Impfung nur gegen Bezahlung?

Wir waren diese Woche SEHR darüber erstaunt, dass wir jetzt schon bei zwei Ärzten waren, die für eine Grippeimpfung als Zusatzleistung Geld haben wollten (Kinderarzt und Hausatzt, je 40 und 25 EUR).

Das ist ein Thema, dem man mal nachgehen könnte. Finde das sehr erschreckend.

Wir haben in Deutschland gerade schon genug Probleme mit Impfgegnern und (bestenfalls) Impmuffeln, als dass man diese Leute noch zusätzlich abschreckt, indem man sie erstmal zur Kasse bittet…

Finde das ziemlich unverständlich…

Wir lassen uns eigentlich schon seit Jahren im Herbst gegen Grippe impfen und wissen, um die Wichtigkeit. Aber wir zahlen schon genug für alle möglichen Sonderimpfungen für unseren gerade geborenen Sohn. Hier haben auch wir die Praxis dann wieder unverrichteter Dinge wieder verlassen, in der Hoffnung, dass wir da noch eine andere Möglichkeit finden…

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Das finde ich auch extrem traurig, gerade, weil man mit der Impfung ja auch andere schützt, und nicht nur sich selber. Gerade in dem Winter, der uns bevorsteht, ist das sehr traurig :frowning: Wir sollten doch eigentlich froh sein, um jeden, der sich impfen lässt.

Ich bekomme glücklicherweise meine Grippe Impfung in der Firma gezahlt.

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Warum ist das so? Die ständige Impfkomission des RKI (STIKO) stellt fest, welche Impfung bei wem nötig sind. Eine Grippe nimmt bei großen Teilen der Gesellschaft häufigst einen harmlosen Verlauf, deswegen ist für diese eine Impfung (mit entsprechenden Risiken) nicht indiziert. Eine Impfung, die laut STIKO nicht notwendig ist, wird nicht gezahlt. Wer also selber entscheidet, eine „Extrabehandlung“ zu erhalten, muss zahlen. Speziell bei der Grippeschutzimpfung zahlen jedoch viele der großen KK, da nachfragen lohnt sich.

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Erstmal danke für die Info. Bei Rückfragen meinerseits wurde gesagt, es läge an der Verknappung der Inhaltsstoffe. Man müsse irgendwo separieren.

Aber was auch immer der Grund dafür ist, dass man auf einmal selber zahlen muss: Es kommt politisch zu einem extrem ungünstigen Zeitpunkt.

Ich rede mir hier den Mund fusselig um Impfgegner in meinem Bekanntenkreis zu überzeugen… Und da ist so eine Maßnahme alles andere als förderlich.

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Ich bekomme die Grippeimpfung zum Glück beim Betriebsarzt umsonst, Stichwort berufliche Indikation.

Meine beste Freundin musste kürzlich beim Hausarzt auch zuzahlen, ihre Krankenkasse (AOK) hat dann jedoch die Kosten übernommen.

Finde es aber auch seltsam, wenn einerseits Politiker aufrufen, sich impfen zu lassen, wenn gleichzeitig das dann nicht von vornerein übernommen wird.
Zumal es auch da um soziale Gerechtigkeit geht. Gerade die Menschen, die in der Pandemie und Grippesaison besonders gefährdert sind (Menschen in beengten Unterkünften, Menschen in Berufen mit vielen Kontakten wie Paket-Lieferanden, Friesur:innen, etc) ja oft auch die Menschen sind, die nicht sehr viel Geld haben, für die eine Zuzahlung auch unter 50 Euro eine große Ausgabe ist, die abgewogen werden will.
Menschen, die ein höheres Einkommen haben, sind auch oft diejenigen, die mit wenigen Menschen in einem Haushalt leben, die Home Office machen können und ein eigenes Auto haben, statt morgens um 7 in einem überfüllten Bus zu stehen.

Also aus einer „public health“ Sicht durchaus ein falscher Ansatz mit der Zuzahlung.

Andererseits kann ich auch verstehen, dass man eben nur 26Mio Impfdosen hat und auch wenn das doppelt so viele sind wie letztes Jahr, kann ich mir doch vorstellen, dass sich dieses Jahr deutlich mehr Menschen impfen lassen wollen.

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Klar muss man irgendwo die Impfungen limitieren… Aber so ziemlich ALLES ist besser als das über finanzielle Beschränkungen zu machen.

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Da geb ich dir voll und ganz recht.
Alles was ich sagen wollte, ist: ich seh, woher es kommt.

In Hamburg ist es zZ unmöglich sich gegen Grippe impfen lassen.
Die Hausarztpraxen haben keine Impfstoff mehr.
Und auch in der Apotheke bekomme ich keinen (als Privatpatientin muss ich den selber dort einkaufen.)
Niemand konnte mir bzw. meinem Vater sagen, wann es wieder Impfstoff gibt.
Laut SZ sieht es in München genauso aus.

