Natürlich hat Israel einen Sonderstatus, ich glaube, das wird niemand bezweifeln, nahezu egal, wo im politischen Spektrum er steht.
Die Tatsache, dass Israel der Zufluchtsort nach einem unvergleichbaren Genozid war, erzeugt eben diese Sonderrolle. Zum Einen aus Deutscher Sicht, weil wir eben diejenigen waren, die diesen Genozid verursacht haben und uns deshalb mit Vorwürfen gegenüber Israel zurückhalten (was absolut nachvollziehbar ist), zum anderen aus internationaler Sicht, weil Israel seit dem Tag seiner Gründung um seine Existenz kämpfen muss und deshalb vor ganz anderen Herausforderungen steht als z.B. Deutschland.
Was wir hier beobachten können, sind relativ normale Dinge. Eine Bevölkerung, die in einem Dauerkonflikt aufwächst, wird generell im Laufe der Zeit immer ein Stück weit extremer und ein Stück weit rücksichtsloser gegenüber dem Konfliktgegner. Das gilt für beide Seiten im Nahost-Konflikt. Wer eben schon als Kind mit ständigen Nachrichten von tödlichen Angriffen durch den Konfliktgegner aufwächst und schon im frühen Alter politisiert wird (was bei beiden Konfliktparteien der Fall ist) wird eben mit einer höheren Wahrscheinlichkeit Maßnahmen akzeptieren, die nicht am Konflikt beteiligte für unangemessen halten.
Ich will das Verhalten der israelischen Regierung und der israelischen Gesellschaft, die so eine Regierung mehrheitlich unterstützt, damit nicht verteidigen, ich will nur erklären, dass es unter den Umständen, die dort seit Jahrzehnten herrschen, zu erwarten ist, dass extreme Positionen salonfähig werden. Leider.
Und dass der Rest der Welt ein stärkeres Verständnis dafür hat, wenn Israel solche fragwürdigen Maßnahmen wie die „Operation Gegossenes Blei“ ergreift, als wenn es ein Staat tut, der ein reiner Aggressor ist, wie z.B. Russland. Russland versucht ja die gleiche Rechtfertigungsstrategie wie Israel, indem Putin so tut, als wäre der Ukraine-Krieg nötig, um Russland zu retten. Der Unterschied ist nur: Israel kämpft tatsächlich um sein Überleben. Russland bildet sich das nur ein.