LdN 220 Situation auf den Intensivstationen (ITS)

kleiner Faktencheck

ja die Situation könnte angenehmer sein, von Tag zu Tag liegen mehr Covid Patienten auf den Intensivstationen und ja,
es gibt Krankenhäuser die sind ziemlich am Ende ihrer Kapazität, insbesondere der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angekommen.

Über die Gründe, warum es in den Regionen der Länder u.a. Sachen, Brandenburg und Berlin zu der aktuellen Situation gekommen ist, wurde schon anderer Stelle ausgibt gesprochen /geschrieben …Meinung

Richtig ist aber auch, dass die Krankenhäuser nicht alleine gelassen werden. Die betroffenen Krankenhäuser können ITS Patienten an Krankenhäuser in weniger belasteten Gebieten abgeben. Infrastruktur steht dafür glücklicherweise im ausreichenden Maße zur Verfügung.

Nun zu Fakten DIVI Meldung heute
vorausgesetzt die DIVI Meldungen spiegeln die tatsächliche Situation und nicht das Wunschdenken ( angetrieben durch falsche Anreize des Gesundheitsministers?) wieder, dann stehen bundesweit fast 27.000 ITS Betten zur Verfügung, davon sind per heute Mittag 4.756 Betten nicht belegt. Nicht mit eingerechnet ist die Notfall-Kapazität die - nach der tgl DIVI Meldung - innerhalb von 7 Tagen aktiviert werden kann.

Übrigens seit Mitte Oktober nimmt der Bedarf an ITS Betten für COVID Patienten um durchschnittlich 60 pro Tag zu. Von fast 600 Coivd Patienten auf jetzt fast 5.000 Patienten, trotzdem liegt die Gesamtzahl der belegten ITS Betten bei mehr oder wenigen konstanten gut 20.000 Betten. Der steigende Bedarf kann (bundesweit) also durch intelligentes Management (noch) kompensiert werden.

die Situation ist dramatisch, aber einem Grund zu dramatisieren gibt es nur vereinzelt lokal.

Kurz und anekdotisch um das Bild zu ergänzen: Ich habe vor einer Stunde mit meiner Schwester telefoniert, die gerade Dienst in einem Krankenhaus in Hamburg hat und mir von den Problemen berichtet, dass sie keine Möglichkeit findet, Intensivpatienten zu verlegen. Von anderer Stelle habe ich von einem Intensivmediziner gehört, dass er von der Verwaltung unter Druck gesetzt wird, möglichst viele freie Betten zu melden.
Ein anderer berichtete, dass der nahe gelegene Maximalversorger sich in den letzten Wochen mehrfach gemeldet hat um Intensivpatienten zu verlegen, wobei im Divi Register bei diesem Maximalversorger zeitgleich fast 100 freie Intensiv Betten gemeldet waren.
Und dann noch Ergänzend möchte ich anführen, dass hier zuletzt nach Zeitungsangaben neun Patienten in einem Pflegeheim mit Ausbruch starben. Wohlgemerkt alle in diesem Heim. In normalen Zeiten wären sicherlich einige davon vorher in Krankenhäuser verlegt worden. Wobei natürlich die Frage ungeklärt ist, ob das besser gewesen wäre.
Gruß

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Vielen Dank für den kleinen „Faktencheck“. Ich denke weder Sie noch irgendjemand anderes arbeitet aktuell auf einer Intensivstation und deshalb sind Zahlen wie die von der DIVI immer sehr gut um zu zeigen, dass es doch eigentlich noch gar nicht so schlimm ist. Das ist es aber doch.

Ich bin Gesundheits-und Krankenpfleger und arbeite als Leiharbeiter auf den verschiedensten Intensivstationen in Berlin. „Nebenbei“ studiere ich noch seit 6 Semestern Medizin.
Ich bin immer wieder erstaunt, dass es Menschen gibt, die die Dramatik der Situation nicht erkennen, obwohl es zahlreiche Berichte, Dokumentationen und Reportagen aus den deutsche COVID-Intensivstationen gibt, die ein mehr als klares Bild zeigen. Der Tenor ist: „Das deutsche Gesundheitssystem steht kurz vor dem Kollaps“. Das ist etwas, dass Pflegekräfte zwar schon seit Jahren skandieren, aber so richtig ernst hat das anscheinend noch niemand genommen -bis die Menschen anfingen zu klatschen. (ironie Smiley) Selbstverständlich ist das auch etwas was weder eine Klinikleitung noch ein Politiker je zugeben würde. Würde ich auch nicht, aber an anderer Stelle mehr dazu

Ich möchte um meinen Punkt zu verdeutlichen ein paar Zahlen liefen und gern auch ein kleines bisschen aus meinem Arbeitsalltag erzählen. Zu den Zahlen: Die Charité ist das größte Unikrankenhaus in Europa. Es stehen insgesamt 400 Intensivbetten zur Verfügung. Mehr als ein Drittel ist aktuell mit COVID-19 Patientinnen belegt. 38 davon bekommen eine Lungenersatztherapie mit Hilfe der ECMO (das sind 11% von allen ECMO Patientinnen in Deutschland).
Patientinnen mit COVID-19 sind anders als der durchschnittliche Intensivstationspatient. Allein schon durch die aufwendige Isolation entsteht ein Mehraufwand der im System so nicht vorgesehen ist. Ein großer Teil der Patientinnen muss zur Therapie der Lungenentzündung auf den Bauch gedreht werden, was nur mit sehr großem personellen Aufwand möglich ist. (4 Pflegekräfte+Arzt). Darüber hinaus ist die Psychische Belastung extrem angestiegen. Insbesondere ältere und vorerkrankte Patient*innen sterben am laufenden Band. Oft allein, ohne einen Angehörigen und ohne eine Pflegekraft, die Zeit hat die Hand in den letzten Minuten zu halten, oder in der Nähe zu sein. Es gibt teilweise Angebote mit psychosozialer Betreuung, aber außerhalb des Universitären Umfeldes hab ich so etwas noch nicht gesehen. Das Bild der Krankenschwester/Pflegers die nach dem Dienst weint ist keines was nur durch die Staatsmedien reproduziert wird um Panik zu verbreiten das ist real.

