LdN 214 - Verschlüsselungsverbot

Hallo erstmal. Ich höre schon länger den LdN Podcast, habe mich aber erst heute registriert, da ich einen Kommentar zum Thema Verschlüsselung loswerden wollte.

Ich bin generell kein Fan davon Überwachungsorganen zu viel Macht zukommen zu lassen und die Rechte von Bürgern einzuschränken. Allerdings sehe ich die Verschlüsselungsproblematik als ein sehr komplexes Thema an, bei dem ich mir noch keine feste Meinung gebildet habe. Umso mehr interessiere ich mich in diesem Zusammenhang für gute Argumente. Die von euch vorgebrachten konnten mich leider nicht überzeugen.

Zum einen habt ihr, aus meiner Sicht, zu faktisch und absolutistisch über spekulative Sachverhalte gesprochen. Ich paraphrasiere: Wenn end-to-end Verschlüsselung von Messengern verboten wird, dann stehen die aufrichtigen Bürger völlig ungeschützt da und die Behörden können alles mitlesen, während Terroristen und Kinderschänder alternative Wege nutzen werden, um verschlüsselte Nachrichten austauschen zu können.

Zu aller erst, erinnert mich dieses Argument extrem and das Argument, welches man von fast jedem amerikanischen 2nd Amendment Unterstützer hört: Wenn Waffenbesitz verboten wird, dann stehen die aufrichtigen Bürger völlig ungeschützt da und eine tyrannischen Regierung kann machen was sie will, während Terroristen und Verbrecher Alternative Wege nutzen werden, um an Waffen zu kommen.
In diesem Zusammenhang haltet ihr diese Art der Argumentation wahrscheinlich nicht für überzeugend. Oder?

Zum zweiten portraitiert ihr Terroristen und Kinderschänder als extrem organisierte und rational handelnde Personen. Die Erfahrung zeigt und allerdings, dass große Teile dieser Gruppen aber absolut unorganisiert und irrational sind. Radikalisierung von zukünftigen Terroristen findet quasi-öffentlich auf YouTube, in Facebook- und WhatsApp-Gruppen, in Glaubenseinrichtungen und im Freundeskreis statt. Die wenigsten sind über lange Zeit mit professionell agierenden Organisationen in Kontakt und verlagern ihre Kommunikation in sichere Kanäle. Digitale Inhalte, welche sexuellen Kindesmissbrauch zeigen, werden millionenfach und unverschlüsselt über den Facebook Messenger verbreitet. Sogar Zoom und Skype werden für Live-Übertragungen von Kindesmissbrauch genutzt. Ein Großteil der Kinderschänder und der konsumierenden Pädophilen sind weder IT-Experten, noch sind sie organisiert genug, um in Massen auf spezielle Apps zuzugreifen, welche ihnen eine verschlüsselte Übermittlung - trotz eines Verbots - ermöglichen würden.

Natürlich gibt es professionell agierende Verbrecher, welche tatsächlich keine großen Probleme haben werden ohne öffentlich zugängliche end-to-end Verschlüsselung Alternativen zu finden oder zu entwickeln. Dies scheint allerdings eine klare Minderheit zu sein.

Zu guter Letzt möchte ich außerdem anmerken, dass wir als Bürger, bis zur digitalen end-to-end Verschlüsselung, kein derartiges Recht bezüglich unserer „Privatsphäre“ gegenüber dem Staat hatten. Sowohl Briefe als auch Telefonate konnten und können von Sicherheitsbehörden mitgelesen bzw. mitgehört werden, wenn ein begründeter Verdacht besteht. Warum wir nun digital das Recht haben sollen, dass der Staat absolut keinen Zugriff auf unsere Kommunikation hat, erschließt sich mir nicht. Das im Beitrag erwähnte Detail, dass Sicherheitsbehörden selber Zugriff auf den Generalschlüssel haben sollen und sie somit absolut alles mitlesen können, erschließt sich mir dabei nicht wirklich. Ohne gerichtliche Anordnung wird ein Eingriff auch in diesen Fällen nicht erlaubt sein - das ließe sich wohl kaum mit dem GG vereinbaren.

Ich bin absolut offen für gegenläufige Meinungen, wollte hier aber meinen Gedanken bezüglich des Beitrags freien Lauf lassen.

SL

Hallo,

die Diskussion zur Verschlüsselung ist in der Tat spannend und überhaupt nicht neu. Ich war selbst Teil der Diskussion im Crypto War (https://www.eff.org/document/crypto-wars-governments-working-undermine-encryption und https://en.wikipedia.org/wiki/Crypto_Wars) Anfang der 90er. Phil Zimmermann hat starke Verschlüsselung in die Hände der Bürger gegeben und natürlich passt das Regierungen nicht. Allerdings muss man technisch akzeptieren dass jede Schwächung mit Backdoors ein immenses Risiko ist denn Schlüssel können in falsche Hände gelangen. Darüber hinaus frage ich mich wie ein Staat so ein Verschlüsselungsverbot durchsetzen möchte? Staaten sollten m.E. nur solche Gesetze erlassen die sie auch durchsetzen können. Das ist in einer Demokratie bei Verschlüsselung schwierig oder hat hier jemand eine Idee wie das geht?

Also 2 Probleme:

  1. Grundsätzliches technisches Risiko bei Backdoors
  2. Ohne totalitäre Maßnahmen ist ein Verschlüsselungsverbot nicht durchsetzbar und damit ist der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit m.E. nicht gewahrt.

Dann vielleicht noch zu dem Argument dass die „Verbrecher“ ohnehin nix von starker Verschlüsselung verstehen:

Ist mir so nicht bewusst, ist das Fakt? Quelle?

Wenn ich mir die Presse ansehe sind solche Verbrecher sehr wohl in der Lage Inhalte zu verschlüsseln (bsp: https://www.vice.com/de/article/a3kzjz/dieser-mann-sitzt-seit-zwei-jahren-in-haft-weil-er-seine-festplatten-nicht-entschlusseln-will)
Ich habe natürlich jetzt kein Research gemacht wieviel Prozent der Verbrecher schlau genug sind und wieviele nicht.

Es geht ja nicht nur um den Staat sondern um die generelle Sicherheit des Internets. Nimm an es gäbe einen Nachschlüssel für TLS Cypher und der gerät in falsche Hände. Dann hast du auf einen Schlag alle Bankkonten, Webseiten, ggf VPNs offen. Das kann ja nicht der Sinn der Sache sein?