Es wurde dazu aufgerufen sich impfen zu lassen, aber offenbar hat Jens Spahn nicht damit gerechnet, dass die Leute dem Aufruf folgen - oder woran liegt es?

Wieso haben wir so einen Engpass?
Warum kann keiner sagen, wann es wieder Impfstoff gibt?
Wieviele Hersteller gibt es eigentlich?
Und nach welchen Kriterien werden die Dosen verteilt?

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Hallo Leute, hallo @Maren,

ich hätte jetzt auch gedacht, dass die Impfdosen insgesamt ausreichen, da sich viele eben doch nicht impfen lassen wollen. In der Summe reichen die Dosen vielleicht auch aus, aber regional eben nicht und gerade in Städten scheint der Bedarf sehr hoch zu sein. Durch große Arbeitgeber, die sich Dosen gesichert haben, schätze ich mal. Ich habe meine Impfung nächsten Dienstag beim Betriebsarzt des AG und hoffe, dass genügend Dosen da sind. Immerhin wurde per Umfrage der Bedarf vorher abgefragt. Ich hoffe mal, dass schnell nachproduziert werden kann. Die Fragen finde ich interessant. Ich vermute mal, dass es nur eine handvoll Hersteller gibt für die Impfungen. Wohl nicht mehr als 10 Hersteller. Es heißt bei den Kriterien ja immer, dass sich ältere Menschen und Leute mit Vorerkrankungen impfen lassen sollten. Dies ist ja dieses Jahr jedoch anders. Zumindest in der öffentlihen Wahrnehmung.

Also, in einem normalen Jahr bestellen wir in Deutschland ca. 20 Mio impfdosen, ca 13 mio werden dann auch verimpft.
Dieses Jahr hat das BMG 6 mio zusätzlich bestellt. Ich gehe davon aus, dass wir im Dezember Überhang haben werden, außer, alle sind wirklich ubermotiviert.

Wie läuft die Bestellung und Produktionsplanung?
Im Frühjahr jeden Jahres werden die Ärzte aufgefordert, ca die Hälfte ihres Vorjahrsverbrauchs in einer apotheke zu bestellen. Diese bestellt dann entsprechend bei einem Hersteller. Dies gilt für den Bereich der GKV. Die Apotheken bestellen dann auf eigenes Risiko noch mehr, um auch private Kunden zu versorgen. Dies geschieht aber nicht zentral Organisiert.

Im GKV-Bereich erhalten die Apotheken 1€ pro Impfstoff als Vergütung, bei einem EK-Preis von 12-17€. Da die Ware ja auch nur wenige Wochen verkäuflich ist, muss der Apotheker als Kaufmann da vorsichtig agieren. Wir haben in den letzten Jahren immer drauf gezahlt dabei (mehr Ware entsorgt, als wir vorher erwirtschaften konnten).

Die Hersteller (es gibt eine Handvoll) brauchen die Vorbestellung und den Vorlauf, da das ja alles „angezüchtet“ wird. Dann muss das PAul-ehrlich-Institut das Chargenweise freigeben, und da ist nicht immer klar, wie schnell das geht.

Aktuell sind die nächsten Lieferungen für KW47/48 angekündigt.

Zu guter letzt: auch hier ist Deutschland mittlerweile billig-Land, heißt, der Hersteller bekommt für eventuelle Restbestände in Frankreich oder Schweden mehr dafür, und schiebt die dann halt da hin. Das hatten wir zuletzt auch bei Ibuprofen zB, weshalb hier dann Lieferengpässe kamen.

Liebe Grüße, Andreas
selbstständiger Apotheker

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Ich habe heute ein Freundin, die eine Führungsfunktion in einem öffentlichen Unternehmen hat, gefragt, ob ihr Betriebsarzt auch Nachschubprobleme hat.

Antwort: Bislang reichst - wir hatten 320 Dosen bestellt - in der Vergangenheit haben sich nicht mal 50 impfen lassen - sollte reichen - sind dann ca 50% der Mitarbeiter geimpft.
Da wurde also erfolgreich vorgesorgt.

Warum klappt das dann für Hausarztpraxen nicht?

Danke für die Ausführungen… Interessanter Einblick…

Wobei ich sagen muss, dass das grundsätzlich erstmal nichts an meiner Kritik ändert…

Eine Freundin (55) in Neustadt-Gleve (MVP) konnte isch problemlos impfen lassen, mußte dafür bei der Ärztin aber auch 25€ bezahlen.
In Hamburg sind Grippeimpfungen bei Ärzten mangels Impfstoff noch immer nicht wieder möglich.
Die SZ berichtete kürzlich, dass auch in München / Bayern der Impfstoff ausgegangen ist.
Wie kann das sein?

Weil Hausarztpraxen mit Hororarkürzung bedroht werden, wenn zu viel Impfstoff weggeworfen werden muss. Wenn man also persönlich für Überbestellung haftet, bestellt man lieber weniger.

