LdN 269 - "Mindeststandard von Bildungsangeboten"

Ich würde mir wünschen, dass begrifflich noch klarer zwischen Schulschließungen und Distanzlernen unterschieden wird. Reine Schulschließungen zum Zweck der Pandemiebekämpfung sind selbstverständlich ein Eingriff in die „chancengleiche Entwicklung“ und berühren daher ohne Zweifel die genannten „Gewährleistungsdimensionen“ und den „Mindeststandard von Bildungsangeboten“.

Wenn es allerdings darum geht, Grundrechte gegeneinander abzuwägen, kann es meines Erachtens durchaus angemessen sein, für einen begrenzten Zeitraum das Präsenzlernen auszusetzen und stattdessen alternative Formen des Distanzlernens anzubieten. Distanzlernen hat selbstverständlich seine Schwächen, stellt eine zusätzliche familiäre Belastung dar und man erreicht sicher nicht alle Schülerinnen und Schüler. Auch wenn die Schulen in 2020 vielleicht „geschlossen“ waren, so hat doch in der allermeisten Zeit Unterricht stattgefunden. Es ist nun aber ein Trugschluss, wenn man unter offenen Schulen auch automatisch einen geregelten und qualitativ befriedigenden Unterricht erwartet.

Momentan würde ich behaupten, dass wir auch bei „geöffneten Schulen“ von einem „Mindeststandard von Bildungsangeboten“ weit entfernt sind, wobei ich gar nicht die vermittelten Unterrichtsinhalte meine. Maskentragen über Monate, Wegfall von Schulveranstaltungen, Wandertagen, Klassenfahrten, Exkursionen, kaum (oder keine) Besuche außerschulischer Lernorte, kaum (oder keine) jahrgangsübergreifenden Arbeitsgemeinschaften, Einschränkungen bei der Gruppenarbeit, Stoßlüften alle 20 Minuten auch bei Minusgraden und auch bei Klausuren unter Abiturbedingungen. usw. Das alles ist eine ganz reale Abweichung von den formulierten „Mindeststandards“, dem auch das BVerfG nicht abhelfen kann.

Tatsächlich ist das alltägliche Leben in einer Pandemie für Schülerinnen und Schüler nach meiner Auffassung deutlich belastender als für viele (natürlich nicht alle) Erwachsene, die an ihrem Arbeitsplatz oft weit weniger Maßnahmen zum Infektionsschutz beachten müssen, weil sie z. B. in ihren Büros oder Arbeitszimmern die Maske abnehmen können. Gleichzeitig werden die Kinder und Jugendlichen in der öffentlichen Debatte häufig übergangen. Dann habe es angeblich „für alle“ ein Impfangebot gegeben, oder es werden gleichzeitig Karnevalsveranstaltungen und andere Großereignisse genehmigt, während an den Schulen vieles von dem, was am meisten Spaß macht, verboten ist.

Es ist relativ einfach, von außen eine konsequente Maskenpflicht im Unterricht zu fordern, die auch aus meiner Sicht virologisch durchaus gerechtfertigt erscheint. Allerdings hat man den Eindruck, dass diese Forderung nicht selten von Leuten aufgestellt wird, die selbst eben nicht seit Monaten täglich 6-8 Stunden eine Maske bei ihrer Arbeit tragen.

Natürlich sind Schulen Ansteckungsherde, vielleicht sogar Pandemietreiber. Ich würde mir aber wünschen, dass man jenseits von epidemiologischen Überlegungen nicht aus den Augen verliert, was seit Mitte März 2020 tatsächlich von Schülerinnen und Schülern abverlangt wird. Man hat den Eindruck, dass schwurbelnde Impfskeptiker und Corona-Leugner eine stärkere Lobby haben als Schülerinnen und Schüler.