LdN 214 Digitale Schule

Lieber Ulf, lieber Philip,

wir sind fünf Lehrer:innen an einer Schule in Berlin, die seit Jahren digitale Tools für Unterricht und Kollaboration nutzen. Schon lange wünschen wir uns eine digitale schulische Plattform, die über eine reine Cloudlösung hinausgeht.

Wir freuen uns sehr, dass ihr im Podcast das Thema Schule besprochen habt. Wir fanden die Kritikpunkte sehr wichtig und freuen uns, dass die Probleme, die wir gerade sehr intensiv im Alltag erleben, öffentlich gemacht werden.

Nichts desto trotz stört uns die Aussage, die Schulen hätten sich während des Lockdowns nicht vorbereitet, weil die Öffentlichkeit dieses Versäumnis bei den Lehrer:innen im Vordergrund sieht. Deswegen würden wir gerne diesen Kanal benutzen, um unsere Situation zu verdeutlichen.

An unserer Schule arbeiten und lernen etwa 100 Lehrer:innen und ca. 1000 Schüler:innen. Neben dem Unterricht, der Klassenleitung, den Verwaltungsaufgaben, der Betreuung von Schüler:innen in der Quarantäne und der Sorge um die eigene Gesundheit im Präsenzbetrieb haben wir Fünf in den letzten Wochen auf eigene Initiative eine Lernplattform an unserer Schule installiert, Nutzungsvereinbarungen dazu mit dem Datenschutzbeauftragten abgestimmt und alle Schüler:innen und Lehrer:innen unserer Schule mit selbst erstellten Fortbildungsmaterialien in der Praxis geschult.

Wir haben uns für einen „Softwaregiganten“ entschieden, denn wir wollten kein Patchwork aus verschiedenen und zudem instabilen Lösungen. Dafür fehlt uns die Zeit. Der Berliner Lernraum hatte sich in der erste Lockdownphase als nicht zeitgemäß sowie unzuverlässig erwiesen und damit eher als Belastung im Schulalltag.

Alleine in Berlin gibt es 800 Schulen und in Sachen Digitalisierung läuft es seit Jahren genauso wie bundesweit auch: von allen Schulen wird erwartet, dass die Lehrkräfte nebenbei das Rad neu erfinden, insgesamt 800 Mal. In der Wirtschaft hätte ein Unternehmen mit dem gleichen Ansatz schon vor Jahren Insolvenz anmelden müssen. Immer wieder hören wir das gleiche: “hätten die Schulen sich nur gekümmert.” Es fehlt nicht an dem Engagement der Lehrkräfte oder Schulen: es fehlt an Koordinierung, es fehlt an Fortbildung, es fehlt an Einheitlichkeit. Der derzeitige Flickenteppich ist die Folge der veralteten, unentschlossenen Bildungspolitik, nicht der Pädagogik.

In der gesamten Stadt gibt es keine Instanz, keine Person, keine Behörde, die die Aufgabe hätte, Lösungen zu suchen oder Beratung anzubieten. Der Arbeitsauftrag der Datenschutzbeauftragten, liegt darin, Probleme zu finden und den Schulen aufzuzeigen, was alles nicht geht, was nicht in Ordnung ist und was nicht datenschutzkonform ist. Es geht so weit, dass nicht einmal die selbst entwickelten Lösungen (Lernraum Berlin bzw. HPI Schulcloud) von den Datenschutzbeauftragten empfohlen werden. Die HPI Schulcloud – in eurem Beitrag als Alternative zu den Softwaregiganten genannt, wurde an wenigen Exzellenzschulen entwickelt und stand dadurch Jahrelang kaum einer Schule zur Verfügung - die Bewerbung unserer Schule für HPI wurde abgewiesen, da wir den Status der Exzellenzschule nicht erfüllen.

Wir fühlen uns von der Politik allein gelassen – und da reden wir nicht nur von der Bundes- wie Landesregierung, sondern auch von der Gewerkschaft, die sich bis jetzt kaum konstruktiv zur Digitalisierung an Schulen in Zeiten von Corona geäußert hat. Gleichzeitig sind wir sehr stolz auf uns, weil wir aus eigener Kraft eine digitale Lösung für uns gefunden haben – der Bedarf an der Schule ist enorm und die Plattform wird stark genutzt. Wir sind bereit für einen eventuell weiteren Lockdown und die Betreuung von Schüler:innen beim Lernen zu Hause.

Dass wir diese Aussage jetzt treffen können, liegt nur an der Eigeninitiative einer kleinen Gruppe von Lehrer:innen und einem Softwaregiganten, der die beste praktikable Lösung angeboten hat: zuverlässig verfügbar, vielfältig nutzbar, kostenfrei. Die Ermäßigungsstunden, die uns für dieses Projekt von Senatsseite zugestanden wurden, entsprachen nicht mal ein Zehntel der Zeit, die wir alleine am Wochenende dafür investiert haben. Wenn die Digitalisierung an den Schulen scheitert, dann liegt es nicht an den Lehrern, sondern daran, dass für diese Aufgabe keine Ressourcen, keine Zeit, keine Entlastung, keine Expertise und keine technische Betreuung zur Verfügung gestellt wird. Dafür weist jeder darauf hin, was nicht geht, aber niemand übernimmt Verantwortung und handelt.

