KE17 - Versenkbare Türgriffe -- "keine Regulierung dazu"

Hallo zusammen,
(#firstpost, also seid Nachsichtig, wenn ich gewisse Regeln noch nicht kenne)

tl;dr → unten gibt es eine Zusammenfassung

Heute die Folge KE17 gehört, das Thema Türgriffe, versenkbar, elektrisch, etc. Mehrfach wird erwähnt „alles wird reguliert, aber so etwas wichtiges nicht“. Dazu ein paar Worte aus dem Maschinenraum der Autoindustrie. Ich arbeit für einen Tier1/2 Supplier in Deutschland. Kundenstamm über die ganze Welt verteilt, Firma ist aber eher noch an KMU als an Platzhirsch.

Es gibt die internationale Norm ISO 26262 (Wikipedia dazu), die die Entwicklung von elektrischen System und die Bewertung und Verhinderung von dadurch eingeführten Gefahren regelt (sogenannte "Funktionale Sicherheit).

Kurzes Zitat:

ISO 26262 addresses possible hazards caused by malfunctioning behaviour of E/E safety-related systems, including interaction of these systems.

Es gibt aktuell keine Verpflichtung, diese Norm in der Entwicklung anzuwenden. Jedoch wird sie international als Stand der Technik in der Automobilbranche angesehen, wie elektronische Systeme sicher zu entwickeln sind. Es gibt auch ein paar Urteile in Deutschland dazu, bei denen ein Hersteller bei der nicht vorhandenen oder nicht korrekt Umgesetzten Entwicklung der ISO 26262 eine Haftung zugesprochen bekommen hat.

„Traditionelle Hersteller“ entwickeln seit vielen Jahren nach dieser Norm. Ein großer Teil beschäftigt sich mit Dokumentation von Entscheidungen. Eine zweite Säule ist die Verhinderung von Gefährdungen. Ohne jetzt zu tief einzusteigen, die Norm hat zum Ziel, dass durch ein elektronisches System die Wahrscheinlichkeit eines Todes von Menschen nicht größer ist, als es ohne das System wäre. Die Zweite Säule beinhaltet dabei insbesondere Gefährdungs-Bewertungen („wie gefährlich ist eine Fehlfunktion“), die Analyse des technischen Systemes („wie wahrscheinlich ist es, dass ein Fehler eintritt, der eine der Gefährdungen erzeugt“) und Verifikation/Validierung („Wie stellen wir am Ende fest, dass ein System die Gefährdungen effektiv und praktisch verhindern kann“).

Wieder zurück zum Thema: Türgriffe, versenkbar, elektronisch gesteuert. Ist genau so ein System. Wenn wir jetzt nur die angesprochene Gefährdung aus der Sendung anschauen: System kann Türe nicht öffnen während gleichzeitig eine Situation vorliegt, die ein schnelles Verlassen des Fzg. nötig macht.

Wenn das System Türoffnung, versenkbar, das nicht leisten kann, dann stirbt jemand, muss also verhindert werden.

  • GENAU das ist, womit sich die ISO 26262 beschäftigt.
  • GENAU das ist auch der Grund, warum „traditionelle Hersteller“ langsamer entwickeln.

Einfach nur einen Griff einzubauen, der elektrisch ausgefahren wird und sonst verriegelt ist einfach. Das ganz so zu machen, dass obige (und noch ein paar andere) Gefährdungen sicher verhindert werden können, schon komplizierter und auch teurer.

Insbesondere Tesla ist ja dafür bekannt, dass sie die ISO 26262 einfach ignorieren (da sie vmtl. bekannt ist, unterstelle ich eine unternehmerische Entscheidung, also „Kosten der Umsetzung“ vs. „Kosten das ganze vor Gericht mit unseren geilen Anwälten auszufechten“ (gewürzt mit "und wie viel länger dauert dann die Entwicklung?)).
Bei Chinesichen Herstellern weiss ich tatsächlich weniger genau, wie da die Umsetzung dieser Norm ist.

Ich könnte jetzt noch sehr viel weiter ausholen, insbesondere auch ein paar lustige (ok, nicht in der Industrie arbeitende Freunde sagen immer „erschreckend“ dazu) Geschichte auspacken, aber für einen ersten Post in diesem Forum ist das schon lang genug…

Zusammgefasst:

  • Wir haben einen Standard, der die sichere Entwicklung aller elektronischer Systeme in Autos vorschreibt.
  • Dieser Standard ist nicht verpflichtend für die Zulassung, sobald es vor Gericht geht, ist sie der Maßstab für sichere Entwicklung elektronischer Systeme.
  • Tesla hält sich definitiv nicht dran, chinesische Hersteller (mir) unbekannt.
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China verbietet diese Art von Türgriffen ab nächstem Jahr in Neuwagen. Dort hat man sozusagen kurzen Prozess gemacht.

