Hi axre,
ich möchte dir gar nicht groß widersprechen, ich gebe dir bei deinen Beispielen in vielen Teilen Recht, auch wenn die nicht alle so eindeutig sind wie du es darstellst. Ich will aber dazu nicht viel schreiben, denn ich möchte wirklich nicht den Eindruck erwecken, dass ich hier Trump-Werbung mache. (*)
Klar, tribalism und Bullshit-Medien sind Teil der Erklärung des Trump-Phänomens. Das Problem ist nur, dass man es sich eben zu einfach macht, wenn man das Phänomen auf diese Punkte reduziert.
Dann ist man schnell bei den holzschnittartigen Stereotypen, die zum Beispiel Durchschnittsbuerger oben beschrieben hat. Oder bei Claas Relotius, der eine komplett ausgedachte Reportage über die Trump-Hochburg Fergus Falls schreiben konnte, ohne dass es irgendjemandem beim Spiegel aufgefallen wäre. Um etwas böse zu sein: Wieso hätte es auch auffallen sollen, es wurden ja alle Klischees bedient.
Aus der Ferne hier in Deutschland betrachtet ist das vielleicht alles nicht so wichtig, es ist halt nur ein bischen peinlich so plump über 70 Millionen Amerikaner zu urteilen.
Ein viel größeres Problem ist es, dass auch in den USA die Demokraten diesen verkürzten Erklärungen auf den Leim gehen und es ihnen deswegen schwer fällt, effektiv den Trumpismus zu bekämpfen.
Wenn Trump-Wähler alle zum „Trump-Stamm“ gehören, dann kann man nicht verstehen, wieso bei der letzten Wahl viele für sich zu der Formel „I’ll hold my nose and vote for Trump.“ gefunden haben (einfach mal bei Google oder Twitter suchen).
Wenn der „Trump-Stamm“ aus Sexisten und Rassisten besteht, dann ist es unmöglich zu verstehen, wie bei der letzten Wahl Trump seine Zustimmung bei Latinos, Schwarzen und Frauen in einigen Bundesstaaten ausbauen konnte.
Bei der Wahl ist es nicht entscheidend, die wahren Gläubigen zu bekehren, sondern diejenigen zu überzeugen, die ernsthaft zwischen beiden Seiten abwägen. Solche Menschen sollte es aber, wenn alles nur „Stammeszugehörigkeit“ oder Manipulation ist, eigentlich gar nicht geben.
Und zu guter Letzt: Diese Erklärungen sind auch einfach diffamierend. Was soll denn jemand denken, der sich unsicher ist, ob er sein Kreuz bei Biden oder bei Trump machen soll, beides ernsthaft in Betracht zieht, und sich dann sinngemäß sagen lassen muss: „Wenn du ernsthaft über Trump nachdenkst, kannst du nicht klar denken und bist vermutlich einer Gehirnwäsche unterzogen worden“. Das alleine ist sicherlich oft ein Argument für Trump.
(*) Nur ein Punkt: Die Rolle des Aktienmarktes darf man nicht unterschätzen, und einen Zusammenhang zwischen dessen Entwicklung und Trumps Steuerreform darf man auch als vernünftig denkender Mensch postulieren.