Das Problem ist hier vielleicht, dass wir alle „Verantwortung dafür zu tragen“ unterschiedlich interpretieren.
Man könnte hier den philosophischen Begriff der „Letztverantwortung“ einwerfen. Diese lag eindeutig und unzweifelhaft bei der Hamas, weil es der Hamas zweifellos möglich war, zu entscheiden, ob sie diese Massaker durchführen wollen würde oder nicht - und niemand außer der Hamas diese Entscheidung treffen konnte. Diejenigen, die Israel von jeder Verantwortung freisprechen wollen, scheinen dieses Verständnis von „Verantwortung“ = „Letztverantwortlichkeit“ zu vertreten.
Diejenigen, die darauf verweisen, dass dieser Zustand, in dem diese Massaker überhaupt denkbar werden konnten, natürlich von der jüngeren Geschichte des Konfliktes und dem Umgang Israels mit dem Gaza-Streifen sowie der nun sogar erweiterten Siedlungspolitik Israels beeinflusst sind, gehen hingegen von einem nicht so begrenzen Verantwortlichkeitsbegriff aus, quasi von der „Zustandsverantwortlichkeit“. In diesem Sinn von Verantwortlichkeit trägt Israel natürlich eine Mitverantwortung, da Israel durch die Siedlungspolitik und Blockadepolitik in jedem Fall an dem Zustand (dh. das Erstarken und Radikalisieren weiterer Teile der Bevölkerung des Gaza-Streifens), der dieses Massaker ermöglicht hat, mitgewirkt hat (natürlich ohne dieses Ergebnis gewollt zu haben, das wird wohl niemand vorwerfen!).
Beide Sichtweisen sind absolut vertretbar, sogar gleichzeitig. Diese Unterstellung, dass jeder, der mit der Zustandsverantwortlichkeit argumentiert, quasi die Hamas unterstützen oder den Terror relativieren würde, finde ich hingegen problematisch.
Wie gesagt, beide Sichtweisen sind wichtig:
Die Letztverantwortlichkeit entscheidet letztlich darüber, wer für die Taten bestraft wird. Das ist eindeutig die Hamas. Die Zustandsverantwortlichkeit herauszuarbeiten ist jedoch wichtig, um weitere Taten dieser Art langfristig zu verhindern - selbst wenn Israel die Hamas nun komplett zerschlägt, wenn es danach so weiter macht wie die letzten Jahre ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich eine neue Terrororganisation bilden wird, wenn die zustandsbegründenden Probleme nicht gelöst werden.