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Bei den Thema fände ich es noch interessant, ob die Informationen

Standardmäßig in den Sicherdatenblättern zu finden wäre. Diese sollte es für jedes Auto geben und sind insbesondere für Rettungskräfte relevant. Mir wurde damals in der Feuerwehrausbildung empfohlen, das passende Blatt immer im Auto zu haben, z.B.

an der Sonnenblende.

Wer das nicht kennt, hier der Link zu VW Datenblätter VW Rettungsdaten für Feuerwehren & Rettungskräfte

Servus,

kann mir vielleicht jemand helfen, das Thema besser einzuordnen? Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, dass ich den Komplex nicht ganz begreife. Mir erschließt sich noch nicht, was an der Situation bei Elektroautos und/oder versenkbaren Türgriffen grundsätzlich anders sein soll als in den letzten 40 Jahren. Nach dem Start der Podcast-Folge hatte ich zunächst den Eindruck, dass es eigentlich gar nicht so sehr um die Außengriffe geht, sondern vielmehr um die Innengriffe und die Frage einer mechanischen Notentriegelung. Im weiteren Verlauf ging die Diskussion dann aber auch in Richtung versenkbare Außengriffe und teilweise sogar elektrische Fensterheber. Natürlich verstehe ich, dass elektrische Fensterheber und elektrische Türverriegelungen grundsätzlich Risiken mit sich bringen können. Das steht für mich außer Frage. In der Fahrschule habe ich noch gelernt, dass man im Notfall die Kopfstütze herauszieht und mit den Metallstangen die Seitenscheibe einschlägt. Ein Nothammer, wie man ihn aus dem ÖPNV kennt, wäre dafür natürlich noch besser geeignet. Hintergrund war damals die Erkenntnis, dass sich nach einem Seitenaufprall Türen oft weder elektrisch noch mechanisch öffnen lassen, weil sie schlicht deformiert sind. Das Problem gab es schon lange bevor Fahrzeuge elektrisch wurden.

Auch andere Beispiele sind nicht neu: Kindersicherungen verhindern seit Jahrzehnten bewusst das Öffnen der hinteren Türen von innen. Türknöpfe sind weitgehend verschwunden. Viele Fahrzeuge verriegeln beim Losfahren automatisch, damit an der Ampel oder im Stop-and-Go-Verkehr niemand ungefragt zusteigen kann. Deshalb kann ich die Diskussion um die Innengriffe und eine mechanische Notentriegelung zumindest nachvollziehen.

Was ich dagegen noch nicht verstehe, ist die Diskussion um die Außengriffe. Ob ein Griff versenkbar ist oder nicht, erscheint mir zunächst zweitrangig. Eine verriegelte Tür bleibt doch eine verriegelte Tür. Nach meinem Verständnis wird sie nicht deshalb leichter zu öffnen, nur weil der Griff sichtbar ist. Als Papa kann ich berichten das der Griff zuerst abreisst bevor die Tür öffnet..

Aus Interesse habe ich das Thema einmal mit einem Fahrer eines Abschleppunternehmens, einem Kollegen der Freiwilligen Feuerwehr und einem Bekannten bei der Berufsfeuerwehr besprochen. Auslöser war die Rettungskarte, die ich immer hinter der Sonnenblende liegen habe und die bei vielen Fahrzeugen inzwischen zusätzlich per QR-Code verfügbar ist. Der Tenor dieser Gespräche war eher pragmatisch: Entweder können die Insassen das Fahrzeug selbst verlassen, oder die Situation ist so kritisch, dass schnell gehandelt werden muss. Dann interessieren eher Dinge wie Tank beziehungsweise Akku, die Trennung der Bordspannung und die Informationen aus der Rettungskarte. Im Zweifel wird ein Fenster geöffnet, eine verkeilte Tür aufgehebelt oder direkt mit technischem Gerät gearbeitet. Die konkrete Bauform des äußeren Türgriffs schien dabei eher eine untergeordnete Rolle zu spielen.

Liebe Grüsse

Andreas

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