Klima/Corona: Woher bekomme ich die „richtigen“ Daten?

Ich muss leider gestehen, ich habe den Kampf aufgegeben. Jeden Tag gibt’s eine neue „Studie“, die das Gegenteil beweist, wie die Letzte. Und die beiden großen Themen (Klima/Corona) aus den letzten Jahren sind das beste Beispiel und Nährboden für Verschwörungstheorien (und ja, „moralische“ Argumente lasse ich bewusst weg, da mich nur Fakten interessieren).
BSP Corona: Es ist aus meiner Sicht praktisch unmöglich zu klären, ob sich z.B. ein Kind impfen lassen soll und wenn ja, mit welchem Impfstoff. Wie hoch die ist die Wahrscheinlichkeit an ernsten Nebenwirkungen von einer BionTech/AZ Impfung. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit von Covidschäden und wie hoch durch LongCovid? Und damit meine ich nicht für die gesamte Gesellschaft sondern im Beispiel eines Kindes 5-10 Jahre.
BSP Klima: es gibt z.B. Zahlreiche Studien und nicht mal bei der Frage, wer das Beste „Klimaprogramm“ bei der letzten Wahl hatte, sind sich die Forscher einig. Wie kann man dann schon „globale“ Studien ernst nehmen?

Natürlich kann ich nur Studien lesen, die meine Position stärken, ist aber nicht Sinn der Sache.
Wie geht die Community mit diesem Problem um? Würde sogar ein Ministerium Sinn machen, welches Daten aufbereitet und vergleichbar macht?

Niemand impft Kinder mit AZ. Für Biontech empfiehlt es die Stiko. Ist zwar kein Ministerium für Wahrheit, tut aber im Prinzip das, was du da vorschlägst.
Für das Klima gibt es das IPCC, da arbeiten sogar noch mehr Leute an der Sichtung aller Studien als bei der Stiko.

Ansonsten stellst du mal so nebenbei die Frage, welchen Wert und Sinn Wissenschaft überhaupt hat. Die sagen ja alles und nichts und alle Meinungen sind gleichwertig und zu allem gibt es gleichwertige Studien. Bisschen durchsichtig.

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Im Prinzip sagst Du einfach nur, dass es nahezu beliebig viele Informationen gibt und Du nicht in der Lage bist, sie selbst zu filtern.

Das ist völlig normal und geht jedem Laien so. Selbst Experten können üblicherweise nur einen extrem kleinen Ausschnitt der Wissenschaft besser als das beurteilen.

Die Konsequenz daraus aus, dass Du Dir Menschen (Journalisten/Zeitungen/Websites) suchen musst, denen Du vertraust, die sich professionell mit der jeweiligen Thematik beschäftigen und die Informationen für Dich filtern. Dieses Vertrauen sollte nicht blind sein, aber grundsätzlich ist es hier notwendig sich auf die Kompetenz und Integrität anderer zu verlassen. Ich verstehe auch ehrlich gesagt nicht, warum vielen Menschen das partikular so schwer fällt. Unsere ganze Zivilisation ist auf Arbeitsteilung aufgebaut.

Befremdlich finde ich, dass Du anscheinend der Medienöffentlichkeit nicht zutraust, Dir ein angemessenes Bild der Wissenschaft zu liefern, aber diese Aufgabe dann einem Ministerium (für Wahrheit?) übertragen möchtest. Für die Bereitstellung von Daten gibt es das statistische Bundesamt, aber dass die Interpretation dieser Daten dem öffentlichen Diskurs unterliegen muss und nicht von einem Ministerium geleistet werden darf ist in einer Demokratie doch offensichtlich.

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Ich stimme @FlorianKoch hier voll zu. Und würde noch hinzufügen, dass es bei der Ausfall von „vertrauensvollen“ Medien auch immer auf das Thema ankommt.

