Ich denke, ich kenne den Laden recht gut aus der Innenperspektive. Nicht nur ihr seid entrüstet, auch in den Gemeinden bricht die Wut durch und das will schon was heißen, denn tendenziell sind wir Katholiken loyal gegenüber unseren Hirten und auch dahingehend sozialisiert, die konservativen und eher autoritären Strukturen als gegeben hinzunehmen.
Das Münchner Gutachten hat nicht wirklich Neues erbracht und doch scheint es der Tropfen zu sein, der ein schon seit langem bis zum Rand gefülltes Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Da ist die lange Dauer der Beschäftigung mit dem Thema, ohne dass wirklich Fortschritte gemacht wurden. Seit dem ersten öffentlichen Bekanntwerden von Fällen sexueller Gewalt am Berliner Canisiuskolleg und dem ersten Münchner Gutachten sind 12 Jahre vergangen. Die Reaktionen von Bischof Marx auf der gestrigen Pressekonferenz sind aber im Grunde genommen fast identisch mit seinen Äußerungen im Jahr 2010. Sicher wurden seither gerade im Bereich Prävention große Fortschritte gemacht, aber in der Anerkennung und Wiedergutmachung gegenüber den Betroffenen ist viel zu wenig passiert.
Es fehlt noch immer die Übernahme persönlicher Verantwortung und Konsequenzen durch Verantwortungsträger. Einige Bischöfe haben dem Papst ihren Rücktritt angeboten, dieser hat die Gesuche abgelehnt. Ein gutes Zeichen wäre es, wenn Bischöfe nun dennoch zurückträten, sich also nicht vom päpstlichen Placet abhängig machen würden in ihrer Entscheidung. Es ist ja nicht zu erwarten, dass der Papst dann die Schweizer Garde mit Säbeln über die Alpen schickt. Warum treten sie nicht zurück? Es ist ein falsches Verständnis von Gehorsam gegenüber dem Papst, aber auch eine gewisse Hybris, was die eigene Person und Rolle angeht. Rücktritte, verbunden mit dem Bekenntnis „ICH habe gefehlt“, wären starke Zeichen, die auch einen Neuanfang ermöglichen würden.
Dieses Mea culpa sucht man auch in der 82seitigen Stellungnahme des Ex-Papstes vergeblich. In einer kleinkarierten und kalten kirchenrechtlichen Betrachtungsweise wird hier in einer - nicht nur für Außenstehende - absurden Sichtweise argumentiert, wenn etwa zwischen verwerflichen, aber nicht strafbaren sexuellen Handlungen VOR und justiziablen Handlungen AN Kindern unterschieden wird. Zumal das staatliche Recht in der Betrachtung keine Beachtung findet, obwohl sich das Bistum München Freising ja in Deutschland befindet. Dass Ratzinger nichts gewusst haben will, ist in keiner Weise plausibel. Über solche Fälle wird in den entsprechenden Konferenzen gesprochen, auch und gerade mit dem Bischof. Und sollte er tatsächlich nichts gewusst haben, wäre Ratzinger ein miserabler Bischof gewesen, der nicht nur kein Interesse an seinen Mitarbeiten hatte, sondern auch seine Dienstaufsicht gravierend vernachlässigt hat. Auf jeden Fall hätte man sich gerade in den skizzierten Fällen mit wenig Mühe ein Bild machen können. Wollte man aber scheinbar nicht.
Neben der Hybris der Amtsträger vermute ich, dass ein Grund für die Vertuschung durch Verantwortliche auch darin liegt, dass die Kirche nach katholischem Verständnis selbst Sakrament ist, so wird sie bereits im Konzil von Konstantinopel bezeichnet als „die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche.“ Folgt man dieser Sichtweise, muss das Ideal der Heiligkeit geschützt werden und darf nichts sein, was die Heiligkeit strukturell in Frage stellt. Vielleicht meinte das Bischof Wilmer, als er davon sprach, dass „der Missbrauch in der DNA der Kirche begründet“ liegt.
Die Aktion #OutInChurch, bei der sich am Montag 125 pastoral Mitarbeitende (nicht 150, wie in eurem Beitrag gesagt) als LGBTQ geoutet haben, ist mutig. Sie war gut vorbereitet und auch der Zeitpunkt war gut gewählt. Wie ihr richtig ausführt, kann es sich aktuell keine Bistumsleitung leisten, repressiv auf dieses Outing zu reagieren. Die Generalvikare treten ja einer nach dem anderen mit Stellungnahmen an die Presse, dass die sexuelle Ausrichtung der Mitarbeitenden akzeptiert würde. Manchen kann man’s glauben, bei anderen ist Skepsis angebracht. Entscheidend wird jedoch sein, ob diese Zusagen auch im Arbeitsrecht der Kirche verankert werden, denn nur dann haben Mitarbeitende die Sicherheit, die sie brauchen, um angstfrei leben und arbeiten zu können. Ohne das befinden sie sich in einer Grauzone und Grauzonen unterliegen Ermessensspielräumen, sind somit Zonen der Macht und Abhängigkeit. Spannend wird sein, wie man sich in den Bereichen der Verkündigung und der Pastoral verhält. In Bereichen wie Kindergärten und Krankenhäusern bin ich optimistisch, in der Pastoral skeptisch und insbesondere gegenüber den Klerikern pessimistisch.