Das ist genau das Problem.
Es wird gerne darauf verwiesen, wie schrecklich es für Israelis sein muss, dass ständig Raketen aus dem Gaza-Streifen abgeschossen werden. Gleichzeitig werden gelegentlich Palästinenser im Westjordanland durch extremistische Siedler getötet, und zwar teilweise ganz gezielt und bewusst. In diesem öffentlich-rechtlichen Podcast gibt es da ein schönes Beispiel zu:
Hier muss man wirklich fragen:
Ist der Raketenterror der Hamas wirklich schlimmer als der Terror durch Siedler, die, weil die israelische Justiz nichts unternimmt und die israelische Armee ihre schützende Hand darüber hält, Menschen auf offener Straße erschießen können?
Beides muss auf das absolut Schärfste verurteilt werden. Beides ist durch nichts, wirklich absolut ausnahmslos nichts, zu rechtfertigen. Beides sind bestialische Terrorakte. Bei den Taten der Hamas scheint Einigkeit in der Bewertung vorzuherrschen, bei den Taten der Siedler hingegen wird nicht selten weggeschaut oder relativiert. Aber auch das, was die Siedler tun, ist Terrorismus, der gezielt Menschenleben auslöscht. Aus welchem Grund sollte das nicht mit den Taten der Hamas auf eine Stufe gestellt werden können?!?
Minderjährige Kriegsgefangene sind vermutlich ein Dilemma, das man Israel nur schwer vorwerfen kann. Beim Durchschnittsalter von unter 18 Jahren im Gaza-Streifen und den Bedingungen der dortigen Sozialisation unter einer extremistischen Hamas-Führerschaft kann man sich wohl leicht ausmalen, dass die Hamas nicht davor zurückschreckt, auch 14-17-jährige zu rekrutieren, die dann auch an Kampfhandlungen und Vorbereitungen von Terrorismus mitwirken.
Was will ein Staat in solchen Fällen tun? Idealerweise will man die Kinder nicht erschießen, sondern festnehmen. Aber dann hat man eben hoch-radikalisierte, teilweise ausgebildete 14-17-jährige in Haft. Kriegsgefangenschaft ist ja eigentlich „besser“ als normale Haft, zumindest dem Prinzip nach. Eine Eingliederung in die israelische Gesellschaft (z.B. in „Kinderheimen“) ist jedenfalls natürlich mit extremen Risiken verbunden, und zurückschicken in den Gaza-Streifen kann man sie auch nicht wirklich.
In dem Punkt finde ich daher zu viel Kritik unangemessen, einfach weil man nur Dinge kritisieren sollte, die zumindest theoretisch besser lösbar wären. Aber hier fehlt mir die Fantasie für eine bessere Lösung, dieses Dilemma aufzulösen. Man kann natürlich fordern, dass Kinder in Kriegsgefangenschaft besonders schonend behandelt werden, aber die bloße Tatsache, dass es Kinder in Kriegsgefangenschaft gibt, ist kein kritikfähiger Punkt.
Misshandlungen sind natürlich Tabu, bei Kindern noch mehr als ohnehin schon. Die Misshandlungen nachzuweisen gestaltet sich leider nicht nur in Israel schwierig, da die Behörden natürlich stets - in jedem Land - argumentieren werden, dass die Verletzungen aus der Verhaftung stammen oder selbst zugefügt wurden. Grundsätzlich fände ich es interessant, mehr darüber zu erfahren, wie der Rechtsschutz in Israel für diese Menschen aussieht. Bekommen sie einen (arabisch sprechenden) Pflichtverteidiger? Wird bei etwaigen Misshandlungs-Vorwürfen mit Nachdruck ermittelt? Aber darüber weiß ich einfach nicht genug, um mir da eine Meinung zu bilden, mit Vorwürfen wäre ich daher aber auch zurückhaltend.