LdN 231: Langsame Impfkampagne

Lieber Philip und Ulf,

vielen Dank für diese wieder sehr informative Folge.

Es wird ja immer viel über die Langsamkeit beim Impfen geschimpft und dann auf die USA und UK verwiesen. Ich möchte nicht über die vorhandenen Probleme hinweggehen, aber ich denke, man sollte auch eins bedenken:

Sowohl die USA als auch UK haben mit ihren heimischen Impfstoffproduzenten vereinbart, dass diese erst in andere Länder exportieren dürfen, wenn die heimische Bevölkerung durchgeimpft ist. Das wird noch Monate dauern.

Die EU erlaubt ihren Herstellern aber, in die ganze Welt zu exportieren. De facto geschieht das auch in einem nennenswerten Umfang. Biontech liefert aus den europäischen Werken in die ganze Welt (z.B. auch nach UK), AstraZeneca auch, insbesondere auch in ärmere Länder. Das ist, denke ich, auch aus moralischen und pandemiestrategischen Überlegungen sehr begrüßenswert.

Deswegen hinkt aber der Vergleich mit den USA und UK. Würde die EU eine ebensolche, nun ja, selbstbezogene Exportpolitik fahren, wären schon sehr viel früher viel mehr Impfstoffe hierzulande verfügbar gewesen.

6 „Gefällt mir“

Da spielen durchaus noch mehr Faktoren mit hinein.

Israel hat größere Impfstoffmengen beziehen können weil sie im Gegenzug wichtige Daten zur Verfügung gestellt haben. Das wäre in Deutschland nicht machbar gewesen, würde ich jetzt einfach mal behaupten.

Die USA haben unter anderem auch sehr früh große Mengen bestellt, als Zulassung, Effektivität und Nebenwirkungen noch sehr viel unklarer waren. Das hätte auch schief gehen können, ist es aber nicht.

Der Vorsprung von England lag anfangs sicherlich zu einem gewissen Anteil am früheren Start, da aber auch effektiv pro Tag mehr Impfungen verabreicht wurden erklärt das sicherlich nur einen kleinen Teil des Erfolges. Meines Wissens nach wurde dort auch vor allem sehr viel Astra Zeneca verimpft. Die Bewertung der Impfstoffe könnte sicherlich alleine einen threat füllen, aber die mehr als ungünstige kommunikation der Bevölkerung gegenüber hat „uns“ ganz sicher nicht geholfen.

Am Ende ist das Thema zu komplex um es auf einen einzelnen Faktor runter zu brechen.
Was bleibt ist leider dass Gefühl, die Regierungen und Ministerien seien von einer sich lange im Voraus abzeichnenden logistischen Herausforderung vollkommen überrascht worden.
Wie auch Im Herbst von den steigenden Zahlen, und kürzlich bei der Frage nach Schnelltest. Obwohl jede dieser Entwicklungen jedem klar war, der sich auch nur ein bisschen mit der Thematik befasst hat.

Ich denke man sollte sich schon fragen, ob an die Spitze des Gesundheitssystems nicht auch jemand gehört der sich im Gesundheitssystem auskennt. Man würde ja auch keinen BWLer an die Spitze des Justizministeriums setzen.
Zum Glück hat Herr Spahn jetzt Hilfe von Herrn Scheuer… ich sehe für die Beschleunigung der Impfkampagne dunkelgrau.

Das Problem aktuell scheint nicht der fehlende Impfstoff zu sein, sondern das Management der Impfungen an sich.
Ich lebe in NRW ind arbeite in der Eingliederungshilfe (schwerstmehrfachbehinderte Menschen die im Heim leben!) und Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen sollen ab Montag geimpft werden. Allerdings haben wir noch keine Termine, wir wissen nicht mal, wie wir an Termine kommen.
Und dann liest man, dass massig Termine frei sind (Erzieher*innen haben gestern ihren Code bekommen, mit dem sie Termine buchen können und berichten davon, dass es NÄCHSTE Woche jeden Tag zu jeder Zeit freie Termine gibt.

In der Presse klingt es so, als würden die Menschen die Termine mit AstraZeneca nicht annehmen. Erinnert mich an ein Restaurant das sich wundert, dass keine Gäste kommen und es aber nicht schafft die Eingangstüre aufzuschließen.

2 „Gefällt mir“

@arfuma @Wiebke Das ist alles richtig. Natürlich gibt es haufenweise mehr Probleme.

Trotzdem: UK hat bisher über 30Mio Dosen geliefert bekommen, Deutschland ca. 10Mio. Wenn es einen Exportstopp gegeben hätte, wären wir schätzungsweise auch bei 30Mio. Und so schlecht verimpft Deutschland die Vakzine nicht, von 10Mio bisher immerhin 7Mio.

