Längere Lebensarbeitszeit - für alle gleich möglich?

Ist jetzt eine Gewerkschatsstudie, aber grundsätzlich räumt ja im Zuge der aktuellen Rentenreform die Bundesregierung ein, das nicht alle Arbeitnehmer/innen bis zum Erreichen der Regelaltersgrenze unverändert leistungsfähig- und arbeitsfähig sein werden.

Wir reden da auch nicht von Einzelfällen, sondern von ganzen Branchen.

Es soll da individuelle Lösungen geben.

Doch wie können die aussehen?

Prävention? Dazu müssten Arbeitsbedingungen altersgerecht angepasst werden, was Geld und Zeit kostet. Sehe ich nur bedingt aktuell.

Rehabilitation? Mache ich aus dem Dachdecker mit kaputtem Rücken mit Mitte 50 noch einen Bürokaufmann? Welche Arbeitsmarktchancen hat der dann als Berufsanfänger nahe der 60?

Rente? Rentenanspruch ohne Abzüge? Wo zieht man Grenzen? Wer definiert wer noch als arbeitsfähig genug gilt und somit noch keinen vollen Rentenanspruch hätte?

Alles Punkte die im Zuge der Reform sicher noch geklärt werden müssen.

Die DRV Westfalen gab die Marschrichtung bei uns kürzlich vor:
Eher kurze Teilqualifizierungen in der beruflichen Reha statt Vollausbildungen.
Nicht unbedingt billiger.
Reicht das aus um im Arbeitsleben zu verbleiben mit anständigen Gehalt?

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Das ist sicher das Wahrscheinlichste.

Das dürfte den Fachkräftemangel im Handwerk noch verschärfen:

Sinnvoll wären wohl eher flexible Standardlösungen, im Sinne langfristig planbarer Berufsentwicklungen.

Ich habe in meinem Leben mehrfach geholfen, Dächer zu bauen und zu decken. Das ist Arbeit, die kein Mensch für 45 Beitragsjahre durchhält. Auch weil man irgendwann einfach mal vom Dach fällt.

Entsprechend sollte es keinen Beruf „Dachdecker/Zimmermann“ geben, den man mit der Erwartung antritt, ihn bis zur Rente auszuüben. Stattdessen sollte es eine Reihe möglicher beruflicher Entwicklungspfade geben, die ein Berufsanfänger bewusst anstreben kann und die zuverlässig mit steigendem Alter von körperlich schädlichen (es geht ja nicht nur um „Anstrengung“) wegführen. Etwa indem in der Mitte des Berufslebens nochmal eine akademische Fortbildung (Bauingenieur, Architekt) oder ein Übergang in die öffentliche Verwaltung (wo es Menschen mit praktischer Berufserfahrung braucht) eingeplant wird.

Gerade bei körperlich belastenden Tätigkeiten bedeutet Prävention nicht „Altersanpassung“, sondern eine Veränderung der Arbeit auch für kräftige Jungspunde. Fliesenleger werden nicht arbeitsunfähig, weil der Körper mit 50 Jahren automatisch nicht mehr knien kann, sondern weil sie die 30 Jahre vorher sich ergonomisch komplett daneben benommen haben.

Da muss man meiner Ansicht nach Tätigkeit für Tätigkeit die spezifischen Belastungspunkte identifizieren und geeignete Gegenmaßnahmen entwickeln. Also zum Beispiel neue Maschinen, Arbeitsschutz oder auch präventive Reha (verpflichtendes Yoga für alle Handwerker? :wink: ), damit der Körper gar nicht erst in den Verschleiß geht.

Das steht natürlich in einem gewissen Spannungsverhältnis mit dem Anliegen der Regierung, Unternehmen überall von allen Auflagen, Berichtspflichten und allgemeiner Verantwortung freizustellen …

An dieser Stelle mein üblicher Hinweis, dass wir keinerlei Probleme hätten, junge motivierte Menschen für handwerkliche Ausbildungsberufe zu gewinnen, wenn wir diese einfach aus dem Ausland einwandern lassen würde (mit klarer Perspektive auf Aufenthaltsgenehmigung, Arbeitserlaubnis und Einbürgerung und systematischer Unterstützung durch Sprachkurse, etc.). Das müsste man aber wohl damit klar kommen, dass das keine jungen Norweger sind, sondern junge Senegalesen, Iraner, Vietnamesen, etc.