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Dann nochmal zur Ursprungsfrage:
Die Stiko gibt Impfempfehlungen heraus, insbesondere bei Grippe. Personen, die von dieser Empfehlung abgedeckt sind, bekommen die Impfung als Kassenleistung, der Arzt darf dafür nichts zusätzlich verlangen.

Personen, die nicht unter die Empfehlung fallen, müssen die Impfung selbst bezahlen.

Einige Kasse haben die Grippeimpfungen für diese anderen Personen als sogenannte Satzungsleistung ebenfalls Erstattungsfahig gemacht, da müsste man halt schauen, ob die eigene Kasse dabei ist.

Ich halte dieses Vorgehen generell für sinnvoll. Experten beschließen, für wen eine Präventionsmaßnahme sinnvoll ist, und für den wird sie auch erstattet.

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War eigentlich keine Frage, sondern nur die Feststellung, dass das in der jetzigen Lage politisch gesehen äußerst dämlich ist…

@AndreasK Normalerweise würde ich dir recht geben. Experten finden raus, für wen es sinnvoll ist, die bekommen es dann gezahlt.
Aber wenn dann ein Herr Spahn ALLE aufruft, sich impfen zu lassen, beißt sich das. Weil es dann am Geldbeutel hängt, ob man der Empfehlung folgen kann oder nicht. Und warum der Aufruf des Gesundheitsministers jetzt weniger wert sein soll als die der StiKo, ist ja aus Laiensicht nicht wirklich nachvollziehbar.
Und wir befinden uns eben gerade in einer besonderen Situation. Im Moment wissen wir nicht, wie unser Gesundheitssystem den Winter überstehen wird. Im Moment ist es für mich nicht nachvollziehbar, warum die Grippeimpfung nicht für alle Menschen empfohlen wird. Denn jede Grippe-Infektion, die das Gesundheitssystem mehr belastet, bindet Kapazitäten, die wir für Covid19 wohl brauchen werden, für das es ja eben noch keine Impfung gibt.
Und genau deshalb hat Spahn ja dazu aufgerufen, sich impfen zu lassen. Und dann sollte das auch unabhängig von der finanziellen Situation möglich sein.

Ich hatte mich Ende September impfen lassen und vorher einiges durchgelesen, da ich nicht sicher war, ob das bei mir sinnvoll ist. Sehr erhellend fand ich das Epidemiologische Bulletin des RKI, Ausgabe 32+33 2020 vom 06.08.2020. Dort wird von der STIKO ab Seite 28 ausführlich auf die Gründe eingegangen, warum eine Impfung nicht für alle empfohlen wird. Ein Punkt, den ich hier gerne zitieren möchte:

Allein für die vollständige Umsetzung der bestehenden STIKO-Impfempfehlungen wären etwa 40 Mio. Dosen Influenzaimpfstoff notwendig. Durch eine Ausweitung der Impfempfehlung auf die gesamte Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland könnte es zu einer Unterversorgung der Risikogruppen kommen, die besonders von der Impfung profitieren würden und durch deren Impfschutz man das Gesundheitssystem besonders entlasten möchte. Entsprechend könnte sich eine Ausweitung der Empfehlung derzeit sogar als kontraproduktiv erweisen.

Der Epidemiologische Bulletin ist jetzt natürlich nichts, was sich die breite Masse durchließt - deutlich publikumswirksamer ist hier die Aussage von Jens Spahn. Dennoch erklärt dies in meinen Augen recht gut, warum eben manche draufzahlen müssen - nämlich die, für die keine Empfehlung gilt. Die GKK richten sich hier vermutlich eher nach den Empfehlungen der STIKO und zahlt daher nicht in allen Fällen.

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Meinem Verständnis nach (Ich glaube die Info hab ich von Lars Fischer in seinem Gespräch im UKW Podcast) ist es einfach sehr aufwändig, auch zeitlich, Grippeimpfstoffe herzustellen, und eine Erhöhung der Produktion sodass (global?) große Bevölkerungsteile durchgeimpft werden können.
Dementsprechend finde ich nachvollziehbar, dass die StIKo weiterhin die Impfung vor allen Dingen für Risikopatient:innen empfiehlt.
Insbesondere daher habe ich auch eine Impfung durch unsere Betriebsärtzt:innen verzichtet.

Den Apell von Herrn Spahn, dass sich die Breite der Bevölkerung impfen lassen solle finde ich vor dem Kontext auch sehr seltsam. Hier sollte doch möglich sein, dass Ministerium und RKI auf eine gemeinsame Linie kommen, unter Berücksichtigung der vorhandenen / beschaffbaren Mengen an Impfstoff und mit entsprechender Übernahme der Kosten durch die Krankenkasse.

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Hier wird in einem Interview zum Thema mit Prof. Eva Hummers, Mitglied der STIKO:

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Der Blick des Hausärzte und Allgemein Medizin Verbands