Mein Punkt ist: der Erfolg der USA und UK geht sehr zulasten anderer Länder, und dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man den Vergleich anstellt. Hätte die EU sich anders entschieden, wären wir viel näher dran.

Da ist was dran. Hätte die EU dieselbe Art Exportstopp verhängt wie die USA, gäbe es die israelische Erfolgsstory höchstwahrscheinlich nicht. Schließlich führt BioNTech/Pfizer meines Wissens nur in den USA und in Puurs/Belgien die letzten Produktionsschritte aus; die USA exportieren bekanntlich nix, die Israelis müssen also komplett aus Belgien bedient werden.

Es ist natürlich immer noch so, dass die EU die Bestellung grandios verkackt hat, und das muss man ihr weiterhin zur Last legen, denn wär das besser gelaufen, hätte man auch ohne Exportstopp jetzt eine bessere Versorgungslage (und andere Länder eine etwas schlechtere, aber ohne komplett abgeschnitten zu sein). Ich bin dennoch einigermaßen froh, dass darauf verzichtet wird, zum Ausmerzen dieses Fehlers jetzt das rigorose Mittel des Exportstopps einzusetzen (einzelne Verbote gegen Hersteller, die selbst den legitim zustandegekommenen Verträgen mit der EU nicht nachkommen, stehen nicht dieser Grundposition entgegen). Denn angesichts der Vorgehensweise der USA und UK erspart uns das glaube ich gerade eine ganze Menge internationaler Spannungen - wer bliebe denn noch übrig, wenn man auch die EU als Exportland für Impfstoffe aus dem Spiel nähme? Die Schweiz vielleicht noch, da wird meines Wissens Moderna-Impfstoff hergestellt, aber die Mengen sind verglichen mit Puurs doch deutlich kleiner. AstraZeneca hat noch irgendwo in Indien eine Produktion, aber auch da gibt’s so weit ich weiß Deals mit dem Land, die ihm einen großen Teil des Stoffes garantieren.

Ich finde es am sich ja schon gut, dass einige Menschen geimpft werden können, stelle mir trotzdem regelmäßig die Frage, ob es im 1. Quartal nicht hätte schneller gehen können.
Was mich aber primär beschäftigt:
Wenn bald im April die großen Lieferungen der Impfstoffe bei uns ankommen: schafft Deutschland es, die bisherigen Impfungen pro Tag zu erhöhen? Sind bis dahin Arztpraxen bereit zu impfen? Und mit wie vielen Impfungen pro Tag kann man dann grob rechnen?
Gibt es hierzu bereits Schätzungen?

Ich finde, du hast da vollkommen recht. Und ich fände es sehr begrüßenswert, wenn ein bißchen offener darüber gesprochen werden würde. Ich fand diesen Artikel lesenswert. US vaccine hoarding is alienating the world

Ich finde vor allem bedenkenswert, dass die USA und UK ihre Bevölkerung durchimpfen, um der Bevölkerung Freiheiten wie Reisen zu ermöglichen. Das kreiert einen Nachahmereffekt. Es ist für andere Länder politisch nicht vertretbar, wenn sie Impfdosen abgeben. Jeder in der EU würde auf UK deuten und sagen: das wollen wir auch.
Meines Erachtens verpassen hier diese Staaten die Vorreiterrolle, die sie haben und das Problem wird nicht besser werden.

2 „Gefällt mir“

Der Spiegel hat hier eine Grafik: Impfstoff-Liefermengen
Ich lese hier mal ganz grob für das zweite Quartal die 4-fache Menge gegenüber dem ersten Quartal ab. Das Impfzentrum in meinem Kreis hat an 4 Tagen pro Woche halbtags geöffnet, kann seine Kapazität also mit Faktor 7 steigern. Mit Spät-/Nachtschichten noch mehr.

1 „Gefällt mir“

Indien hat, soweiß ich weiß, die größten Impfstoffproduktionskapazitäten überhaupt, aber das Serum Institute, AstraZenecas Partner vor Ort, ist auch dazu angehalten, die indische Bevölkerung zuerst zu beliefern.

In Australien und Kanada werden zurzeit auch Produktionskapazitäten aufgebaut.