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Was zum Teil ja schon innerhalb des Berufs möglich ist. Größere Betriebe haben ja meist mehrere Teams und nicht alle Springen auf dem Steildach herum. Bei einem Betrieb von einem Bekannten sind Mitarbeiter mit Einschränkungen dann halt eher bei Reparaturen auf Garagen oder Gartenhäusern eingesetzt oder machen Vorarbeiten die am Boden möglich sind. Das ist natürlich nicht bei schweren Einschränkungen möglich, bietet aber auch schon einige Möglichkeiten.

Alleine mit solchen Mitteln und vielleicht sinkenden Wochenarbeitszeiten im Alter könnte man einiges erreichen.

Das dann vielleicht noch gepaart mit einer verpflichtenden BU-Versicherung die so gestaltet ist, dass sie einerseits frühzeitige Berufsunfähigkeit versichert, andererseits aber bei Berufen die man einfach nicht bis 70 machen kann ganz geplant x Jahre (x abhängig vom Beruf) Rente zahlt bevor die gesetzliche Rente greift.

Schwierigkeit besteht darin, dass so zu gestalten, dass Arbeitnehmer das nicht aus dem Netto heraus bezahlen, sondern dass das beim Lohn berücksichtigt wird.

Fängt ja auch schon bei einfachen Dingen wie dem Korrekten Heben an. Dazu muss natürlich erstmal das Wissen vorhanden sein das umzusetzen, aber auch die Zeit dafür.

Gibt aber natürlich auch viele Bereiche wo es Hilfsmittel für bessere Ergonomie bedarf.

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Arbeitsschutz ist ja auch wesentlich Arbeitgeberaufgabe und damit auch Reduktion gesundheitsschädlicher Belastungen.
Was aber den AN oft auch nachdrücklich nahe gebracht werden muss.

Beliebter Handwerkersatz:“Das geht schon so…“

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Man darf davon ausgehen, dass sich der Fachkräftemangel in Zukunft weiter zuspitzen wird. In Zukunft werden Handwerker teurer und begehrter werden. Da reicht vielleicht schon halbtags, um seine Rente stabil zu halten.

Bei Pflegekräften wird der Effekt noch stärker sein. Die Kombination aus sinkender Geburtenrate und alternder Gesellschaft führt zu einem massiven Mangel an Pflegekräften. Aktuelle Zahlen: Vollzeitkräfte in Gesundheits- und Pflegeberufen verdienten im April 2024 im Schnitt 4.048 Euro brutto im Monat. Das sind 43,1 % mehr als noch 2014. Altenpflege besonders betroffen: Fachkräfte in der Altenpflege profitierten am stärksten: Ihr Gehalt stieg in zehn Jahren um 61,6 % (von ca. 2.616 € auf 4.228 € im Schnitt. Deutliches Lohnplus für Gesundheits- und Pflegeberufe | tagesschau.de

„Frührentner“ von amtswegen wird es auch geben

Seit Juli 2026 (Übergang zum neuen „Grundsicherungsgeld“) droht ein Zwang zur vorgezogenen Rente mit Abschlägen, wenn Sie im Rahmen der Grundsicherung als „erwerbsfähig“ gelten und keine „angemessene“ Arbeit finden. Das Sozialamt kann Sie verpflichten, die Altersrente zu beantragen, auch wenn Sie noch nicht das Regelrentenalter erreicht haben. Das entlastet den Steuertopf zu Lasten der Rentenversicherung.

Und woher soll das Geld dafür herkommen?

