Ist in der Tat ein interessantes Thema, weil es schwierig zu unterscheiden ist zwischen Aussagen, hinter denen tatsächlich Substanz steckt und Aussagen, die im Wesentlichen Lobby-Interessen dienen bzw. einzelnen Akteuren, die möglichst gut dastehen wollen.
Ich wundere mich z.B. immer, wenn Unternehmen in Sektoren mit enger Versorgungslage (z.B. der Bauwirtschaft) mit angeblich vollen Auftragsbüchern ihre Produktion einstellen. Ist denn die Erhöhung der Abnahmepreise selbst für bestehende Aufträge keine Option? Wurde versucht, solche Erhöhungen durchzusetzen? Denn zu so einem Vertrag gehören ja immer zwei, ein Anbieter, der höhere Preise durchsetzen muss, und ein Abnehmer, der die Ware braucht - und in Märkten mit wenig alternativen Angeboten braucht er die in aller Regel extrem dringend, denn er kann sich nicht einfach umdrehen und bei einem Konkurrenten bestellen, geschweige denn für günstigere Preise. Das ergibt einen Hebel, über den durchaus Preiserhöhungen in Bestandsaufträgen realisiert werden können - wenn die Alternative lautet, dass die Lieferungen sonst ausbleiben, sind Kunden meist zu Zugeständnissen bereit, vor allem wenn das Einklagen der vertraglich vereinbarten Konditionen angesichts der im Raum schwebenden Option einer Insolvenz des Lieferanten keinen realistischen Weg darstellt.
Ich habe zumindest anekdotische Evidenz, dass solche Preisanpassungen in beiderseitigem, wenn auch grummeligem, Einverständnis gerade im Baugewerbe durchaus stattfinden. Was bei mir die Frage aufkommen lässt: wenn das für manche eine gangbare Option ist, warum ist sie das für andere nicht? Gibt es vielleicht doch noch abseits der Energiepreisfrage andere Gründe, warum Unternehmen insolvent gehen bzw. zumindest den Betrieb einstellen, die einfach nur nicht so gut kommunizierbar sind (internes Missmanagement z.B.) weswegen man lieber den Sündenbock Energiepreise, der sich gerade so gut anbietet, nutzt?
Wir kommen immerhin aus einer Wirtschaftsphase, in der über lange Zeit Teile der Insolvenzmeldepflicht wegen der Corona-Pandemie außer Kraft gesetzt worden sind, und in der diverse staatliche Hilfsleistungen teils enormer Höhe geflossen sind. Es ist also damit zu rechnen, dass schon rein statistisch eine ganze Menge Insolvenzen, die in einer gesunden Wirtschaftswelt aus guten Gründen in der Zwischenzeit hätten stattfinden müssen, verschleppt worden sind. Man muss also jetzt glaube ich schon sehr genau auf jeden Einzelfall schauen und die wahren Gründe ermitteln, denn es ist so unglaublich attraktiv, die Energiepreise als Grund vorzuschieben, dass ich damit rechne, dass jede einzelne Insolvenz völlig ungeachtet ihres tatsächlichen Grundes in den nächsten Monaten immer mit der Energiesituation begründet werden wird. Wir werden Insolvenzen von Unternehmen sehen, die kaum Energie konsumieren, und selbst die werden sich nicht entblöden, die Energiepreise heranzuziehen.