Wie gesagt, Adidas würde ich da keine Vorwürfe machen.
Stell dir vor, du bist eine große, internationale Firma und stellst ein paar Models ein, um dich zu repräsentieren. Eines dieser Models äußert sich plötzlich in einem gesellschaftlich extrem heißen Konflikt, die andere Seite baut Druck auf, dass du das Model rauswifst. Was tust du?
Egal was du tust, du hast die Arschkarte. Wirfst du das Model nicht raus wird dir unterstellt, du würdest Antisemitismus unterstützen, wirfst du sie raus, wird die vorgeworfen, Komplize der rechtsextremen israelischen Regierung zu sein. Ich bin mir ziemlich sicher, Adidas wollte beides nicht.
Kochen wir diesen Konflikt zu hoch, riskieren wir, dass große Firmen in Zukunft im Vorfeld viel stärker auf die politische Motivation screenen und entsprechend aussortieren. Dann werden Models mit arabischem Familienhintergrund (wie Bella Hadid) schon im Vorfeld als „zu riskant“ eingestuft. Wäre das wirklich besser?
Ich kann nachvollziehen, dass die pro-palästinensische Seite sich angegriffen fühlt, aber wie gesagt, für Adidas war das ein No-Win-Szenario, Adidas wurde in die Position gebracht, sich in diesem Konflikt positionieren zu müssen, was die Firma definitiv nie wollte, weil es kaum eine Firma aktuell wollen kann…
Das ist natürlich auch ein interessantes Thema, also die Frage, was die Aufgabe von Botschaften ist und ab wann die Nutzung diplomatischen Einflusses eine Einmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten ist. Das hier ist aber eher ein Grenzfall. Das größere Problem ist mMn, dass Begriffe wie „Antisemitismus“ in solchen Fällen zu leichtfertig eingesetzt werden. Begriffe wie „Antisemit“ oder „Nazi“ verlieren einfach an Gewicht, wenn sie zu inflationär auf Grauzonen verwendet werden, auf Fälle, in denen die Intention einer Aussage eben nicht glasklar ist, sondern auch eine freundlichere Interpretation möglich ist. Insofern hätte ich mir von der israelischen Botschaft auch etwas Zurückhaltung gewünscht.