Ersteres ist vollkommen korrekt. Bei Letzterem frage ich mich, ob das so überhaupt immer möglich ist. Können Menschen, die sich in ihrem Denken und Handeln vornehmlich von Affekten und Emotionen leiten lassen, mit einem rationalen Diskurs überhaupt „erreichen“? Kann dieser überhaupt auf diese Menschen wirken? Oder muss man nicht vielmehr überlegen, wie man auf diese Affektisierung reagiert, die ja gezielt betrieben wird - von jenen die Steffen Mau „Polarisierungsunternehmer“ nennt, aber leider, etwa beim Thema Migration, ja eben auch von etablierten Parteien. Auf mich wirkt das manchmal so, als wollten Letztere auf der Ebene von Emotionen und Affekten „mitreden“ (etwa in ihren Reaktionen auf Solingen), aber ohne irgendeine Idee davon, was das heißen kann außer dem was AfD & Co. machen, inhaltlich hinterherzuhecheln.
Es gibt für mich einen himmelweiten Unterschied zwischen dem Ernst nehmen dieser Emotionen im Sinne von: sie sind da und sie sind für viele auch handlungsleitend auf der einen Seite und der Affirmation dieser Emotionen und der mit ihnen verbundenen Inhalte im politischen Diskurs. Diese Unterscheidung geht aus meiner Sicht allzu oft verloren.

Blockzitat Es kann ja nicht darum gehen, auf irrationale Gefühle bestätigend einzugehen.
Es muss darum gehen, den Diskurs ins Feld des Rationalen zu führen.

Ich kann ich Flixbus nur anschließen. Ich wäre heilfroh, wenn es nur um den rationalen Diskurs ginge. Und vor 5 Jahren hätte ich vermutlich genau das geschrieben, was du geschrieben hast. Aber wie realistisch ist das? Leider sehr unrealistisch. Sonst würden wir ja nicht seit Wochen und Monaten über ein paar Tausend Menschen reden, die eventuell abgeschoben werden können. Die Energie, die da von Medien und Politik reingeht, könnte viel rationaler genutzt werden.

Dass sich am Ende bei den Menschen dann ein „irrationales“ Gefühl einstellt, ist nur die logische Konsequenz. Und das Gefühl der Menschen zu verstehen ist leider deshalb sehr wichtig. Sie haben offensichtlich diverse Ängste und wenig Vertrauen in die etablierten demokratischen Parteien.

Also geht es meiner Meinung danach, dieses Vertrauen zurückzugewinnen. Und dafür muss sich die Politik wirklich mal hinsetzen, die Probleme im Osten verstehen wollen und darauf eingehen. Das passiert meines Erachtens nach viel zu wenig. Es wird eher mehr oder weniger arrogant agiert - frei nach dem Motto „wir wissen es eh besser“ - und genau das macht das Problem größer und nicht kleiner. Zumindest kommt es so (offensichtlich) bei den Menschen an.

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Schon richtig irgendwie. Aber wie kann ein Ernstnehmen ohne Affirmation aussehen?

Zum Beispiel so wie in dem Forschungsvorhaben, auf das du verwiesen hattest.

Wie sich das dann konkret in der Analyse und vor allem in der politischen Kommunikation und der Bekämpfung der „Polarisierungsunternehmer“ anwenden lässt, dazu höre und lese ich leider erstaunlich wenig.

Eben, wohl auch deshalb, weil’s schwierig ist. Sonst gäbe man dem Affen Zucker.

Um so mehr Mühe und Gedanken sollte man sich zu diesen Fragen machen. Ich finde es jedenfalls sehr viel motivierender, mich mit den - je nach Fragestellung und Einschätzung - 30 bis 70% zu beschäftigen, die noch nicht endgültig verloren sind, als zum x-ten mal festzustellen, wie lost die anderen sind.

Richtig. Aber irgendwie herrscht die Ansicht vor, dass man die verlorenen ‚Schafe‘ wieder einfangen müsste. Die Denke ist anscheinend so, dass man die Vernünftigen/Pragmatischen ja sowieso in der Tasche hat.

Andererseits - siehe jüngste Erhebungsdaten von Infratest Dimap zur ‚Wende in der Flüchtlingspolitik‘ - ist das Verhetzungspotenzial groß. Und Leute wie Merz beuten das dann skrupellos aus.

da kann ich die letzte 1/2 Stunde von JungUndNaiv / ElitenForscher empfehlen:

=> Es gibt ein schmales Fenster Protestwähler wieder zurückzuholen, indem man die Protestpartei in die Regierung mit einbindet.
(Hat z.B. mit der „Schill-partei“ in Hamburg sehr gut funktioniert)

Haha. Ich lebte damals in Hamburg und habe es anders in Erinnerung. Die Zeit der Schill-Partei war eine stadtpolitische Katastrophe.

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Michael Hartmann ist weder Wahl- noch Einstellungsforscher. Daher würde ich auf seine in den Bereichen nicht vorhandene Expertise rekurrieren.

Ein Beispiel noch aus einer Deutschlandfunk-Kultur-Sendung:

Dort äußerte eine Soziologe zum Thema Besetzung von Spitzenpositionen mit Westdeutschen im Osten sinngemäß, dass sich daran absehbar auch nichts ändern könne, weil die Positionen damals mit sehr jungen Menschen besetzt worden seien, mit Menschen, die auch das nötige Know-how schon mitbrachten. Es werden sich also innerhalb von 30 Jahren keine großen Veränderungen ergeben können.

Das mal so klar auszusprechen, auch wenn Personen, die diesbezüglich Kritik äußern, hören wollen, dass sich das jetzt ganz zügig ändern werde, ist der nötige sachliche/faktenbasierte Widerspruch, den ich meine.

Da habe ich mich wohl unklar ausgedrückt.

Meine Idee war es, klar zu Kommunizieren, dass die AFD die Wahl gewonnen und somit den Auftrag zur Regierungsbildung hat.
Die etablierten Parteien gehen dann auch in Koalitionsverhandlungen, lehnen eine Einigung aber immer wieder aus Inhaltlichen Gründen ab. Somit wären die AFD und ihre Wähle gezwungen sich mal mit dem Kurs der Partei abseits des Populismus auseinanderzusetzen.

Außerdem glaube ich dass die „Brandmauer“ die populistische These „wir repräsentieren die Menschen und kämpfen für euch gegen die da oben“ stärkt. Nimmt man die Menschen mit ihrer Wahl aber ernst indem man Höcke damit beauftragt eine Regierung zu bilden kann man die AFD vor sich hertreiben und somit den Spieß umdrehen. Ferner müsste die AFD dann bei den etablierten Parteien Kompromisse eingehen, was das Bild der Partei als „wir gegen die“ ad absurdum führen würde.

Wichtig wäre nur dass alle demokratischen Parteien das Spielchen mitspielen und am ende kein MP Höcke da steht.

Ich denke das könnte mehrere Vorteile haben.
Zum einen müssen sich die etablierten Parteien nicht gegenseitig aufreiben während die AFD zuschaut und beim nichts tun stärker wird.
Zum anderen nimmt man die Menschen ernst, und zwingt die AFD kommunikativ vom Populismus weg.

Und dabei vielleicht noch etwas Feuer mit Feuer bekämpfen und die These aufstellen „die AFD macht das Land so unattraktiv dass deutsche Firmen schließen, weil selbst deutsche hier nicht mehr arbeiten wollen… ich kenne da einen der einen kennt dem das passiert ist“

Die populistischen Phrasen im Sinne von „Diedaoben“ verwenden auch Merz, Lindner & Co, was ich fatal finde. Sie demontieren als Politiker selbst die Politik. Das haben sie selbst im Wahlkampf getan. Lindner dann auf jeden Fall nach den Wahlen.

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Da gebe ich dir recht, das ist nur Wasser auf die Mühlen der AFD

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Danke für die Klarstellung. Ich verstehe nur immer noch nicht, was an dem Szenario anders ist als an dem wie es gerade ohnehin abläuft. Im Einzelnen:

Wer soll denn Höcke damit „beauftragen“? Es gibt Staaten, in denen das Staatsoberhaupt je nach Ausgang der Wahl Parteichefs damit beauftragt, eine Regierung zu bilden. In Deutschland und auch in Thüringen ist das aber nicht so. Und eine Partei, die nicht mal von einem Drittel der Wähler gewählt wurde, hat nun mal nicht automatisch „einen Regierungsauftrag“. Es ist in Deutschland spätestens seit 1969 üblich, dass die größte Fraktion nicht mitregiert, wenn sich kleinere Fraktionen zu einer Koalition zusammenschließen, die mehr Stimmen hat.

Alle anderen Parteien, die im Thüringer Landtag vertreten sind, haben bereits vor der Wahl deutlich gemacht, dass sie jegliche Zusammenarbeit mit der AfD aus inhaltlichen Gründen ablehnen. Das hat weder zu irgendeiner „Mäßigung“ der AfD geführt, noch nennenswert Wähler davon abgehalten, die AfD zu wählen. Ich kann nicht nachvollziehen, warum dieselbe inhaltliche Abgrenzung nach der Wahl komplett andere Auswirkungen haben sollte und vor allem nicht, warum du denkst, dass die AfD dann Kompromisse eingehen müsste. Nein, muss sie eben nicht.

