und Mitarbeiter dieser Kirche wichtig zu sagen, dass ich Eure Kritik voll teile und weiß, dass es vielen anderen Menschen, die ich kenne, genau so geht. Auch ich finde, dass die Kirchenleitung sich als unfähig zur Lösung vieler Probleme erwiesen hat und dass der Staat seine Samthandschuhe ausziehen und Sonderbehandlung beenden sollte.
Wir Kirchenmitglieder haben viel zu lange mitgemacht, indem wir geschwiegen und nicht gehandelt haben. Und viele - mich selbst eingeschlossen - sind im Zwiespalt, ob es besser wäre, dem „System“ die eigene Unterstützung zu entziehen und auszutreten, oder drinzubleiben und die Macht eben nicht denen zu überlassen, die oft so unmenschlich und unchristlich gehandelt haben und immer noch handeln. Ich empfinde das als eine wirklich schwierige Abwägung.
Soweit erst mal für heute! Bleibt gerne dran am Thema!

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Stimmt, das Argument zieht aber nur, wenn man auch aktiv in der katholischen Kirche engagiert ist und in der Gemeinde Veränderungen anregen kann. Wer einfach nur Kirchensteuer zahlt, finanziert die Institution, ohne jeden positiven Einfluss.

Des Weiteren gibt es auch noch den berechtigten Einwand, dass die katholische Kirche nahezu unreformierbar ist. Auch wenn man evtl lokal in der eigenen Gemeinde etwas positive Veränderung bewirken kann, die großen Probleme (Zölibat, Weiheämter für Frauen, Diskriminierung auf Basis von Sexualität und Geschlecht, Decken von Missbrauch, Werbung gegen Verhütung und Abtreibung insbesondere im globalen Süden) sind deutlich höher angesiedelt. Auch als zahlender Kirchgänger hat man auf die Entscheidungen von Bischöfen, Kardinälen und dem Papst absolut keinen Einfluss.
Zum Thema Reform von innen siehe auch die Initiative Maria 2.0, die sich genau das zum Ziel gesetzt hat und krachend gescheitert ist. Die zwei Gründerinnen/Initiatorinnen sind mittlerweile ausgetreten.

Muss man dafür Mitglied der Institution katholische Kirche sein und diese finanziell unterstützen?

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Dem kann ich mich uneingeschränkt anschließen.
Wer nach den ganzen Skandalen der letzten Jahrzehnte immer noch darauf hofft, der nächste Skandal wird die katholische Kirche schon zu einem Einsehen bewegen, der kann sich auch gerne einen Film mehrfach ansehen und auf einen anderen Ausgang hoffen.
Ich möchte gar nicht in Abrede stellen, dass es engagiert Menschen gibt, viel viel Energie und Zeit in eine Reformierung der Kirche stecken, ich sehe aber zumindest in der medialen Debatte keine großen Veränderungen die mich überzeugen.
Auch wenn ich selbst keinem religiösen Glauben anhänge, versteh ich dennoch das es viele Menschen gibt, für die ihr Glaube wichtig ist und das respektiere ich uneingeschränkt.
Allerdings bin ich davon überzeugt, dass es für den Einzelnen und auch für die Gesellschaft besser wäre, den Glauben von der Institution Kirche zu trennen.

Aus meiner Sicht muss damit Schluss sein:

  • dass Verbrechen innerhalb der Kirche nicht ganz regulär strafverfolgt werden
  • dass Kirchen ihren Sonderstatus dazu nutzten, um ihre Mitarbeiter allein arbeitsrechtlich schlechter zu stellen als alle anderen
  • dass man für eine Austritt so hohe formale Hürden auf sich nehmen muss
  • das der Staat immer noch als Erfüllungsgehilfe für beiden großen Kirchen auftritt

Für mich als Nichtgläubigen ist es teilweise unerträglich was die Kirchen (nicht die Gläubigen) sich immer noch herausnehmen, bei dem was alles schon passiert ist.