Als Beispiel:
Ich vertraue der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung zum Beispiel sehr weitgehend, wenn es um Wirtschaftsthemen geht. Bei poltischen Themen sieht es auch noch sehr gut aus, wobei ja Parteien z.B. beim ZDF einen gewissen Einfluß haben. Aber spätestens beim Thema GEZ-Gebühren würde ich dann zum Beispiel auch immer die Meinungen z.B. des Spiegels oder der Süddeutschen berücksichtigen.
Ganz anders sieht es z.B. beim Leistungsschutzrecht aus, hier würde ich selbst bei den großen Zeitungen immer auch einen gewissen Interessenkonflikt vermuten und deren Aussagen entsprechend bewerten.

Am Ende braucht es also eigentlich auch immer eine gewisse Medienkompetenz um Nachrichten und Einschätzungen anhand der Quelle korrekt für sich selbst bewerten zu können.

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Vorneweg: Ich fürchte, den Anspruch zu erfüllen, vollständig die Studienlage zu einem Thema zu erfassen, ist als Laie kaum noch möglich. Dafür ist nicht nur Fachwissen über das Thema notwendig, sondern auch über statistische und methodische Vorgehensweisen, die sich auch noch von Fach zu Fach unterscheiden. Und dazu kommt die Vielzahl an Publikationen, die gerade zu wichtigen Themen wie Corona und Klimawandel erscheinen. Das alles zu erfassen und einzuordnen schaffen nur noch Wissenschaftler, auch oft nur noch in ihrer eigenen Nische. Und ein möglicher und m.E. auch der beste Weg ist daher, auf sie zu hören. Dazu gibt es sie.

Noch ein weiterer Punkt vorneweg: Auch wenn sich Studien in ihren Ergebnissen oft unterscheiden, heißt das nicht, dass sie sich widersprechen. Oftmals gehen sie in die gleiche Richtung, zeigen also in der Gesamtschau eine Tendenz, und die Unterschiede erklären sich dann durch methodische Unterschiede oder einfach Zufallsunterschiede in der Stichprobe. Die Studien sind dann nicht falsch, sondern verleihen der Tendenz mehr Überzeugungskraft. Und die ist sowohl bei Corona als auch beim Klima eindeutig. Das heißt aber auch, dass für eine fundierte Entscheidung die Gesamtschau an Studien (und ihre kritische Einordnung) notwendig ist und sich solche Entscheidungen nicht auf Basis einzelner Studien fällen lassen. Meldungen im News-Ticker wie „gerade veröffentlicher Preprint zeigt, dass …“ sind da also völlig ungeeignet.

Als Laie bieten sich vielleicht drei Dinge an: 1) zusammenfassende Artikel zu lesen, die einen Überblick über das Forschungsthema geben, mit dem Nachteil, dass sie unregelmäßig und nicht sehr oft erscheinen und dann nicht immer die aktuellesten Daten besprechen können. 2) populärwissenschaftliche Magazine die das Ganze auch für Nichtwissenschaftler verständlich aufbereiten. Die Auswahl der Journale und Magazine ist natürlich entscheidend, aber zumindest bei Fachjournals erkennt man am Impact Factor gut, wie wissenschaftlich angesehen sie sind. Und 3) Podcasts mit Experten, die ein Thema besprechen und auch kritisch einordnen. Der NDR Corona Podcast macht das ja sehr anschaulich und das Gleiche würde ich mir auch für andere Themen wünschen.

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So ein Pech, dass sich etwa Impfungen (und Impfungen von Kindern) gar nicht diskutieren lassen, wenn man sie nicht auch als moralische Fragen behandelt. Moral ist ja nichts anderes als die Abstimmung des eigenen Verhaltens mit den Bedürfnissen und Anforderungen der Gesellschaft.

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Lieber @derFragensteller,

du sprichst ein Thema an, dass vor dem Hintergrund der von dir schon genannten Themen (Klimawandel, Pandemie) aus meiner Sicht ein sehr wichtiges ist. Du hast das zentrale Problem bereits erkannt. Ich persönlich würde den Titel etwas umformulieren in „Woher bekomme ich die richtige Interpretation meiner Daten?“. Gefälschte Daten gibt es zwar auch, aber meist ist erst die Schlussfolgerung aus einer Beobachtung die eigentliche „fake news“ oder auch einfach nur falsche Erkenntnis.

