Das ist letztlich die gleiche Diskussion, die wir bei Klimaprotesten haben.
Warum wird z.B. Judith Butlers krassere Position gegenüber der israelischen Siedlungspolitik stärker in den Medien und der Öffentlichkeit diskutiert als Eva Illouz’? Weil Illouz’ Position relativ diplomatisch ist, während Butler ganz klar auch provozieren will, gerade damit darüber diskutiert wird. Und Butler und Illouz sind zwei nicht in Israel lebende Jüdinnen, also Menschen, die zumindest keine direkte Betroffenheit haben. Von Menschen, die sich direkt betroffen fühlen (weil sie z.B. Verwandte im Gaza-Streifen oder zumindest ihre Wurzeln dort haben) eine starke sprachliche Zurückhaltung zu fordern und ihnen sonst Antisemitismus zu unterstellen geht mir deshalb zu weit. Diese Leute sind emotional betroffen, deshalb werden sie dazu tendieren, das Verhalten Israels kritischer zu bewerten (dh. Genozid und Siedler-Kolonialismus vorzuwerfen). Das alleine darf nicht reichen, diese Leute zu Antisemiten zu erklären, eben weil wir diese Tendenz zur negativen Interpretation in jedem Krieg beobachten können, wenn daher ein Ukrainer von russischem Genozid spricht würden wir auch nicht einen derart starken Vorwurf wie den des Antisemitismus machen, selbst wenn wir der Meinung wären, dass der Genozid-Vorwurf übertrieben ist. Das ist einfach normal.
Es ist wie gesagt die gleiche Diskussion, die wir an so vielen Stellen haben. Auch in der Politik - die populistischen, extrem angriffslustigen Politiker kommen in die Tagesschau, die differenzierten, netten Politiker nicht. Es ist ein allgemeines Problem des öffentlichen Diskurses, dass eine Meinung mit weniger „Schärfe“ (dh. im Nahost-Konflikt z.B. ohne Genozid-Vorwürfe) in der Regel besser für den Diskurs wäre, aber dafür eben umso schneller im Diskurs untergeht. Das liegt natürlich auch daran, dass die Gegner dieser Positionen lieber Butler angreifen und durch Antisemitismus-Vorwürfe stumm schalten, als Illouz, weil die offensivere Position natürlich auch mehr Angriffsfläche bietet. Illouz wird daher eher ignoriert, Butler wird angegriffen und erzeugt damit zumindest mehr Aufmerksamkeit für das Thema (ob das besser oder schlechter ist, ist eine Wertungsfrage…)
Wie gesagt, ich sehe da Parallelen zu allen anderen Diskussionen. „Friedlichere Mittel“ oder „weniger extreme Sprache“ zu fordern ist durchaus legitim, aber ist diese Forderung wirklich angemessen, wenn die Konsequenz ist, dass dadurch der Protest in der Sache leichter ignoriert wird? Diese „harte Sprache“ und auch die „extremen Mittel“ der Letzten Generation sind ja gerade der Tatsache geschuldet, dass „friedliche Sprache und Mittel“ in der Vergangenheit keinen Erfolg hatten. Und hier muss man ganz klar sagen, dass die illegale israelische Siedlungspolitik seit vielen, vielen Jahrzehnten existiert. Wie lange kann man „friedliche Sprache und Mittel“ in solchen Fällen fordern?!?
Je länger der Konflikt daher anhält, desto stärker wird auch sprachlich aufgerüstet werden - und je länger eine „gemäßigte Ansprache der Probleme“ nicht zum Erfolg führt, desto radikaler werden die nächsten Ansprachen ausfallen. Darauf dann reflexartig mit Antisemitismus-Vorwürfen zu reagieren halte ich für falsch, es ist die gleiche Reaktion, welche die CDU zeigt, wenn sie radikale Klimaproteste als „Straftäter“ oder gar „Terroristen“ bezeichnet. Es ist der Versuch, legitime Kritik, die vielleicht mit suboptimalen Mitteln geäußert wird, stumm zu schalten, statt sich inhaltlich mit der Kritik zu beschäftigen.
(Das heißt ausdrücklich nicht, dass es nicht auch Menschen geben würde, die Israel ganz klar mit antisemitischen Zielsetzungen kritisieren, aber das würde ich Bella Hadid, um die es hier geht, eben nicht vorwerfen. Auch hier gilt: Im Zweifel sollte man nicht direkt von Antisemitismus ausgehen, eben weil der Vorwurf so schwer wiegt, dass es zumindest halbwegs klare Belege dafür braucht)