Ob jemand aus der Kirche austreten soll, möchte ich mir nicht anmaßen zu bewerten, dass muss immer noch jeder mit sich selbst ausmachen.
Die Frage, ob er damit aber das Unrecht nicht durch stillschweigen mitträgt, ist nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Gruß
Alex

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Jegliche Empörung, Verurteilung und Wut über sexualisierte Gewalttätigkeit kann ich verstehen, allerdings scheint ab einem gewissen Punkt nicht weitergedacht zu werden.
Offensichtlich ist Gewalt in der katholischen Kirche kein ausschließlich individuelles Problem. Das soll nicht heißen, dass die individuellen Täter nicht massivste Grausamkeit gegen die Betroffenen ausgeübt haben und dass das kein Problem wäre. Doch der Umstand, dass sich ein immer wieder auftretendes Muster zeigt (Täter(x) werden geschützt und versetzt, Betroffene zum Schweigen gebracht und bedroht), was ein noch größeres Dunkelfeld vermuten lässt als sonst üblich bei sexualisierter Gewalt - das zeigt doch sehr genau, dass es sich um ein strukturelles Problem handelt. Und das ist, bei aller Verschiedenheit, eine Gemeinsamkeit für andere Gewaltformen, die zur katholischen Kirche gehören. Im Podcadt genannt wurde außerdem die Diskriminierung queerer und nicht der Sittenlehre entsprechend lebenden Menschen so wie Menschen mit bestimmten politischen Meinungen (Schwangerschaftsabbruch). Letzteres ist nicht nur wegen der Meinungsfreiheit brisant. Da nämlich auch viel Gesundheitsversorgung von katholischen Trägern geleistet wird - z.B. Krankenhäuser - führt das dazu, dass ein großer Teil der Mediziner*innen gar nicht dazu beitragen darf, dass die entsprechende Gesundheitsversorgung geleistet werden kann. Somit ist auch die Möglichkeit Schwangerer, einen Abbruch machen zu lassen, massiv beschränkt, sodass hier körperliche Selbstbestimmung strukturell stark eingeschränkt wird. Außerdem zu nennen ist, dass behinderte Menschen, oft in kirchlich (katholisch) betriebenen Wohneinrichtungen leben und zugehörigen kirchlichen (katholischen) Behindertenwerkstätten arbeiten, weil sie oft de facto nicht das Grundrecht auf freie Wahl des Wohnsitzes ausüben können und sie gleichzeitig massiv finanziell ausgebeutet werden - die geleistete Arbeit wird nicht (!) entlohnt, sondern es gibt ein Taschengeld; das entspricht der Definition von Sklaverei sehr genau - während sie von den Gewinnen durch die Arbeit nichts sehen. (Das ist zwar nicht beschränkt auf diese eine Kirche bzw. Organisation, aber dennoch für sie relevant.)

All diese Formen von Gewalt sind ein Teil dessen, wie Berufstätigkeit oder verschiedene Art von Zugehörigkeit bei bzw. Betroffenheit von der katholischen Kirche geregelt ist und grundsätzlich umgesetzt wird. Es ist ein Muster, nach dem sich (potenzielle oder tatsächliche) Mitarbeiter*innen richten müssen bzw. womit Betroffene leben müssen, weil grundsätzlich keine oder nicht ausreichend wirksame Gegenmaßnahmen bzw. Alternativen existieren.

Aus dieser Faktenlage heraus halte ich es für irreführend, von einer moralisch legitimen Grundlage bei der Kirche auszugehen (wie es oft passiert, wenn es heißt, die Kirche erfülle eigene Werte von Nächstenliebe nicht) und sie deshalb trotz „Ausnahmen“ als legitim zu betrachten. Viel charakteristischer für die katholische Kirche ist eine Beschreibung als Institution, die durch Kontrolle, Verwaltung und Disziplinierung grundsätzlich gewaltvoll Macht ausübt - ohne jegliche demokratische Legitimation und unter gravierender Missachtung von Grundrechten. Die Fakten zu verschiedener struktureller Gewalt durch die katholische Kirche sprechen dafür, dass all das eben keine „Fehler“ sind, sondern im Gegenteil in sich stimmig: Menschen werden systematisch Möglichkeiten verweigert, ein bestimmtes Leben zu leben, indem ihnen Wahlmöglichkeiten genommen werden oder eine angemessene Aufarbeitung der gegen sie verübten Gewalt zu bekommen (was ebenfalls Lebensmöglichkeiten beschränkt).