Die Privatwirtschaft richtet sich schon lange auf diesen Trend ein. Pflege wird immer interessanter und lukrativer für Investoren. Pflege wird teurer und der Staat wird es bezahlen müssen. Tatsächlich ist der Anteil des Staates (öffentliche Träger wie Kommunen oder Länder) an der Pflegeinfrastruktur sogar sehr gering und schwindet weiter.

Und dann stellt sich noch die Frage Längere Arbeitszeit - für alle nötig?

Angehörige gut bezahlter Berufe können sich den Gang in Rente auch mit Abschlägen leisten. Schätzungsweise 10%-15% der Rentner „müssen“ nicht bis 70 Arbeiten, um gut über die Runden zu kommen. Dadurch fallen die höchsten Rentenbeiträge früher weg und - zwar etwas kleinere - Renten müssen früher bezahlt werden und länger. Ob das einen positiven oder negativen Impact hat, könnte man ja mal ausrechnen.

Reicht die Rente nicht, ergänzt die Grundsicherung. Rentner deren Rente, die sie mit 70 erwarten dürfen, ohnehin unter dem Existenzminimum liegt, können ohne finanzielle Einbußen auch früher in Rente gehen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass mehrere hunderttausend Rentner (insbesondere alleinlebende Frauen mit Teilzeit, Erwerbsunterbrechungen oder Niedriglohnphasen) auch mit 70 Jahren eine Rente hätten, die unter dem Grundsicherungsniveau liegt.

738.840 Rentner bezogen Ende 2024 bereits Grundsicherung. Viele dieser Menschen gehen aktuell schon mit 63, 65 oder 67 in Rente. Wenn sie bis 70 arbeiten, wäre ihre Rente um 3–7 Jahre höher (je nach Beitragshöhe). Aber: Da der Durchschnitt der Frauenrenten bereits bei 955 € liegt, würde selbst eine Anhebung um 3 Jahre (ca. 127 € mehr) diese Frauen nicht zwingend über die 1.100 €-Grenze bringen.

Die Prognose für Teilzeit- Handwerker und Pflegekräfte scheint zumindest ganz gut. Teilzeit könnte auch in diesen belastenden Berufen u.U. für einige noch zu bewältigen sein.

Ist das dann angesichts von Fachkräftemangel überhaupt gewünscht?

Merz meint ja wir müssen mehr und länger arbeiten.

Es wird schon über die Generation Z geschimpft, wenn die mit einer 30h Woche zufrieden ist.

Wenn dann gut ausgebildete Fachkräfte in Teilzeit gehen, ggf noch mit staatlichen Zuwendungen, wird das wohl nur bedingt akzeptiert.

Dann wird man eher versuchen, diese Fachkräfte noch Vollzeit in weniger belastende Tätigkeiten zu drängen/bringen.

Die Rechung wird nicht aufgehen. Wenn Handwerker teurer werden, wird sich das auch auf andere Güter durchschlagen. Wenn Arbeit durch die Bank teurer wird wird sich das auch durch Inflation bemerkbar machen.

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Eine Fachkraft im Alter in Teilzeit ist sicherlich im Sinne des Fachkräftemangels besser als eine Fachkraft die BU-Rente bezieht.

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Ich denke schon. Die Nachwuchskräfte würden von den Teilzeitlern ja auch provitieren. Die romantische Vorstellung, es kommen Fachkräfte in in den Markt, die ohne Weiteres und ohne Anleitung die Lücken füllen können, die die Alten hinterlassen, ist ja abwegig.

Außerdem reden wir hier über Leute in Berufen, die schlicht nicht bis 70 ausgeübt werden können. Du hast die Wahl die Leute länger mit Teilzeit im Arbeitsmarkt zu halten oder sie in Vollzeit früher zu verlieren.

Weil er den Unterschied zwischen Bezahlung für effiziente Leistungserbringung und Anwesenheitsprämie nicht versteht. Der Mann ist 70. Der sollte in Rente.

Die Zoomer sind ja auch besonders an sozialer Gerechtigkeit interssiert. Lass die mal machen.

