Dass es unklug ist, sich als Model öffentlich zu extrem kontroversen Themen zu positionieren und dass Adidas das Recht hat, ein Model zu feuern, dass sie nicht mehr repräsentieren kann (weil plötzlich Ebenen der Repräsentation dazu gekommen sind, die der Auftraggeber nicht wünscht) habe ich oben doch auch schon mehrfach gesagt. Ich halte Kritik an Adidas da auch für falsch.
Meine Kritik richtet sich eher an den Mediendiskurs und vor allem an die israelischen Interessenvertreter, die doch recht regelmäßig ihren Einfluss nutzen, um in solchen Fällen einen Druck zu erzeugen, dem sich Firmen wie Adidas eben nicht entziehen können. Diese Diskussion hatten wir ja in der Vergangenheit auch schon mit Moderatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und anderen Personen. Es kann schon das Gefühl entstehen, dass es bestimmte Themen gibt, zu denen man sich als öffentliche Person nicht äußern kann, ohne, dass es potenziell die eigene Karriere erheblich negativ beeinträchtigt. Dazu zählen neben dem Nahost-Konflikt auch vor allem in den USA Themen wie Sterbehilfe oder Abtreibung, weil hier ähnliche Dinge zu beobachten sind: Es gibt Lobby-Organisationen, die Statements, die ihrer Lobbyhaltung entgegen laufen, gezielt in die Öffentlichkeit reißen und einen Shitstorm darüber erzeugen, von dem sich der Äußernde so schnell nicht erholen kann.
Den israelischen Lobby-Organisationen werfe ich daher nur das gleiche vor, das ich auch den christlichen Lobby-Organisationen (z.B. Pro Life) vorwerfe. Eben dass sie versuchen, über öffentlichen Druck Meinungen, die mit ihren eigenen inkompatibel sind, zu beerdigen, und dabei mit viel zu harten Bandagen kämpfen. So wird aus harscher Israel-Kritik Antisemitismus und aus dem „Recht, zu entscheiden“ wird „Mord an Ungeborenen“… es sind diese unverhältnismäßig harten Bandagen, die ich ablehne - und die leider vor allem bei pro-israelischen Organisationen zu beobachten sind. Historisch durchaus verständlich, aber ich fürchte eben, dass eine zu hohe Sensibilität mit zu vielen „false positives“ sich langfristig eher negativ auswirken wird. Und gerade, wenn sich dann noch Botschafter in so einem Konflikt einmischen, muss man schon hinterfragen, ob hier nicht systematisch „Politik gemacht wird“, also eine für die israelische Rechtsaußen-Pro-Siedler-Regierung unliebsame Meinung mit dem Vorwurf des Antisemitismus ruhig gestellt werden soll.
Im konkreten Fall wäre es angemessen gewesen, wenn die israelischen Lobby-Organisationen auf die Verdachtsmomente gegen Hadid hingewiesen hätten, aber dieses direkte Abstempeln als „Antisemitin“ empfinde ich schlicht als falsch und kontraproduktiv. Darum geht es hier - nicht darum, dass Adidas darauf reagieren musste, nachdem „Hadid=Antisemitin“ in allen Medien zu lesen war…