Und kleiner Nachtrag: Laut EU Kommission liefern Produzenten aus der EU nach
Argentina, Australia, Bahrain, Canada, Chile, China, Colombia, Costa Rica, Dominican Republic, Ecuador, Hong Kong, Japan, Kuwait, Macau, Malaysia, Mexico, New Zealand, Oman, Panama, Peru, Philippines, Qatar, Republic of Korea, Saudi Arabia, Singapore, South Africa, the United Arab Emirates, the United Kingdom, the United States and Uruguay

Wenn man die Menge der Impfstoffe nimmt, für die bis Ende März die Liefertermine feststehen, müsste Deutschland zurzeit um die 2Mio Impfungen pro Woche vornehmen. Nach den letzten Zahlen zu urteilen, ist das auch zu schaffen, wenn die Impfungen pro Tag so weiter steigen wie bisher.

Für April und später gibt es noch keine genauen Lieferzusagen, aber für das 2. Quartal werden ca 80 Mio Dosen erwartet, d.h. es könnten pro Tag ca. 900T Impfungen vorgenommen werden. Ab dem Zeitpunkt wird die Logistik wohl das größere Problem sein als die Impfstoffmenge.

Ab April sind aber auch die Arztpraxen eingeplant, Pilotprojekte laufen schon. Wenn auch die Betriebsärzte mit einbezogen werden, ließe sich das bestimmt schaffen.

2 „Gefällt mir“

Ja, das fände ich auch sehr begrüßenswert.

Gerade auch vor dem Hintergund, dass so oft auf die USA und UK verwiesen werden, ohne ihre Exportpolitik zu erwähnen. Und auch, weil die britische Presse und Politik sich so sehr feiert und die ‚Impfkatastrophe‘ der EU jeden Tag erwähnt. Aber laut aufschreit und über die niederträchtige EU schimpft, wenn Italien mal 250k Dosen nicht nach Australien liefert.

Kann ich nur zustimmen. Ich lebe selbst in London und ich finde die Absenz an Reflektion sehr schade. Wie gesagt, es sollte mehr in Ländern geimpft werden, die gerade akut betroffen sind, als nur an sich selbst zu denken. Aber es wird gerade kein Positivbeispiel statuiert.

Vielen Dank Martino. Diese Grafik kannte ich noch gar nicht und ist sehr aufschlussreich. Bleibt die Hoffnung, dass die Logistik im Voraus so gut geplant wurde, um derartige Mengen zu verimpfen.

Auch an Dich besten Dank Werner für die Antwort.
Ich hatte bisher beim Thema Corona größtenteils Vertrauen in die Regierung und Bundesländer. Ich muss aber zugeben, dass diese Vertrauen deutlich gesunken ist.
Deswegen hoffe ich einfach nur, dass die Einbeziehung der Arztpraxen (auch der BetriebsärtzInnen) funktioniert. Ich habe die Tage etwas von 60.000 Arztpraxen gelesen. Da könnten pro Tag unglaublich viele Impfungen durchgeführt werden.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Aussage, die Mehrzahl der Ü80-jährigen seien schon geimpft stimmt. Die in Altenheimen, sicherlich.

Ich musste neulich für jmd. (86 Jahre) einen Impftermin organisieren und das Prozedere ist schlicht die Hölle. Online für alte Leute nicht zu schaffen (Bestätigungscode per SMS, zur Eingabe 5 Minuten Zeit, teilweise Schriftgröße 8). Man muss sich wirklich fragen, ob (zumindest beim System in Bayern) jemand mit halbwegs Verstand im Hirn jemals auf dieses System draufgeblickt hat?

Beim Anruf am Impfzentrum (die Telefonwarteschlange von 30min mal komplett außen vor) sind teilweise die Zustöndigkeiten vollkommen unklar.
Online-System: Keine Termine verfügbar.
Erste Aussage: Es gibt keinen Termin bei uns, Sie sind online registriert (Diese Registrierung kam aufgrund eines Schreibens zustande in dem Mitte Januar aufgefordert wurde sich zu registrieren, Anfang März kam die E-Mail: Sie können nun online Termine buchen).
Beim Online System: Keine Termine verfügbar!
Zweiter Anruf: Wir hätten einen Termin, aber Sie müssen in das Impfzentrum, das Ihnen online angezeigt wird (12km weiter weg, als das Angerufene, welches von der zu impfenden Person 500m !!! weit weg liegt)
Dritter Anruf (selbes Impfzentrum): Wir gucken, ob wir einen Termin haben und rufen zurück.
Rückruf steht seit 4 Tagen aus.

Ich habe also ernsthafte Zweifel daran, ob die Impfquote bei der Ü80 Gruppe, die nicht im Heim lebt wirklich in einer relevanten Größe existent ist.