Kann gut sein. Wie gesagt: Effizienz ist kein Thema für unsere Regierung.

Aus dem Handwerkerlohn eine durchdiebank teurer werdende Arbeit zu machen, ist ja ein anderes Szenario. Und in Deinem neuen Szenario wäre viel gravierender: Wenn die Arbeit durch die Bank teurer wird, erhöhen sich die Renten durch ihre 100% Bindung an Löhne auch.

Aber ich rede hier von einer überschaubaren Berufsgruppe. Und da könnte die Rechnung sehr wohl aufgehen. Ganz besonders für die betroffenen Handwerker.

Nicht falsch verstehen, ich finde die Teilzeit-Idee grundsätzlich nicht verkehrt.

Aber es wird wohl von den Rahmenbedingungen abhängen.

Bleibt es beim aktuellen politischen Kurs, wird auch die Arbeitsmigration eher überschaubar bleiben. Wenn es dann zu einem Fachkräftemangel kommt bzw. dabei bleibt, wird man natürlich auf jeden schauen, der nicht dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht.
Auch auf den Dachdecker mit kaputter Bandscheibe oder der Erzieherin mit Depression.

Der aktuelle Ansatz der Rentenversicherung ist ja Prävention vor Reha vor Rente.
Teilzeit kann da eine Variante sein, erfahrungsgemäß kommen aber weder der Dachdecker noch die Erzieherin mit dem Teilzeitgehalt aus.

Zahlt man also dann eine Teilrente?

Oder Bürgergeld als Aufstocker?

Da findet sich bestimmt wieder eine Partei, die dagegen Stimmung macht.

Wie ihr ja selbst richtig sagt: was sinnvoll ist und politisch opportun, kann sehr gegensätzlich sein.

Aber wohl anderes Thema.

Ich arbeite seit über 20 Jahren in der beruflichen Reha und hab genau diese Menschen täglich in der Beratung vor mir sitzen.
Und bekomme auch mit, was Leistungsträger bereit sind zu zahlen, um Menschen wieder in Arbeit zu bekommen.

Ich bin da bei Dir. Wenn wir unterscheiden was möglich wäre und was womöglich passieren wird, kann ich mir den Pfad ungefähr vorstellen.

Aus nüchterner Sicht von Regierung und Wirtschaft geht es um ein temporäres Problem. Und die Aufgabe heißt: Wie bekommen wir die Boomer, die nichts mehr einzahlen, günstigst aus dem System.

Die Geburtenrate sinkt nicht erst seit heute.

Es wird prognostiziert, dass bis 2036 rund 4,3 Millionen Menschen weniger im erwerbsfähigen Alter sein werden als Babyboomer das Renteneintrittsalter erreicht haben.

Bereits heute ersichtlich: Sterbefälle steigen schneller als die Geburtenrate sinkt. Die, die Sozialkassen belasten, werden jedes Jahr weniger

Und die Boomer spielen eine immer kleiner werdende Rolle als Wähler. Da dürfen wir hofffen, das die bis dahin ein gutes Verhältnis zu den Generationen X bis Alpha aufgebaut haben.

Ergänzung: Dann könnte es immer schwerer werden, besonders für Rentner.

Woher soll das Geld kommen? Es gibt weniger Steuerzahler. Da müsste die Regierung bis dahin bereit sein, Geld dort einzutreiben, wo sie es bis heute vermeidet.

Das wäre ja noch OK, wenn dafür gesorgt wird, dass die Leute auch einen Job bekommen. Aber dieses Rosinenpicken, bei dem jeder nicht perfekt vorbereitete, hunderte von Bewerbungen schreiben muss, um schließlich doch in Grundsicherung zu leben, muss aufhören.

So wie man Arbeitssuchende verpflichten kann, am Ende jeden Job anzunehmen, so soll auch die Wirtschaft verpflichtet werden. Das erhöhte auch den Anreiz der Wirtschaft, etwas für die (Aus)-Bildung zu tun, die ja Hauptsächlich auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist.