Ich stimme dir zu. Mich irritiert sehr, dass die Auswirkungen auf die Gesundheitsämter als Kriterium analysiert wird. Die Anforderung der Entlastung derer gab es ja nie. Im Gegenteil: wenn man davon ausgeht, dass die App größere Testketten auslöst (Kontakte von Infizierten werden benachrichtigt und sorgen damit für erhöhten Test- und Verwaltungsaufwand), ist sogar recht offensichtlich, dass, sollte die App effektiv sein, Mehrarbeit in der Infiziertenbetreuung und Kontaktverfolgung zu erwarten ist.
Letzteres ist Hauptbetätigungsfeld der GA, in vielen Fällen der Aspekt, der die Überlastung derer hauptsächlich verursacht und leider immer noch weitestgehend ein händischer Prozess ist. Die Arbeit besteht darin, Kontakte von Infizierten zu recherchieren, diese in deren Quarantäne zu begleiten und darüber eine Art Tagebuch zu führen (Körpertemperatur, potentiell typische Symptome abfragen etc.). Das macht der weit überwiegende Anteil der GA immer noch händisch, bzw. mit recht archaischer IT Unterstützung. Der Aufwand pro zu verfolgendem Kontakt ist groß, jeder zusätzliche Infizierte vergrößert das Problem signifikant.
Im Rahmen des WirVsVirus Hackathons im März ist ein Stück OpenSource (EUPL) Software entstanden, dass dieses Problem angeht: Infizierte geben in einer Webapplikation die Kontakte der letzten Tage an, das GA recherchiert potentiell Details zu den Personen und die wiederum pflegen dann Temperaturen und Symptome während der Quarantäne in einer Art Tagebuch. Die Software erkennt dann Auffälligkeiten (erhöhte Temperatur über mehrere Tage, charakteristische Symptome etc.) und bereitet diese für den GA Mitarbeiter auf, der nur die auffälligen Fälle händisch betreuen muss. Das ist keine hippe Software, nichts technisch kompliziertes, sondern sorgt einfach nur dafür, dass GA Mitarbeiter effizienter arbeiten können. Ich habe hier mit Tim Pritlove darüber gesprochen.
Ich bin im April zum Projekt gestoßen um es produktionsreif zu machen. Das Gesundheitsamt Mannheim ist damit seit Ende Mai unterwegs. Man hätte meinen können, dass andere Gesundheitsämter da aufspringen und das für eine gute Idee halten. Dem ist aber leider nicht so. Die zwei Hauptreaktionen:
- Im Mai / Juni war man zu beschäftigt damit, die aktuell vorliegenden Fälle zu bearbeiten. Motto: wir haben wichtigeres zu tun, als jetzt neue Software einzuführen.
- Ab Juli wechselte die Message dahingehend, dass sich das Problem erledigt hätte. Man hätte kaum noch Infizierte und man bekäme das schon so hin.
Mittlerweile sind wir wieder bei Begründung 1. Uns gehen langsam die Ideen aus, trotz Förderung des WirVsVirus Inkubators. Es gibt natürlich regelmäßig Gespräche, wirklich produktiv passiert allerdings nichts. Und da die Gesundheitsämter den Landkreisen unterstellt sind, ist schon die Kontaktrecherche extrem mühsam.
Will sagen: statt an die CWA jetzt Maßstäbe anzulegen, die weder vorher definiert waren noch irgendwie sinnvoll sind wäre es sinnvoll, zu schauen, wie man die Arbeit derjenigen optimiert, die maßgeblich für die organisatorische Arbeit bei der Kontaktverfolgung zuständig sind und maßgeblich dazu beitragen, dass Infektionsherde eingedämmt werden können.
Falls jemand Ideen oder Kontakte in GA hat, die daran interessiert sein könnten, gebt gern Bescheid.