Ich habe ein paar Jahre in der Wissenschaft verbracht und war zu Anfang der Pandemie verblüfft, dass diese (etwas überspitzt formulierte) Tatsache viele Menschen bis in die höchste Ränge der Politik völlig aus der Fassung gebracht hat. Es zeigt, dass die Art und Weise, wie Wissenschaft arbeitet, den wenigsten bewusst ist.

Das könnte daran liegen, dass sowohl Entscheidungsträger als auch die meisten anderen Menschen in aller Regel mit den Ergebnissen weitgehend auskonvergierter wissenschaftlicher Prozesse konfrontiert sind. Das ist im Prinzip auch sinnvoll, denn hier gibt es häufig schon einen Konsens oder zumindest etablierte Gegenpositionen.

In der Pandemie hatten wir die seltene Situation, dass die Welt der Wissenschaft live bei der Arbeit zusieht.

Das, was hier scheinbar als Uneinigkeit und Chaos wahrgenommen wird, ist der Kern wissenschaftlichen Arbeitens. Man wird selten eine Position finden, über die völlige Einigkeit herrscht und das ist gut so. Das, was Forschung voran bringt ist nämlich das ständige Hinterfragen bestimmter Thesen. Kritik und Streit ist ein erwünschter und produktiver Teil des Wissensbildungs-Prozesses. Wenn ich als Wissenschaftler einen Vortrag halte und niemand vom Fachpublikum widerspricht mir, dann ist das am ehesten ein Zeichen, dass mir kaum jemand zugehört hat.

Der Fülle und Komplexität der Informationen Herr zu werden, erfordert viel Geduld und etwas Fachwissen – vor allem aber eine wissenschaftliche Vorgehensweise. An der Stelle würde ich

etwas widersprechen. Man muss nicht unbedingt Experte auf einem Fachgebiet sein, um sich ein Bild über eine Studie machen zu können. Ein bisschen würde ich da den Leitspruch der Aufklärung promoten wollen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Ich bin absolut nicht vom Fach, habe mir aber in der Pandemie einige Originalquellen angeschaut und extrem häufig Falschaussagen von Journalisten (die sich auf diese Quelle bezogen haben) feststellen müssen. Ich unterstelle mal, dass viele nur den Abstract lesen und die Interpretation der Ergebnisse überfliegen. Wichtig ist, dass man sich neben den Ergebnissen auch das Methoden-Kapitel anschaut. Wie viele Teilnehmer hatte die Studie? Ist der Effekt statistisch signifikant? Welche Einschränkungen macht der Autor? Wenn man sich die Interpretation der Ergebnisse im Detail durchliest, habe ich meistens festgestellt, dass der Umgang mit den Ergebnissen durch die Autoren sehr exakt und ehrlich geschieht und meistens einfach falsch / unzulässig vereinfacht darüber berichtet wird.

Klar ist aber, dass man solche „deep dives“ natürlich rein zeittechnisch nur sehr stichprobenartig machen kann und daher finde ich

ganz gut zusammengefasst. Wie entscheidet man, welchen Wissenschafts-Kommunikatoren man hier vertraut und welchen nicht? Ich mache das in der Regel, indem ich mir recht intensiv ein Bild über die Berichte eines Formates über Themen mache, mit denen ich mich gut auskenne. Wenn mich das überzeugt ist die Chance hoch, dass die Recherche bei anderen Themen ähnlich gewissenhaft passiert. Dann kann man hinterfragen, welchen fachlichen Hintergrund die beteiligten Personen haben und auf welche Experten sie zurückgreifen. Wichtig finde ich auch, dass bei so einem Bericht Fakt und Interpretation erkennbar getrennt wird (What und so-what). Persönlich empfehlen kann ich hier u.a. Mailab.

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Ein ganz wichtiger Punkt ist außerdem Diversifizierung bei der Informationssuche. Auch bei den Quellen meines Vertrauens gibt es bei jedem Bericht mindestens ein / zwei Dinge, die mir komisch vorkommen und die ich gegenchecken will. Das kann man entweder aufwändig selbst tun (deep-dive), oder man schaut sich einfach nochmal eine Zusammenfassung von einem unabhängigen anderen Wissenschafts-Kommunikator an. Und in aller Regel konvergiert das gemeinsame Bild da sehr schnell.