Vielen Dank für den Platz für unsere Äußerung

Fünf selbständige Digitalisierer aus Berlin

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Herzlichen Dank für euer ausführliches Feedback und die Beschreibung der Situation in Berlin! Das klingt wirklich ziemlich ernüchternd. Umso beeindruckender, dass ihr euch selbst an die Tat gemacht habt. Viel Erfolg für eure Arbeit!

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Um deine Aussagen nochmal zu unterstreichen:

In dem Artikel wird genau das ausgeführt: Datenschutzbeauftragte rügt Lösungen, empfiehlt Big Blue Button, aber dafür braucht die Schule eigene Server, die sie bis jetzt immer noch nicht geliefert hat. Die Schulleitung zieht mEn die einzig sinnvolle Konsequenz: Ab jetzt nur noch analog.

Da sieht man wieder: Es ist die Politik, es sind nicht die Schulen.

Hätte es zu Beginn des Schuljahres klare Ansagen gegeben, was man nutzen darf und auch ohne eigene Server nutzen kann, wie Klassen bei Bedarf geteilt würden etc. hätten wir jetzt 97% vorbereitete Schulen. Jetzt muss jede Schule einzelne Lösungen suchen und Angst haben, dass das am Ende doch nicht okay ist.

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Noch ein Nachtrag:

Nebst dem Datenschutz dürfen Schulen Gesundheitsschutz aber auch nicht betreiben. Neben Solingen versuchte auch eine Schule in Berlin Klassenteilung. Auch untersagt. Schulen werden nur Steine in den Weg gelegt.

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Lieber Janusz,

zunächst einmal vielen Dank für euer Engagement! Ich denke jeder, der auch nur einen kleinen Blick hinter die Kulissen von Schulen wirft, weiß, dass es eine Menge Lehrkräfte gibt, die sich weit über ihre eigentliche Verpflichtung hinaus einsetzen. Dass zentrale Stellen bis heute keine Lösungen für Schulen anbieten, ist ein Desaster und wir setzen uns massiv dafür ein, dass dieser Missstand transparent und publik wird: www.meinedaten-meinerechte.de

So sehr ich aber die Dringlichkeit sehe, so sehr sehe ich auch das Schutzbedürfnis der Kids. Der Einsatz von datenverarbeitenden Systemen an Schulen bringt eine enorme Verantwortung mit sich. Daten, die an Schulen verarbeitet werden unterliegen in mehrfacher Hinsicht einem besonderen Schutzbedürfnis: zum einen handelt es sich um Daten von Kindern und Jugendlichen, zum anderen werden auch Daten zu gesundheitlichen und weltanschaulichen Themen verarbeitet. Es gibt immer mehr Stimmen, die fordern, dass die Durchführung und Verantwortung für die Datenverarbeitung nicht bei den einzelnen Schulen liegen darf, sondern von einer zentralen, staatlichen Stelle übernommen werden muss. Wie ihr auch geschrieben habt: eine Schule kann keine rechtssichere Umsetzung garantieren, da das entsprechende Knowhow fehlt – wir reden hier schließlich von einem IT-System der Größe eines mittelständischen Unternehmens.

Letztendlich trägt aber auch jede und jeder Einzelne Verantwortung in diesem System. An der Schule meines Kindes hat die für IT zuständige Lehrkraft sich geweigert, die Aufgabe des Datenschutzbeauftragten zu übernehmen, mit der Begründung „kenn ich mich nicht aus, hab ich auch keine Zeit für“. Jetzt wird die Funktion von einer zentralen Stelle übernommen. Die Grundschule aus Berlin, die ihren digitalen Unterricht komplett eingestellt hat, ging vergangene Woche durch die Presse. Auch ihr Argument war: wir können es nicht rechtssicher zur Verfügung stellen, also machen wir es nicht. Ich finde, wir müssen an dieser Stelle genau diese deutlichen Signale geben, wenn uns die Defizite des Systems in unseren Grundwerten beeinträchtigen. Und Verantwortung ist einer der wichtigsten Werte, die wir im schulischen und im erzieherischen Kontext für unsere Kids haben.

Lehrkräfte sollten deswegen öfter Nein sagen, wenn sie sich nicht in der Lage sehen, ihre Aufgabe zu 100% zu erfüllen oder wenn sie nicht abschätzen können, ob sie der Verantwortung uneingeschränkt nachkommen können. Kids und Eltern müssen Nein sagen, wenn sie ihr Recht auf informationelle Selbstbestimmung verletzt sehen. Erst dann wird der Druck auf zentrale Stellen groß genug, dass sich bei den Missständen etwas bewegt. Bis es soweit ist, muss jeder für sich selbst sein Handeln so gut es geht auf den Prüfstand stellen und wir müssen uns fragen, ob wir das, was wir tun, guten Gewissens verantworten können.

Beste Grüße,
Inga Klas, Medienkompetenz Team e.V. & Gesellschaft für digitale Ethik e.V.

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Hurra, in das Szenario B (Halbierte Klassen mit Wechsel zwischen Präsenz- und DIstanzunterricht) dürfen wir (=Niedersachsen) von nun an nur wechseln, wenn der Inzidenzwert über 200 liegt.
Niedersachsen hat im Schnitt eine Inzidenz von 96, nur drei Kreise liegen über 200 (Cloppenburg, Vechta und Osnabrück).

Corona ist -so denkt das zumindest die Kultustonne-in Niedersachsen vorbei!