OK, das sprengt gleich das, was eine Forumsdiskussion leisten kann, glaube ich…
Grundsätzlich habe ich ein Problem mit der Argumentation „historische Kontinuität“, wenn sie nicht beschreibend, sondern als positive Rechtfertigung oder Norm für einen existierenden Zustand genutzt wird.
Beispiel: Demokratie im liberalen Sinne ist in Deutschland ein verspätetes Phänomen (1848 gescheitert, bis 1918 nicht so, wie wir Demokratie verstehen; Weimarer Republik gescheitert). Obrigkeitsdenken hat eine Kontinuität kann ich also argumentieren, deswegen ist es natürlich, wenn Deutschland eher autoritär regiert wird. Ich will mit diesem Beispiel nur illustrieren, dass „historische Kontinuität“ ein zweischneidiges Schwert ist und häufig, wenn man tiefer bohrt, sich als Chimäre erweist.
Zu den Bundesländern: Das kommt ganz auf die historische Dimension an, die wir anlegen. Meinen wir die Zeit, als Deutschland noch kein Staatswesen im Sinne des Völkerrechts war (also vor der Reichsgründung durch Bismarck 1871?).
Bis 1806 war Deutschland zersplittert und ohne Napoleon würde es Deutschland so wie wir es kennen, gar nicht geben. (wir haben ihm viel zu verdanken - das Aufräumen der Kleinstaaten und das BGB; leider eine vergessene Tatsache… :-()
Zu seiner Zeit hatten wir über 1700 Fürstentümer, Kleinstaaten und geistliche Ländereien wie aus dem Mittelalter! Gerade mal 200 Jahre her. Schöne Kontinuität…
Ist das der Referenzrahmen?
Später ist die „Kontinuität“ auch nicht viel besser, allerdings zeigen sich 1866 die ersten Formen, wie wir sie heute kennen. Gerade einmal 150 Jahre her:
Ist das der Referenzrahmen?
Oder hier, nach der Reichsgründung:
Oder vielleicht das der Referenzrahmen?
(OK, für manche leider schon)
Es kommt also darauf an, was wir unter „Kontinuität“ verstehen. Ich glaube, es ist eine Illusion, wenn es um Deutschland als Staatswesen geht. Es gab nie eine deutsche Nation, und jede Kontinuität ist ein pures Konstrukt. Anders als Frankreich, England etc. Und die deutsche Geschichte ist eher ein Ringen um Einigung mit immer stärkeren Zügen zur Zentralisierung, um überhaupt funktions- und konkurrenzfähig gegenüber den anderen europäischen Nationalstaaten zu sein.
tldr;: Die Bundesländer, wie wir sie haben, sind je nach Perspektive künstlich (OK, außer Bayern). Außerdem halte ich Ulfs und dein Argument der „positiven Kontinuität“ als Begründung und Rechtfertigung der Aufrechterhaltung des jetzigen (aus meiner Sicht dysfunktionalen) Zustands für unzulässig. Jede Struktur muss sich an den Herausforderungen der Zeit bewähren. Der jetzige Föderalismus tut es nicht.