Das Ganze basiert ja auf der Annahme, dass die AfD unbedingt regieren will. Die teile ich aber nicht. Die Partei profitiert ja gerade von ihrer Selbstinszenierung als „Alternative“ zum Bestehenden und geht vermutlich zu Recht davon aus, dass sie nur verlieren kann, wenn sie Teil dessen wird. Warum sollte sie also? Anders wird das erst sein, wenn die AfD mal die realistische Möglichkeit erhält, alleine zu regieren oder eine Koalition zu dominieren. Aber danach sieht es zum Glück noch nicht aus (zumindest jenseits der Kommunalpolitik).

Auch die Argumentation gibt es doch schon längst.

Erst einmal vielen dank, dass du dich mit meiner Idee auseinandergesetzt hast. Ich gebe dir zudem in allen Punkten recht.
Mir ist auch klar, dass niemand in Deutschland offiziell beauftragt wird eine Regierung zu bilden. Es ist eher etwas, das aus Medien oder durch die anderen Parteien gefordert werden könnte. Immerhin haben die knapp 10%Punkte mehr als die CDU.
Da ich dir auch in dem Punkt recht gebe, dass ich glaube, dass die AFD garnicht regieren möchte wäre es doch genau die Chance den Wählern zu zeigen dass da nichts hinter steckt indem man sie in die Verantwortung zieht.

Es stimmt aber auch, wieso sollte eine inhaltliche Auseinandersetzung nach der Wahl besser klappen als vorher.

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Fakt ist trotzdem, die bisherige Politik der Brandmauer hat nicht funktioniert, die Zustimmungzur AfD ist in den letzten 10 Jahren von Landtagswahl zu Landtagswahl in Thüringen gewachsen.
Und ich weiß nicht, wie eine Allparteienkoalition, deren einziges verbindendes Merkmal die Brandmauer ist, Thüringen so gut reagieren soll, dass in den kommenden 5 Jahren der Zuspruch zur AfD deutlich fällt.
Gerade für die CDU ist es schwierig, immer wieder in Bündnisse mit linksgerichteten Parteien gezwungen zu werden und damit ihre konservative Politik nur sehr begrenzt umsetzen zu können.
Damit wird der Raum rechts von der CDU immer größer.

Natürlich funktioniert eine Brandmauer nicht, wenn man gleichzeitig auf der anderen Seite selber ein Feuer anzündet. Konkret: Wenn Union, FDP und SPD zwar immer wieder wettern, wie böse und antidemokratisch die AfD ist, aber gleichzeitig - etwas bei der Migrationspolitik oder beim Grünen-Bashing genau deren Talkingpoints übernehmen und diese damit validieren, bestätigt das natürlich (potenzielle) AfD-Wähler eher als dass es sie abschreckt.

Das weiß glaube ich niemand und es ist ja auch die erklärte Strategie der AfD, die Union so lange vor sich herzutreiben und in solche Koalitionen zu zwingen, um sie deutlich zu schwächen (ähnlich wie es der FN/RN in Frankreich mit den Konservativen geschafft hat oder Berlusconi mit den Christdemokraten in Italien). Und obwohl die CDU das weiß und obwohl sie weiß, dass ihre bisherige Strategie eher der AfD nützt als ihr selbst, fährt sie diese Stratege weiter, anstatt sich auch inhaltlich wirklich gegen die AfD zu stellen.

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Und genau da setzt meine Idee an.

Die AFD holt Jahr für Jahr mehr stimmen und redet davon was alles passiert wenn die erstmal regieren. Aber selbst jetzt als klarer Wahlsieger habe ich noch keinen Regierungsanspruch wahrgenommen (vielleicht ist es auch an mir vorbeigegangen).
Das zeigt doch, dass der Anspruch nicht vorhanden ist. Die Stärke der AFD ist es dich nichts zu tun aber zu wissen wie es besser ginge.

Deshalb sollte man die jetzt mal aus der reserve locken und in die Defensive zu drängen und dann mit den eigenen Waffen schlagen.
Wenn in der Gesellschaft erstmal das Narrativ entsteht, dass die stärkste Kraft sich zumindest um eine Regierungsbildung bemühen sollte, dann nämlich kann man die AFD durch Dorf treiben und nicht mehr umgekehrt.

Gleichzeitig muss aber genau das passieren, was schon beschrieben wurde. Eine Brandmauer bringt nichts wenn man selber zündelt.

Klingt ja schön und gut, aber wie genau soll das gehen? Warum sollte die AfD nicht genau so weitermachen, wenn sie damit so erfolgreich ist? Außerdem kann sie ja immer sagen: „wir wollen ja regieren, aber alleine - weil mit den anderen wird das eh nix“.

Und von der Idee, die AfD zu „entzaubern“, in dem man sie einfach mal mitregieren lässt, halte ich gar nichts. Erstens kann sie da jede Menge Schaden anrichten und zweitens gibt es genug Beispiele, die zeigen, dass so etwas nicht den Rechtsparteien geschadet hat, sondern dem gesamten politischen System.

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