1 „Gefällt mir“

Liebes Lageteam und Forum,
Ich möchte gerne ein paar Sachen in eine andere Perspektive rücken. Meine Wahlheimat Frankreich hat seit etwa drei Monaten eine Landesweite Ausgangssperre, erst ab 21 Uhr, dann ab 20 Uhr und seit über 2 Monaten ab 18 Uhr. Ausgangssperren seit etwa zwei Wochen an Wochenenden in vielen departments. Dafür sind praktisch alle Geschäfte offen, Schulen und Kitas auch. Die Leute sagen das Land könne sich keinen strikteren lockdown leisten, nicht wie Deutschland. Intensivstationsauslasgung liegt laut App bei derzeit 120%. „Merken“ tut man dies im Verhalten der Menschen im durchaus noch immer Shoppingtauglichen Stadtzentrum von Lille nur an den Masken und Laufwegen in Geschäften.

Ich empfinde diese ambivalente Situation erst seit dem aktuellen deutschen lockdown als ein bisschen skurril, seit dem in Deutschland wieder die Schulen geschlossen waren. Die Inzidenz im Norden Frankreichs lag fast immer im letzten Jahr (weit) über der deutschen, nun gerade im hotspot zwischen Calais, Dünkirchen und Lille bei 500-1000, im Umland zwischen 250-500 (stand 13.3.21 laut covikarte: CoviCarte Dans quelles communes le virus circule-t-il ? - CovidTracker ). Nun wird in Deutschland über 35, 50 oder 100 diskutiert, nur müsste diese Diskussion doch europaweit geführt werden um nachhaltig zu sein, oder?

Eine Freundin fragte mich übrigens neulich ob ich es nicht bereue derzeit nicht in Deutschland zu sein, dort würde es doch wenigstens mit dem impfen etwas besser klappen als in Frankreich. Soviel zum Thema Perspektive.

PS: Französische Teststrategie und App (screenshots anbei) möchte ich mal gerade als sehr sehr vorbildlich bezeichnen.

Gruß
Manuel

1 „Gefällt mir“

Kleine Ergänzung: es ist eine nächtliche Ausgangssperre bis 6 Uhr morgens. Tagsüber gibt es keine praktisch Einschränkungen.

Ein Aspekt für die langsame Impfung ist meines Erachtens nach auch die unlogische Lieferung im Wochentakt.
Folgendes Gedankenspiel: optimalerweise würde direkt in der den Impfstoff herstellenden Fabrik nicht in ein Fläschchen sondern direkt in den Arm abgefüllt werden.
Jeder Weg zwischen Herstellung und Impfung kostet Zeit und entsprechend Leben.
Alle Impfhersteller liefern zumeist im Wochentakt nach Deutschland aus.
Somit liegen an diesem Liefertag kurzzeitig viele Impfdosen auf Lager, die an diesem Tag gar nicht vereinigt werden können.
Nehmen wir an, ein Impfzentrum bekommt 70.000 Impfdosen pro Woche und kann pro Tag 10.000 verimpfen. Dann lagen am 7. Tag der Woche diese Dosen bereits 6 Tage herum.
Wenn man stattdessen alle 12 Stunden 5.000 Dosen liefern würde, würden die Impfdosen schneller ihren Weg von der Abfüllmaschinen in einen Arm finden. Mir ist unklar, warum dieser Weg der häufigeren Lieferung nicht gegangen wird.

Die Pandemie dauert bereits ein Jahr, und die Prognose liegt bei 1,5 bis 2 Jahren. Auf eine Woche mehr oder weniger kommt es nicht an. Auch der Einfluss auf Infektionen und Tote ist - mit Blick auf die anderen elementaren Fehler, die wir uns so leisten, irrelevant.

Und wir reden hier tatsächlich nur von einer Verzögerung von max. einer Woche, die jede Impfdosis später kommt als bei (theoretischer) verzögerungsfreier Logistik.

die bis zu einer Woche Verzögerung bedeutet auch, dass eine später als nötig geimpfte Person bis zu einer Woche länger andere infizieren könnte. Das Problem könnte sich also vermultiplizieren. Dies beruht natürlich auf der Annahme, dass die Impfung auch eine Weitergabe verringert oder gar verhindert.
Ich stimme zu, dass diese Verzögerung ein kleines Problem unter den großen Problemen darstellt - aber es ist ein Problem mit einer erreichbaren Lösung.
Selbst ohne die Annahme, dass die Weitergabe durch Impfung verhindert wird, ist die eine zusätzliche Woche Pandemie inakzeptabel. Jede Woche Pandemie kostet Geld, Leben und QALY.
Die Maxime sollte doch sein so schnell wie möglich alles zu verimpfen was da ist - ohne jedwede Relativierung.