Und schließlich ist das ein ganz wichtiger Punkt. Um sowas vorzubeugen empfiehlt sich neben einem „Faktencheck“ bei Quellen auch der sogenannte „fiction-check“. Da sollte ich mich kritisch hinterfragen, wie gut die neue Information in mein Weltbild passt. Wenn ich hier merke, dass es irgendwie perfekt passt, dann sollte ich möglichst nochmal nach anderen Quellen schauen, um sicher zu stellen, dass die Zusammenhänge wirklich plausibel sind und ich sie nicht unterbewusst plausibel gemacht habe.

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Selbst die großen und seriösen Medien sind auf starke Schlagzeilen angewiesen um ihre Reichweite beizubehalten. Mir hilft es daher am besten den täglichen Medienberichten weitestgehend aus dem Weg zu gehen, sondern mich zeitlich versetzt mit zusammenfassenden Artikeln zu einem Thema zu befassen. Letzten Endes kommen seriöse Medien heute nicht darum herum täglich über das Thema Corona zu berichten. Das hat zur Folge, dass händeringend nach Neuigkeiten gesucht wird und diese dann halt manchmal genauso wertvoll sind wie das Wissen um die neue Frisur der Thronfolgerin von Hintertupfingen.
Deshalb ist „Die Lage der Nation“ auch so gut zur Informationsbeschaffung geeignet, weil sie nur einmal wöchentlich erscheint.

Bei konkreten (wissenschaftlichen) Fragestellungen würde ich den Fachgesellschaften/Wissenschaftsgremien vertrauen. Die schauen sich in der Regel alle verfügbaren Studien zu einem Thema an, bewerten deren Qualität und wichten sie anhand ihrer Qualität und des Stichprobenumfangs. Sie machen also das was du von einem „Wahrheitsministerium“ erwartest, nur völlig unabhängig von der großen Politik. Dann reicht es für den Laien die Stellungnahme dieser Institutionen zu lesen. In Sachen Impfung für Kinder siehe

Wie bereits von den anderen gesagt gehört ein gewisses Grundvertrauen in die Wissenschaft und deren Institutionen dazu. Ich finde es immer interessant zu beobachten, dass die Menschen an den Empfehlungen/Ergebnissen der Wissenschaft in Sachen Corona zweifeln, aber täglich völlig angstfrei Geräte benutzen deren Existenz und Leistungsfähigkeit ohne exakte Wissenschaft gar nicht möglich wäre (Smartphone, Laptop, PKW, Flugzeug usw.).

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Ich möchte, gerade zur Frage der Nebenwirkungen von Impfstoffen, das bereits oben erwähnte Paul-Ehrlich-Institut erwähnen.
Die regelmäßig erscheinenden Sicherheitsberichte geben einen auch für Laien verständlichen Überblick und, da die alten noch einsehbar sind, einen Einblick, wie sich die Datenlage entwickelt hat.
PEI - Coronavirus und Covid 19

@MarkusS als jemand, der sich in der Freizeit etwas mit Astronomie beschäftigt, muss ich auch immer wieder schmunzeln, was für Schlagzeilen entstehen nach wissenschaftlichen Arbeiten. Da wird dann nicht das wahrscheinlichste Ergebnis rausgezogen, sondern das spektakulärste, am besten irgendetwas mit Aliens. Im Artikel wird das zwar relativiert, aber den lesen viele ja gar nicht (vor allem, da der dann nicht mehr so spannend ist wie der Titel). Was bei so einem Thema amüsant ist, ist aber bei einem das die Menschen direkt betrifft, problematisch.
Insofern muss die Presse sich nach der Pandemie durchaus mal selbst reflektieren.

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Vollkommen off topic und spitzfindige Wortklauberei, aber man könnte hier vielleicht anmerken, dass die Forschung zur „Aufklärung“ ebenfalls kein „auskonvergierter wissenschaftlicher Prozess[]“ ist. Jedenfalls sollte man ‚die Aufklärung‘ nicht vorschnell mit dem zitierten Wahlspruch Immanuel Kants identifizieren. Die „Aufklärung“ (zumindest vor Kant) hat in vielfacher Hinsicht festgestellt, dass der Mensch in diverse soziale, ökonomische, politische, etc. Verhältnisse eingelassen ist, die es ihm einigermaßen schwer machen, sich einfach mal so seines Verstandes zu bedienen.

