Inklusion, Barrierefreiheit, Teilhabe

Liebes Lage-Team,

ich habe den Mai abgewartet, um zu sehen, ob ihr über die Woche der Inklusion und die damit verbundenen Protestaktionen berichtet. Da dies nicht der Fall war, ich aber der Meinung bin, dass sich die Mehrheitsgesellschaft immer wieder mit diesem Thema auseinandersetzen und darüber nachdenken sollte, wie die Situation von Minderheiten in unserem Land verbessert werden kann, würde ich mir eine Berichterstattung dazu wünschen.

Zumal derzeit in der Regierung darüber debattiert wird, Teilhabeleistungen zu kürzen. Diese Leistungen werden von Menschen mit Behinderungen in Anspruch genommen, um gesellschaftliche Barrieren zu überwinden. Beispielsweise können taube Menschen damit Gebärdensprachdolmetscher*innen bezahlen, wenn kein anderer Kostenträger zuständig ist (z. B. bei Gesprächen im Autohaus oder bei Banken). Da diese Leistungen je nach Bedarf und Bewilligung flexibel genutzt werden können, helfen sie vielen Menschen, die im Alltag ohnehin bereits mit Einschränkungen konfrontiert sind.

Mein Wunsch wäre, dass von dieser Debatte nicht nur die Betroffenen und ihre Community erfahren, sondern auch Menschen, die im Alltag nicht mit vergleichbaren Barrieren konfrontiert werden und daher häufig weniger Berührungspunkte mit dem Thema haben.

Vielleicht passt das Thema auch mal in eine Sonderfolge, wenn es in euer alltägliches Pad nicht rein passt.

Hier einige Links als Hintergrundinformationen: Petition unterstützen: Keine Kürzungen bei der Teilhabe - Der Paritätische - Spitzenverband der Freien Wohlfahrtspflege

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Wir müssen auch darüber sprechen, wie Inklusion an Regelschulen funktionieren kann. Klar Rampen für Kinder mit Rollstühlen, sind leicht umsetzbar. Aber was ist mit Kindern, die aufgrund von schneller Überreizung der Menge an Kindern und der damit verbundenen Unruhe und Lautstärke in den Klassenräumen und auf dem Pausenhof nicht gewachsen sind? Ein Kind das heute an einer Förderschule Therapien wahrnehmen kann (weil die Therapeuten in die Schule kommen und es Therapieräume und Material gibt), ein behindertengerechtes Therapieschwimmbecken mit Lifter, einen Snoozleraum, Wahrnehmungsräume, Pflegeräume und eine Klasse mit max. 10 Kindern vorfindet und 100% sonderschulpädagogischen Unterricht erhält, wird all dies an einer Regelschule nicht finden. Aber die Förderschulen sollen abgeschafft werden. Wie soll all das, was aktuell an den Förderschulen geleistet wird in Regelschulen integriert werden. Es reicht eben nicht nur die Kinder an eine andere Schule zu schicken. Auch die Gegebenheiten dafür müssen geschaffen werden, damit kein Kind, das aktuell an einer Förderschule beschult wird, schlechter da steht, als jetzt.

Und was ist, wenn diese Kinder erwachsen sind? Oft landen sie in Behinderten-Werkstätten. Nicht selten werden sie dort auch in der Gartenpflege eingesetzt und arbeiten darüber wiederum unter anderem für Städte und Gemeinden. Für einen Hungerlohn von ~ 500€ bei 35 Stunden / Woche.

Sollte nicht jede/r von uns in seinem Umfeld bei Unternehmen und Kommunen dafür werben, (auch geistig) behinderte Menschen einzustellen und sie fair zu bezahlen? Sollten wir im Alltag nicht viel mehr Menschen mit Behinderung begegnen und sie in die Mitte unserer Gesellschaft holen? Ihnen Ausbildungsplätze schaffen, die zu ihren Bedürfnissen passen und individuell auf sie zugeschnitten sind? Wir müssen davon weg kommen den Wert eines Menschen für ein Unternehmen und unsere Gesellschaft immer nur an seiner Leistung zu messen (die „Herbstresidenz“ auf VOX ist dafür ein gutes Beispiel).

Politik hat hier eine Menge Hebel, die mal in die richtige Richtung gestellt werden sollten.

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Ich kann mich da nur anschließen. Ein super wichtiges Thema, dass viel mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft gerückt werden sollte. Auch Eltern betroffener Kinder sind schon jetzt am Verzweifeln, weil bspw. die Kosten für Schulbegleitungen nicht übernommen werden, weil hier bspw. nicht wie bei einem Pflegegrad nach dem Bedarf geschaut wird, sondern Diagnosen ausschlaggebend sind. Teilweise warten Eltern auf Diagnostik-Termine (bspw. für Autismus) aber ein bis zwei Jahre. Wenn man dann noch ein Kind hat, das vor Fremden gut maskiert, „reicht“ es für die Diagnose häufig nicht und man wartet erneut bis zu zwei Jahre bei einem/einer anderen Diagnostiker/in. So gehen Jahre ins Land, ehe ein Kind die Unterstützung bekommt, die es benötigt. Die Folge: Kinder sind schulunfähig, im Burn-Out, selbst- und/oder fremdaggressiv, depressiv oder im schlimmsten Fall sogar suizidgefährdet. Mit allen Konsequenzen. Auf jeden Fall ist es für die gesamte Familie ein langer Leidensweg, der vermeidbar wäre, wenn sie die entsprechende Unterstützung erfahren würden.

Kinder die nicht in der Lage sind das Schwimmen in einem Schwimmverein zu erlernen (aufgrund von Überreizung in einer großen Halle, Konzentrationsschwierigkeiten, Koordinationsschwierigkeiten o.ä.) sind auf Einzelunterricht angewiesen. Wenn Eltern nicht in der Lage sind mehrere Tausend Euro zu berappen um den Einzelunterricht finanzieren zu können, gibt es für diese Kinder kaum eine Chance schwimmen zu lernen. Die Eingliederungshilfe wird abgelehnt. Klage vorm Sozialgericht. Dauer 3 bis 5 Jahre. Und ehe man sich versieht ist das Kind 11, 12, 13 und kann nicht schwimmen. Oft betrifft dies autistische Kinder, die sich ohnehin häufig von Wasser angezogen fühlen und nicht selten Weglauftendenzen aufweisen. Die Gefahr für sie ist also deutlich erhöht. Aber unkomplizierte Unterstützung: Fehlanzeige.

Inklusion bedeutet Menschen mit Behinderung die gleichen Chancen zu ermöglichen, wie nicht behinderten Menschen. Leider wird an dieser Stelle oft so getan, als würden diese Menschen irgendwelche Privilegien erwarten. Dabei ist es das bare-minimum, das ein Land wie das unsere leisten können sollte.