Dank Dir für’s Auslagern. Ich hätte mir sonst weitere Kommentare zu dem Thema verkniffen, um nicht zu sehr zu derailen, aber da es nun einen eigenen Thread gibt (in dem bisher vornehmlich Männer über Weiblichkeit, Feminismus und Frauenschutz sinnieren), halte ich dann doch nochmal dagegen.
@pbf85: Die Existenz von Leistungskategorien im Sport steht nicht zur Debatte – die Frage ist, ob die konkreten IOC-Regeln das richtige Kriterium treffen und ob sie tatsächlich fairen Wettbewerb schützen oder ob es hier um etwas anderes geht.
Ob Testosteron überhaupt ein relevanter Faktor ist, ist alles andere als Eindeutig und hängt selbst im besten Fall stark von Sportart, Muskelgruppe uvm ab. Frauen mit PCOS haben natürliche Testosteronspiegel im Bereich vieler cis Männer – das gilt als kein Fairnessproblem und verschafft ihnen idR keinerlei Vorteil. Der Zusammenhang ist also weder einfach noch universell. Es wird hier als aber eindeutiger Leistungsschalter behandelt.
Bezüglich der Frage nach Ausnahmekörpern hat Eliud Kipchoge eine Sauerstoffverwertungseffizienz, die medizinisch kaum erklärbar ist. Simone Biles profitiert von ihrer sehr kleinen Statur, der gegenüber z.B. Transfrauen die eine männliche Pubertät durchlaufen haben, wie auch die allermeisten CIS-Frauen, ausgeprägt im Nachteil sind.
Körpergröße, Lungenvolumen, Stoffwechsel, Körperschwerpunkt, Extremitätenlänge – all das kann massive Vor-, oder je nach Sport Nachteile erzeugen.
Die spannende Frage ist nicht, ob biologische Vorteile im Spitzensport existieren. Die Frage ist, warum ausgerechnet dieser eine Faktor reguliert wird, und alle anderen nicht.
@Daniel_K
Du rahmst die Debatte so, als stünden hier klassischer Feminismus und Queer-Rechte grundsätzlich im Widerspruch. Diese Gegenüberstellung greift zu kurz. Wer sich für die Rechte von (Cis-)Frauen einsetzt und zugleich trans- sowie intersexuelle Frauen als Frauen anerkennt, handelt nicht widersprüchlich, sondern folgt einem inklusiven Gleichberechtigungsverständnis.
Es ist absolut mit „klassischem Feminismus“ wie Du es nennst kompatibel, Definitionen von Weiblichkeit abhängig von Hormonen, Reproduktionsfähigkeit oder Chromosomen bzw. die Normierung von Körpern, die man von Weiblichkeit oder Männlichkeit ausschließt, abzulehnen. Die Frage danach, wer oder was eine legitime Frau ist und wie sie von ihrer Biologie determiniert wird, ist nämlich etwas dass seit anno dazumal immer wieder vor allem gegen Cis-Frauen verwendet wird.
Die wiederkehrende Zuspitzung auf einen angeblichen Konflikt verdeckt, dass es sich natürlich um eine komplexe Aushandlung unterschiedlicher Schutzgüter handelt. Aber wer wird vor was genau geschützt? Und was tut man im Namen dieses angeblichen Schutzes ALLEN Frauen an?
Auffällig ist zudem, dass die schärfste Grenzziehung häufig nicht von den unmittelbar betroffenen Sportlerinnen selbst ausgeht, sondern von außen an die Debatte herangetragen, und seeehr vehement von Männern ausgefochten wird – was bei mir durchaus Fragen nach den zugrunde liegenden Motiven und Perspektiven aufwirft.
@ChristianS Bist Du Biologe oder Mediziner? Woher hast Du deine Infos darüber, was in diesen Disziplinen Konsenz ist?
Ich bin auch keine Biologin, aber die Debatte läuft aktiv, u.a. in namhaften, peer-reviewten Wissenschaftszeitschriften wie
Nature und Science. Da ist der Konsens zumindest:
Biologisches Geschlecht ist ein komplexes, mehrdimensionales biologisches System. Ob es als Spektrum bezeichnet werden kann, wird durchaus rege diskutiert.
Du behauptest hier eine Eindeutigkeit, die so nicht existiert. Vielleicht sprechen da eher Vorurteile gegenüber den Gender Studies und nicht primär Kenntnis des Diskurses?
Ein letzter Punkt: Die meisten Beiträge hier stellen es außerdem als sachlich-wissenschaftlichen Konsens dar, dass Inklusion hinter fairem Wettbewerb zurücktreten muss. Aber die Frage, wie viel Restrisiko eine Kategoriendefinition zu tragen bereit ist, ist keine naturwissenschaftliche Frage – sie ist normativ.
Dass Verbände sich für maximale Exklusion entschieden haben, ist eine politische Wertentscheidung.