Im selben Text, aus dem das Zitat stammt, feiert Kant übrigens den preußischen König Friedrich II. u.a. mit dem unterstellten Ausspruch: „Räsonniert, so viel ihr wollt und worüber ihr wollt, aber gehorcht!“ Daran anknüpfend hilft die „Aufklärung“ bei der Beantwortung von pandemischen Problemen vielleicht in anderer Weise weiter, immerhin haben public health-Fragen für einige Aufklärer eine große Rolle gespielt:

Die „Aufklärung“ hat sich vor allem dem Problem gewidmet, wie man Menschen nicht durch Zwang oder Strafen dazu bringt, etwa Gesetze zu befolgen oder das eigene Verhalten zu regulieren, sondern sie stattdessen dazu bringt, diesen Gesetzen und Verhaltensanforderungen aus innerem Antrieb folgen zu wollen. Dazu hat sie häufig auf die Vorstellung zurückgegriffen, dass die Welt so komplex ist und die Anforderungen zu ihrem Verständnis so hoch sind, dass Einzelpersonen sich nicht anmaßen sollten, sie komplett zu durchdringen und zu überblicken. Am Ende macht man es wie Lessings Odoardo Galotti oder Schillers Karl Moor: Man erkennt die eigene Überheblichkeit und Anmaßung an und übergibt sich selbst in die Hände übergeordneter und anonymer staatlicher Institutionen :wink:

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Jep. Ich wollte auch nicht sagen, dass meine Handlungsempfehlungen gleichbedeutend mit denen der Aufklärung sind. Trotzdem ist der zitierte Spruch wie auch das Befreien aus der „selbstverschuldeten Unmündigkeit“ EINE nicht unwesentliche Erkenntnis aus dieser Epoche.

Die angesprochene Komplexität ist ohne Frage ein Problem. Ich denke aber, die sinnvolle Schlussfolgerung darf nicht sein

sondern man findet für sich eine gesunde Mischung aus Vertrauen und Eigeninitiative. Was ich ganz gefährlich finde, ist, aus der Wissenschaft eine Art Religionsersatz zu machen, nach dem Motto „der ist Experte in XY – der muss es ja wohl wissen“.

Bei dieser Mischung ist es auf der einen Seite wichtig, seine eigenen Grenzen zu kennen. Das schafft man aber schnell, wenn man die eigenen Thesen ab und zu mal einem ehrlichen Realitätscheck unterzieht. Auf der anderen Seite trauen sich m.E. viel zu viele Menschen selbst zu wenig zu. Beispiel Mathematik: in den höheren Schulklassen lassen sich viele von Kurvendiskussionen u.ä. (wobei man sich auch fragen muss, ob sowas außerhalb des Leistungskurses in der Intensität Sinn macht) so aus dem Takt bringen, dass sie mit dem Thema Zahlen nichts mehr zu tun haben wollen. In manchen Kreisen gehört das inzwischen sogar zum guten Ton (was bei anderen Themen undenkbar wäre). Das führt dazu, dass – sobald jemand in einer Argumentation mit Zahlen kommt – das Gegenüber sofort abschaltet („damit kenne ich mich nicht aus“). Dieses Wissen wird natürlich inzwischen ganz gezielt manipulativ eingesetzt. Was oft übersehen wird: in aller Regel geht das über Prozentrechnung und Dreisatz nicht hinaus und die Allermeisten würden das locker hinkriegen, wenn sie sich darauf einlassen würden.

