Lieber @derFragensteller,
du sprichst ein Thema an, dass vor dem Hintergrund der von dir schon genannten Themen (Klimawandel, Pandemie) aus meiner Sicht ein sehr wichtiges ist. Du hast das zentrale Problem bereits erkannt. Ich persönlich würde den Titel etwas umformulieren in „Woher bekomme ich die richtige Interpretation meiner Daten?“. Gefälschte Daten gibt es zwar auch, aber meist ist erst die Schlussfolgerung aus einer Beobachtung die eigentliche „fake news“ oder auch einfach nur falsche Erkenntnis.
Ich habe ein paar Jahre in der Wissenschaft verbracht und war zu Anfang der Pandemie verblüfft, dass diese (etwas überspitzt formulierte) Tatsache viele Menschen bis in die höchste Ränge der Politik völlig aus der Fassung gebracht hat. Es zeigt, dass die Art und Weise, wie Wissenschaft arbeitet, den wenigsten bewusst ist.
Das könnte daran liegen, dass sowohl Entscheidungsträger als auch die meisten anderen Menschen in aller Regel mit den Ergebnissen weitgehend auskonvergierter wissenschaftlicher Prozesse konfrontiert sind. Das ist im Prinzip auch sinnvoll, denn hier gibt es häufig schon einen Konsens oder zumindest etablierte Gegenpositionen.
In der Pandemie hatten wir die seltene Situation, dass die Welt der Wissenschaft live bei der Arbeit zusieht.
Das, was hier scheinbar als Uneinigkeit und Chaos wahrgenommen wird, ist der Kern wissenschaftlichen Arbeitens. Man wird selten eine Position finden, über die völlige Einigkeit herrscht und das ist gut so. Das, was Forschung voran bringt ist nämlich das ständige Hinterfragen bestimmter Thesen. Kritik und Streit ist ein erwünschter und produktiver Teil des Wissensbildungs-Prozesses. Wenn ich als Wissenschaftler einen Vortrag halte und niemand vom Fachpublikum widerspricht mir, dann ist das am ehesten ein Zeichen, dass mir kaum jemand zugehört hat.
Der Fülle und Komplexität der Informationen Herr zu werden, erfordert viel Geduld und etwas Fachwissen – vor allem aber eine wissenschaftliche Vorgehensweise. An der Stelle würde ich
etwas widersprechen. Man muss nicht unbedingt Experte auf einem Fachgebiet sein, um sich ein Bild über eine Studie machen zu können. Ein bisschen würde ich da den Leitspruch der Aufklärung promoten wollen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Ich bin absolut nicht vom Fach, habe mir aber in der Pandemie einige Originalquellen angeschaut und extrem häufig Falschaussagen von Journalisten (die sich auf diese Quelle bezogen haben) feststellen müssen. Ich unterstelle mal, dass viele nur den Abstract lesen und die Interpretation der Ergebnisse überfliegen. Wichtig ist, dass man sich neben den Ergebnissen auch das Methoden-Kapitel anschaut. Wie viele Teilnehmer hatte die Studie? Ist der Effekt statistisch signifikant? Welche Einschränkungen macht der Autor? Wenn man sich die Interpretation der Ergebnisse im Detail durchliest, habe ich meistens festgestellt, dass der Umgang mit den Ergebnissen durch die Autoren sehr exakt und ehrlich geschieht und meistens einfach falsch / unzulässig vereinfacht darüber berichtet wird.
Klar ist aber, dass man solche „deep dives“ natürlich rein zeittechnisch nur sehr stichprobenartig machen kann und daher finde ich
ganz gut zusammengefasst. Wie entscheidet man, welchen Wissenschafts-Kommunikatoren man hier vertraut und welchen nicht? Ich mache das in der Regel, indem ich mir recht intensiv ein Bild über die Berichte eines Formates über Themen mache, mit denen ich mich gut auskenne. Wenn mich das überzeugt ist die Chance hoch, dass die Recherche bei anderen Themen ähnlich gewissenhaft passiert. Dann kann man hinterfragen, welchen fachlichen Hintergrund die beteiligten Personen haben und auf welche Experten sie zurückgreifen. Wichtig finde ich auch, dass bei so einem Bericht Fakt und Interpretation erkennbar getrennt wird (What und so-what). Persönlich empfehlen kann ich hier u.a. Mailab.