Dank Rundung (z.B. im Sainte-Laguë-Verfahren) genügt etwas weniger und hängt im Wesentlichen davon ab, wie viele Stimmen auf andere Parteien unter 1% fallen. So konnten bei der letzten Wahl zum Europaparlament die Piratenpartei, die „Familien-Partei“ und VOLT mit jeweils 0,7% der Stimmen je eines von 96 Mandaten erringen - auch weil etwa NPD und DiEM 25 mit jeweils 0,3% leer ausgingen.
Überhaupt finde ich, dass die Europawahl ein guter Proxy dafür ist, was wir bei einem reinen Verhältniswahlrecht mit fester Anzahl der Sitze zu erwarten hätten, denn bei Wahlen mit 5%-Hürde beeinflusst ja die Hürde, wie oben schon gesagt, das Wahlverhalten. Zum Beispiel lieferte die Europawahl 2019 bei 96 Sitzen:
- SPD: 16 Mandate
- CDU+CSU: 29 Mandate
- FDP: 5 Mandate
- Grüne: 21 Mandate
- Linke: 5 Mandate
- AFD: 11 Mandate
- Freie Wähler: 2 Mandate
- Piraten: 1 Mandat
- Tierschutzpartei: 1 Mandat
- Familienpartei: 1 Mandat
- ÖDP: 1 Mandat
- Die PARTEI: 2 Mandate
- Volt: 1 Mandat
Wenn wir diese Mandatszahl als Sitzverteilung in einem hypothetischen Bundestag 2019 hernehmen (erscheint mir realistisch), dann kämen Koalitionen auf folgende Mandatszahlen:
- GroKo: 45 Sitze, also keine Mehrheit,
- Schwarz-Grün: 50 Sitze, also eine Mehrheit,
- Ampel: 42 Sitze, als keine Mehrheit,
- Jamaika: 55 Sitze, also satte Mehrheit,
- Kenia: 66 Sitze, also fast 2/3 Mehrheit,
- Grün-rot-rot: 42 Sitze, also keine Mehrheit.
- GroKo+FDP: 50 Sitze, also Mehrheit.
Die vier realistischen Optionen würden also eine unionsgeführte Regierung bedeuten, was aber auch 2019 eine recht realistische Perspektive war. Eine kleine Machtoption bliebe auch den Grünen, etwa durch:
- Minderheitsregierung Ampel+Freie Wähler (44 Mandate) mit Duldung von Piraten, Tierschutzpartei, ÖDP, Die PARTEI und VOLT (6 Mandate), die alle eher linksliberal angehaucht sind, aber das könnte kompliziert werden
Auch wenn ich mit dem Wahlergebnis nicht glücklich gewesen wäre, spiegelt es in meinen Augen ziemlich genau wieder, was man auch bei einer Neuwahl des Bundestags im Jahr 2019 erwartet hätte. Von daher glaube ich, dass wir mit einem reinen Verhältniswahlrecht ähnliche Koalitionen erreichen würden, wie heute, aber sehr viel mehr Akzeptanz für die Demokratie erreichen würden.
Ein erwartbares Gegenargument gegen ein reines Verhältniswahlrecht ohne 5%-Hürde wird sein, dass dann Wahlkreismandate wegfallen würden und so den Bürgerinnen die Möglichkeit genommen würde, direkt auf „ihre“ Kandidatinnen Einfluss zu nehmen. Somit kämen nur Abgeordnete in den Bundestag, die in Partei-Hinterzimmern sich auf aussichtsreiche Listenplätze geklüngelt hätten. Wenn man nun aber Direktmandate für unverzichtbar hält und einen Ausgleich schaffen will, dann kommt man auf die von @Olaf.K erwähnten 1000-Personen-Parlamente.
Dem würde ich entgegensetzen, dass der Mechanismus der Direktmandate meiner Meinung nach eh verzichtbar ist. Denn erstens werden aussichtsreiche Wahlkreise auch parteiintern vergeben und zweitens spielt die Persönlichkeit der Wahlkreiskandidatinnen nur in Ausnahmefällen (Ströbele) eine Rolle - das Schicksal der meisten DIrektkandidatinnen wird vom Bundestrend ihrer Partei dominiert, egal wie tapfer sie Wahlkampf machen.