Es ist wichtig von den Themen, die für einen persönlich relevant sind, ein Grundverständnis zu haben. Und Grundverständnis heißt nicht Expertenverständnis. Die Lage hat das mal ganz gut am Beispiel des Cum-Ex Skandals erläutert. Man muss die (komplexe) Theorie der Steuermechanik hinter den Geschäften nicht im Detail durchblicken, um einschätzen zu können, ob und wie stark so etwas gegen unsere Moral verstößt. In diesem Fall hat Scholz im Wahlkampf stark davon profitiert, dass viele sich damit nach eigener Aussage „nicht auskannten“. Man kann sich natürlich von einem Experten sagen lassen, dass das Unrecht ist, aber über so ein „erklärtes“ Unrecht kann man sich nicht wirklich gut empören. Über einen vergleichsweise harmlosen falschen Lacher von Laschet hingegen schon. Hier wäre die Empörung über Scholz Banken-Deal irgendwie angebrachter gewesen.

Meine Antwort entsprang vor allem dem Impuls, die Aufklärung nicht rationalistisch zu verengen und darüber hinaus auf die Differenz bzw. den Unterschied von Laienperspektive und Expertenmeinung hinzuweisen, was du ja ebenfalls betont hast. Ich wollte mir die beschriebene Einstellung ebenfalls nicht vollständig zu eigen machen. Ich würde dir im Übrigen eigentlich grundsätzlich in allem zustimmen. Nur glaube ich nicht, dass es zwangsläufig zur unsachgemäßen Heroisierung von Wissenschaftsakteur:innen führt, wenn man die Bedigungen, Leistungen und Probleme der funktional ausdifferenzierten Gesellschaft anerkennt.

Ich würde auch sagen, dass die Bereitstellung und die Möglichkeit der Nachverfolgung und Durchdringung von Wissen über Infektionskrankheiten, Impfungen, Epidemien und Gesundheitswesen zu den angenehmeren Eigenschaften der Pandemie gehören. Im besten Fall erhöht diese Informiertheit auch die ‚Compliance‘ in Bezug auf die getroffenen Maßnahmen, andererseits sensibilisiert sie für Fehlleistungen der Entscheidungsträger:innen. Problematisch wird es m.E. dann, wenn auf der Basis von „Grundverständnis“ weitreichende Entscheidungen getroffen werden - und im Ausgangsbeitrag ging es ja unter anderem um die Frage, ob man Kinder impfen lassen sollte oder nicht. Diese Abwägung ist m.E. Aufgabe des auf Expertise gestützten Systems, nicht die genuine Zuständigkeit von Laien.

Um vielleicht noch etwas stärker zum Ausgangsthema zurückzukommen: Ich würde ein Problem darin sehen, dass die Wissenschaft oder präziser: die Universitäten nicht gut darauf eingestellt sind, ihre Erkenntnisse an die Öffentlichkeit zu vermitteln. Universitäten bzw. Institute müssten hier personell, institutionell und medial aufrüsten und evtl. auch ihre Ausbildungen erweitern, um die Vermittlung der eigenen Leistung nach außen nicht den unterbesetzten Kommunikationsabteilungen zu überlassen und damit Legitimationseinbußen abzufangen. Christian Drosten hat - glaube ich - gelegentlich auf die Überforderung hingewiesen, die es für die Charité bedeutet, das en passant zu leisten. Normalerweise sind die Naturwissenschaften diese Form der offensiven Leistungsvermittlung vielleicht auch weniger gewohnt, weil man annimmt, dass eine technologische oder medizinische Innovation der Öffentlichkeit stärker einleuchtet als eine neu formulierte soziologische Makrotheorie oder die Entwicklung eines innovativen Analyseinstrumentariums für literarische Phänomene.

Da wären wir dann auch wieder bei Kant, der den erwähnten Text über die „Aufklärung“ ja vor allem deshalb geschrieben, mit markigen Aussprüchen versehen und in einer populären Zeitschrift lanciert hat, weil niemand sich die Mühe machen wollte, seine „Kritik der reinen Vernunft“ zu lesen.

Ich glaube eigentlich schon, dass man recht gut versteht, was da passiert ist. Steuerkriminalität ist - wie die Lage ja auch schon ausgeführt hat - in Deutschland aber eben leider ein Kavaliersdelikt bzw. wird Geldeinbehalt gegenüber dem Staat nur dann für verwerflich gehalten und sanktioniert, wenn er von Armen vorgenommen wird.