LdN 230 - Priorisierung Impfung

Vorweg: Ich schätze eure Beiträge zu Corona immer sehr! Stets ein toller, umfangreicher Überblick, der kaum Aspekte auslässt und die Lage toll zusammenfast.

Ich finde jedoch den momentan immer häufiger geäußerten Vorschlag, den Impfstoff von Astra zumindest teilweise für alle zu öffnen, sehr schwierig. Daher wollte ich einmal die Situation aus Sicht der Prio-Gruppe schildern.

Ich denke das Problem ist mometan vor allem, dass die Bundesländer nicht auf den Umstieg zu Prio-Gruppe 2 und 3 vorbereitet sind. Ich selbst bin aufgrund einer Vorerkrankung in Gruppe 2 und stehe im Austausch mit vielen Menschen, denen es ähnlich geht wie mir: Wir warten sehnsüchtig auf die Impfung, viele befinden sich nun seit einem Jahr in Selbstisolation, wir nehmen somit jeden Impfstoff, der uns angeboten wird. :wink:

Allerdings bekommen wir einfach keinen Termin. In einigen Bundesländern kann man sich jetzt endlich mal registrieren, wo es schon längst hätte Wartelisten geben können. Andere Länder tun sich schwer damit, auf Gruppe 2+3 umzusteigen, solange nicht restlos alle aus Gruppe 1 geimpft wurden. Noch schlimmer in Bremen und Berlin: Dort kann man sich gar nicht frei anmelden, die Vereinbarung eines Impftermins kann nur nach postalischer Einladung erfolgen. Damit es „betrugssicher“ ist, man will unbedingt Gefälligkeitsatteste vermeiden. In Bremen soll die Einladung bei vorerkrankten Menschen über die Krankenkassen laufen, hierzu führe man gerade Gespräche, es sei wohl aber schwierig wegen Datenschutz… Es dauert also. Nach Aussage des Senats gibt es noch keine spruchreife Lösung, aber betroffene Gruppen sollten in den nächsten Monaten(!) einen Brief erhalten. In Berlin ist es soweit ich weiß ähnlich.

Nun werden also erstmal Lehrer und Polizisten geimpft. Das kann man finden, wie man will. Meine Kritik ist vor allem: Es werden NUR Lehrer und Polizisten geimpft, weil es für den Rest noch kein Verfahren gibt.

Ich bin nicht sicher, viele viele U65-Personen in Gruppe 2+3 sind, aber es sollten mehrere Millionen sein. Diese Menschen wollen unbedingt so schnell wie möglich geimpft werden, man würde hier ohne Probleme Astra an die Leute bringen können. Sollte nun also die Priorisierung (teilweise) aufgehoben werden, würde dies auch teilweise auf Kosten dieser Risikogruppen gehen. Und das nur, weil die Verwaltungen der Länder es zu spät oder bisher gar nicht organisiert haben. Das wäre in meinen Augen verdammt unfair. Meiner Meinung nach braucht es eine Lösung, wie der Impfstoff schnell und unbürokratisch an diese Gruppen gebracht werden kann, hier könnte auch die Einbindung von Arztpraxen hilfreich sein. Dafür läuft die Planung ja nun langsam an. Aber die vielen Diskussionen über die vollständige Öffnungen verunsichert Menschen wie mich extrem und ist meiner Meinung nach auch einfach nicht gerecht. Viele haben auch die Befürchtung, dass dann vermehrt Lobbygruppen Impfungen für ihre Mitarbeiter einfordern werden und die Risikoguppen hier den Kürzeren ziehen.

Hierzu noch eine Nebenbemerkung: Es gibt auch sehr viele Menschen, die starkt gefährdet sind, jedoch komplett durchs Raster fallen. Es gibt viele Hochrisikopatienten, die zu Hause leben und dort gepflegt werden, teilweise Menschen, die dauerhaft beatmet werden und ähnliches. Diese Personen werden - als seltene Fälle - gar nicht in der Impfpriorisierung berücksicht. Laut Impfverordnung soll hier die Möglichkeit zu einer Einzelfallprüfung angeboten werden, aber das läuft wie ich höre auch nicht sonderlich gut, viele bemühen sich hier seit Wochen schon vergeblich.

Es wurde sich zu Beginn auf die Strategie „Vulnerable Gruppen zuerst“ geeinigt und ich halte es diesen Peronen, die seit einem Jahr in Angst leben, gegenüber einfach nicht für vermittelbar, wenn jetzt quasi auf halbem Wege davon abgewichen wird, weil es ja alles dann doch so kompliziert ist. Um es mal etwas dramatisch auszudrücken: Die Frage, wer wann geimpft wird, kann über Leben und Tod entscheiden. Ich finde, da kann man sich schon mal etwas mehr Mühe bei der Organisation geben. Natürlich(!) muss es auch praktikabel bleiben und der schlechteste Ausgang ist in jedem Fall, wenn am Ende des Tages Impfstoff in den Impfzentren liegen bleibt, gar keine Frage. 100% gerecht ist es nicht machbar, aber das ist wohl auch jedem klar. Aber ich denke, dass hier schon noch einiges geht, um weitesgehend an der Priorisierung festzuhalten und den Impfstoff trotzdem schnell verimpfen zu können.

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