Zunächst einmal vielen Dank für die Lage der Nation, die ich seit langem hören und vielen Dank, dass ihr dieses Thema besprochen und auch nach Input dazu gefragt habt.
Mir geht es zunächst um den Punkt, dass der Kompromiss von 1993 ein, von den praktischen Konsequenzen, ziemlich schlauer war und was übrig bleibt eher Bedenken psychologischer Art sind (frei nach dir zusammengefasst Ulf).
Dem würde ich zunächst zustimmen und auch das dieser Kompromiss 1993 wahrscheinlich dem Stand der Gesellschaft entsprach. Nun entwickeln sich Gesellschaften, Werte und Einstellungen ja weiter und eine erneute Diskussion nach fast 30 Jahren erscheint mir sinnvoll.
1)
Macht wird heute auf sehr viel subtiler Art gespielt als es dies vielleicht noch vor 50 Jahren der Fall war. Und rein praktisch, ja, kann ich als schwangere Person, zur Beratung gehen, die Ohren auf Durchzug stellen, die Wartezeit abwarten und die Abtreibung durchführen lassen. Und wenn ich nicht finanzielle Probleme habe wird dies schon gehen. Es macht aber etwas mit mir. Ähnlich wie auch das Gender-Pay-Gap sicherlich auch dadurch mit verursacht wird, dass Frauen anders ihr Gehalt verhandeln, sich andere Jobs aussuchen und vielleicht eine Karrierestufe weglassen, um sich später einmal um die Kinder kümmern zu können. Psychologische Faktoren Reale Auswirkungen.
Ich las vor kurzem einen Text, den ich nun nicht mehr wiederfinde, aber eine Frau beschrieb darin, wie sie sich nach einer Abtreibung sehr schlecht fühlte und sie dachte darüber nach, bis sie feststelle, dass es ihr selbst damit gar nicht schlecht ging sondern mit den Wertevorstellungen, die sie durch die Gesellschaft internalisiert hatte: „Eine Abtreibung ist schlecht und sollte vermieden werden“. Häufig geht es mir so, dass ich das Gefühl bekomme, es ist gesellschaftlich auch gar nicht so unbeabsichtigt, dass sich eine Frau/schwanger Person nach einer Abtreibung nicht gut fühlt.
Wie ist die eigene emotionale Reaktion auf: „Ich hatte eine Abtreibung. Ich bin dankbar dafür und mir geht es damit richtig gut“. Vor ca. einem Jahr noch habe ich festgestellt, dass es mir selbst mit dieser Aussage nicht gut geht. Es sollte ja irgendeine Barriere geben, die dazu führt, dass man sich das gut überlegt. Ein wenig Leid als Gegenwert für das „menschliche Leben“ das abgetrieben wurde.
Menschen sind sexuelle Wesen und kein Verhütungsmittel funktioniert zu 100% (Darüber hinaus spielen auch Faktoren wie Lust und Begehren, die evtl. völlig „rationales“ Handeln einschränken aber auch Angst vor einem Verlust der Beziehung/Reaktionen des Partners usw. eine Rolle). An Sex und einer evtl. daraus folgenden unerwünschten Schwangerschaft sind immer ein Mann/samengebende Person und eine Frau/Person mit Gebärmutter beteiligt. Mir hilft es sich diesen an sich selbstverständlichen Ausgangspunkt noch einmal bewusst zu machen.
Die negativen Folgen einer unerwünschten Schwangerschaft sind jedoch fast ausschließlich von der Frau zu tragen, sowohl körperlich als auch psychisch und sozial/finanziell. Es sei denn ein Mann/samengebende Person committet sich dazu, sich mit der Frau zusammen um die unerwünschte Schwangerschaft und das Kind zu kümmern. Auch dabei bliebe allerdings ein großer Teil der Folgen bei der Frau/Person mit Uterus.
Wieso also sollte die Person, die sich der Abtreibung unterzieht, danach schlecht fühlen? Dies sind aus meiner Sicht direkte Auswirkungen internalisierter Wertvorstellungen der Gesellschaft, die sich auch eben in illegal, aber straffrei, wiederfinden.
2)
Und an diesem Punkt schleißen sich aus meiner Sicht Gedanken über den Begriff von menschlichem Lebe an. Ist menschliches Leben an sich gut und es sollte in der Konsequenz möglichst viel davon geben – unabhängig von der Qualität. sollte nicht nur Abtreibung, sondern auch „die Pille danach“ und Verhütung an sich nicht gut sein. Bis hin zu dem Gebot möglichst viele Kinder zu zeugen. Mir persönlich erscheint dies heutzutage absurd. Ebenso erscheint mir eine Unterteilung zwischen Samenzelle und Eizelle sind getrennt, nun verschmolzen, nun in verschiedenen Zellstadien, Embryo, Fötus und Kind sehr willkürlich. Ein deutlicher Unterschied ist für mich das Kind nach und vor der Geburt. Vor der Geburt ist es abhängig vom Körper und Leben der schwangeren Person. Danach nicht mehr. Jede Fristenlösung wäre also in der Frist willkürlich.