In aller Deutlichkeit diese Misstände öffentlich zu kritisieren halte ich für wichtig. Was mir allerdings in der öffentlichen Debatte allgemein fehlt ist, die katholische Kirche auch als ein System struktureller Gewalt zu benennen, als gesellschaftliche Bedrohung ernst zu nehmen und gezielt und offen daran zu arbeiten, dass die katholische Kirche als System diese Macht - und damit die Möglichkeit von Gewalt gegen so viele - wirklich verliert.

(x) Ich habe in sämtlicher Berichterstattung zum Thema sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche ausschließlich von männlichen Tätern gehört. Sicherlich vor allem deshalb, weil sehr viele geistliche Posten - von denen oft in dem Kontext berichtet wird - grundsätzlich in der katholischen Kirche nur Männern vorbehalten sind. Um das sichtbar zu machen habe ich dort die männliche Form benutzt. Ich meine damit nicht, dass nur Männer diese Gewalttaten begehen würden oder dass solche Taten von nicht-männlichen Menschen weniger ernst zu nehmen wären.

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Das ist definitiv so, es IST ein strukturelles Problem… Allerdings halte ich das nicht für einen übersehenen Punkt in der Diskussion, es ist der Kern der aktuellen Auseinandersetzung. Strukturelle Ursachen zu leugnen, auf Fehlverhalten der Einzelnen zu verweisen, die Heiligkeit der Institution dabei aber nicht in Frage stellen zu lassen, das war die erste Verteidigungslinie vor über zehn Jahren. Inzwischen wird sie nur noch in den rechtskonservativen Kreisen betrieben (dort allerdings leider weiterhin sehr ausgeprägt), alle anderen haben das inzwischen erkannt und selbst die meisten Bischöfe räumen es ein.

Aufgrund dieser erhöhten Sensibilität auch in der Leitungshierarchie gebe ich nun auch dem Forum Synodaler Weg eine Chance, wirklich Änderungen zu bewirken, bislang hielt ich es in erster Linie für Beschäftigungstherapie für die Reformwilligen, um die Untätigkeit auf Leitungsebene zu kaschieren. Allerdings wird sich nur ändern, was auf Ebene der Bistümer auch durch den jeweiligen Bischof entschieden werden darf (z. B. Arbeitsrecht), auf Veränderungen in zentralen Bereichen (Zölibat, Zugang zu Weiheämtern für Nicht-Männer) werden wir vergeblich auf römische Reformen warten.

Das ist wirklich eine ganz andere Diskussion, die nicht mit der hiesigen Diskussion vermischt werden sollte: Behinderte Menschen sind - v. a. bei intellektuellen Beeinträchtigungen, in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt oder zumindest darin bedroht. Im besten Fall gibt es ein unterstützendes Umfeld oder eine gesetzliche Betreuung, um die Selbstbestimmung zu ermöglichen. Das Arbeitsentgelt in den Werkstätten ist ziemlich genau geregelt, die Wirtschaftskreisläufe Betreuung und Produktion sind voneinander getrennt. Die Beschäftigung dort wäre bei Einhaltung von Mindestlohnstandards nicht aufrechtzuerhalten. Kann man sicherlich unter verschiedensten Aspekten diskutieren, hat aber überhaupt nichts mit der katholischen Trägerschaft von Werkstätten zu tun.

Stimme zu. Deshalb ist der öffentliche Druck auf die katholische Kirche absolut berechtigt und auch notwengig. Dass ohne diesen Druck keine Veränderung erfolgt, wurde in den letzten 12 Jahren leider bewiesen.

Jain. Erstens, wie bereits gesagt, ist das Problem gesellschaftlich deutlich erkannt. Zweitens ist es richtig, diesem System muss Macht entzogen werden, etwa die massiven arbeitsrechtlichen Freiheiten in den eigenen Tarifverträgen. Drittens allerdings - was in Ihrem Beitrag so durchklingt, die Kirche solle als Ort des organisierten Verbrechens (ich überspitze) mehr oder weniger gänzlich stillgelegt werden, auch in den betriebenen Einrichtungen und Diensten, das halte ich für überzogen. Es gibt in der Kirche auch die gewaltfreien Orte, in denen Menschen Unterstützung und Förderung erfahren, in denen sie sich in guter Weise entfalten können. Und das sage ich, obwohl ich zu den Fahnenträgern gehöre, die zum Sturm gegen nicht nur überkommenen, sondern auch schädlichen und in Teilen kriminellen Strukturen ankämpfen.

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