In Deutschland gib es genug freie Intensivbetten, aber ein Möbelstück wie ein „Intensivbett“ hat noch keinen Menschen gesundgemacht. Was die Anzahl der Pflegekräfte und Ärzte im Klinkbereich angeht ist Deutschland im OECD Vergleich von 2013 relatives Schlusslicht mit Israel und Ungarn (17,9 Pflegekräfte und 7,6 Ärzte pro 1000 Fälle - Frankreich ist bei über 30 Pflegekräften pro 1000 abgerechneten Fällen) Quelle Auf JEDER Intensivstation gib es offene Stellen. Teilweise arbeiten von ehemals 100 Mitarbeiter*innen nur noch 20 fest im Stamm, es wird versucht das entstehende Loch mit Leiharbeitern wie mir zu füllen. Oft klappt das aber am Ende nicht, so dass Betten gesperrt werden müssen. Das ist eine Erkärung für die hohe Zahl freier Betten lt. DIVI Register. Eine andere Erklärung kann die Pauschale des Gesundheitsministeriums sein, die pro freie gehaltenem Intensivbett gezahlt wurde.

Aktuell sind an den meisten Krankenhäusern wieder einmal alle nicht „lebensnotwendigen“ Operationen abgesagt. Das trifft Routine Vorsorgeuntersuchungen genauso wie einen Herzklappenersatz, der sich vielleicht mal um einen Monat, aber ungern um ein halbes Jahr verschieben lässt. Das lässt einen Stau entstehen der das Gesundheitssystem vermutlich noch den ganzen Sommer auf Trab halten wird. Ob die so eingesparten Ressourcen reichen den Winter zu überstehen, ich hoffe es!

Vielleicht noch ein letzter Punkt zum Thema „Triage“, der ja auch Thema der letzten Sendung war: Das Thema gleicht einem Politikum. Selbstverständlich gibt es auch heute schon zahlreiche Situationen in denen die Kapazität medizinischer Leistungsfähigkeit kleiner ist als der Bedarf. (Beispiel: zwei Patientinnen bekommen zur gleichen Zeit nachts einen Herzinfarkt, oder müssen operiert werden) Auch in den meisten Notaufnahmen wird täglich triagiert. Natürlich muss jemand mit einem gebrochenen Daumen auch mal länger warten, wenn dringlichere Patientinnen behandelt werden müssen. In aller Regel wird jedoch keine Entscheidung über Leben und Tod gefällt. Das klassische Bild, dass jemand sterben muss, weil es kein Beatmungsgerät gibt ist in der Realität nicht existent. (etwas anders sieht es in sehr naher Zukunft bei der Anwendung des ECMO Verfahrens aus) Ich denke jedoch, dass jeder Intensivpflegekraft Situationen präsent sind in denen Menschen zu Schaden gekommen sind, weil das Personal mal wieder knapp war.
In diesen Situationen leidet die Versorgungsqualität von ALLEN Patientinnen auf der Station.
Oft machen die Kolleg
innen und ich die ersten Abschnitte an der Menschlichkeit, der Höflichkeit (leider auch untereinander) dem tröstenden Wort und der haltenden Hand. Aber es kann auch mal passieren, dass Untersuchungen abgesagt werden, oder Interventionen verschoben werden müssen und wichtige Medikamente nicht, oder zu spät verabreicht werden. Und noch auf anderer Ebene werden kritische Entscheidungen gefällt, die es so nicht in die Nachrichten schaffen und die nur sehr schwer richtig einzuordnen sind. Viele Menschen sind schlicht zu alt, oder zu stark vorerkrankt, als dass man ihnen eine maximale Intensivtherapie angedeihen lassen möchte. Die ist nämlich oft mit einem unfassbar schweren, langen und für klinikferne Menschen nicht vorstellbaren Leidensweg verbunden an dessen Ende meist der Tod und noch häufiger die Pflegebedürftigkeit steht. Es verbietet sich dennoch einem Menschen diesen Weg zu verwehren und zum Glück ist die Zeit in der Ärzt*innen über lebenswert und -unwert entscheiden vorbei. Dennoch gebietet es die Ethik auch, Menschen an ihrem Lebensende sterben zu lassen und sie nicht zusätzlich durch lebenserhaltende Maßnahmen zu quälen. Das dadurch entstehende Feld wirft schwierige Fragen auf, die im stressigen Arbeitsalltag geklärt werden müssen.

Ich möchte abschließend noch einmal an alle appellieren:
Nehmt die Corona Pandemie und insbesondere den Hilferuf der Pflege verdammt noch mal ernst. Letzteres wird Jahre brauchen konstruktiv gelöst zu werden (wenn der politische Wille da ist). Auch wenn dieses Jahr weniger Menschen an und mit Corona versterben werden als an den Folgen von Alkohol- oder Zigarettenkonsum ist die Belastung für das Gesundheitssystem und alle die darin beschäftigt sind (auch außerhalb der Covid Versorgung) immens. Das hat nichts mit Panikmache zu tun. Es gibt viele Schultern die bereit sind die anstehenden Aufgaben zu tragen.

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