Zudem sehen wir zahlreiche bereits alltägliche Dinge in unserer Gesellschaft wie Embryonenforschung, künstliche Befruchtung inkl. Reduktion aber auch Fetozide also Spätabtreibungen bis Wehenbeginn, vorallem bei größeren oder kleineren „Behinderungen“ (mir fehlt gerade ein anderes Wort) des Kindes, einschließlich z.B. Down Syndrom. Über den argumentatorischen Umweg der Gefahr für das Leben der Frau werden in Deutschland täglich „Spätabtreibungen“ nach der 14. Schwangerschaftswoche durchgeführt, von außerhalb des Uterus nicht lebensfähigen Kindern bis Kindern mit kleinen Einschränkungen. Diese Praxis zeigt aber bereits wieder wie das Gesetz „gezogen“ wird, um es an die Realität anzupassen. Dies hinterlässt, wie auch bereits von anderen angemerkt, die Betroffenen, die Ärzt*innen und die schwangeren Personen und ihre Familien in einer rechtlichen Grauzone mit all den bereits beschriebenen Konsequenzen. Während gleichzeitig ein Druck auf die schwangeren Personen besteht, ein gesundes Kind ohne eine Behinderungen zu bekommen. Und Familien mit einem Kind mit einer Behinderung zahlreichen Stigmata und Barrieren ausgesetzt sind.
Zudem diskriminiert die jetzige Praxis Menschen mit Behinderungen, da in der Auslegung Menschen mit Behinderungen problemlos(er) abgetrieben werden können. Neben einer erst später diagnostizierten „Behinderung“ des Kindes kann es zahlreiche andere Gründe für eine schwangere Person geben, sich vielleicht auch noch nach der 14. Schwangerschaftswoche gegen das Kind zu entscheiden. Ich denke, dass dies auf Grund der Umstände niemals leichtfertig geschieht, wobei dieses Argument vielleicht auch egal ist. Und es wird nicht tausende Frauen geben, die es plötzlich in Anspruch nehmen, sondern vielleicht eher einige wenige in einer besonderen Situation, denen damit geholfen wäre.
Dem schließt sich auch die Frage an, wessen Lebensrecht bei der Geburt höher zu bewerten ist. Darf eine Frau sich gegen Maßnahmen, die ihre Unversehrtheit angreifen (Kaiserschnitt, Dammschnitt, Kristeller-Handgriff ) entscheiden, wenn dadurch die Unversehrtheit des Kindes einem Risiko ausgesetzt sein könnte?
-
Es gibt viele Kinder in der Gesellschaft die Ressourcen benötigen, die wir als Gesellschaft ihnen nicht geben (können). Wieso erscheint es uns dann so wichtig Kinder, die durch die schwangere Person, nicht erwünscht sind zu behalten. Welchen Start ins Leben gibt dies einem Kind? Eine körperliche Einschränkung erlaubt aus gesellschaftlicher Sicht eine „Spät-Abtreibung“ ein nicht-erwünscht sein und die damit einhergehenden Folgen nicht?
Und noch eine Anmerkungen zu Studien und den Folgen von Abtreibungen. Hier ist oft der Fehler der richtigen Vergleichsgruppe vorhanden. Eine schwangere Person mit Abtreibung einer nicht schwangeren Person oder einer Person mit gewünschter Schwangerschaft gegen überzustellen ist wissenschaftlich einfach falsch. Die richtige Vergleichsgruppe wäre in diesem Fall eine schwangere Person, die zum Austragen des Kindes gezwungen wird
Das Vertrauen, dass eine schwangere Person entscheiden kann, was für sie und das Kind am besten ist und das Recht auf Beratung, falls sie selbst denkt, dass sie dies nicht entscheiden kann. Könnte eine Menge Leid und Stigma entfernen, das überwiegend bis ausschließlich (und deswegen diskriminierend) auf der Person mit Uterus nicht auf der samengebenden Person liegt. Die Kontrolle der Reproduktion ist untrennbar mit der Kontrolle über das eigene Leben als Person mit Uterus verbunden und daher eine Diskussion so bedeutsam und so emotional.
Daher Legalisierung von Abtreibung bis zu dem Moment, wo das Kind den Körper der Schwangeren verlassen hat, also von ihr unabhängig ist. Recht auf Beratung und finanzieller Unterstützung. Und auf der anderen Seite umfassende Unterstützung von Personen, die ihr Kind bekommen möchten. Finanziell und mit Hilfen, auch bzw. vorallem bei Kindern mit mehr Bedarfen/Behinderungen.