Der springende Punkt ist aus meiner Sicht gerade, dass der Schutz für Ältere und andere besonders Gefährdete bei dieser Variante eben nur mittelbar ist. Zudem träte er erst ein, wenn die Impfungen eine epidemiologische Wirkung zeigen, also vermutlich erst nach mehreren Monaten. Dagegen verringert berits eine Erstimpfung mit allen derzeit in der EU zugelassenen Impfstoffen das Risiko einer Hospitalisierung um mehr als 80% - hat also einen unmittelbaren Effekt. Und dieser ist ja eben nicht nur individuelle, sondern durch die enorme Entlastung des gesamten Gesundheitssystems auch gesamtgesellschaftlich relevant. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass bei einer weitgehenden Entkopplung der Hospitalisierungsrate von der Inzidenz die Pandemielage sich grundsätzlich verändert. Dass dies nicht das „Effektivste aus Public -Health-Sicht“ sein soll, verstehe ich ehrlich gesagt nicht.
Deshalb schrieb ich ja „durch die Impfung selbst“. Wenn eine Person ohne Impfung ein 100- oder 500-Mal höheres Risiko einer Hospitalisierung hat und dies durch die Impfung auf das selbe Risiko sinkt, dass eine eine jüngere Person ohne besonderes Risiko ohne Impfung hat, kann man das natürlich als persönlichen Vorteil werten. Aber da das Risiko anderer (jüngerer) Personen dadurch nicht steigt, gibt es ja keinen unmittelbaren Vorteil der geimpften Risikopatient:innen gegenüber anderen.
Was Sie ansprechen, sind rechtlich Vorteile, die von Status als Geimpfte:r abgeleitet werden. Das ist aber ja keine unmittelbare Folge der Impfung, sondern eine politische Entscheidung, für die zum einen die Politik verantwortlich ist und zum anderen die Gesellschaft, die es verabsäumt hat, genau diese erwartbaren Folgen einer Impfstrategie rechzteitig und ausreichend zu diskutieren. Daher ist es aus meiner Sicht nicht sinnvoll, hierfür nun bestimmte Personengruppen verantwortlich zu machen.
Auch hier finde ich es sinnvoll, auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene zu diskutieren, als unterschiedliche Bevölkerungsgruppen gegeneinander zu stellen. Die Regelungen und Empfehlungen, für welche Altersgruppen AZ nun zugelassen oder geeignet ist, haben sich ja mehrfach geändert. Das hat zu einer großen Verunsicherung beigetragen, ebenso wie die Diskussion über eventuelle Nebenwirkungen. Abgesehen davon gibt es einfach Unterschiede in der Wirksamkeit der Impfstpffe, zumindest was den Schutz vor Reinfektionen angeht, vor allem mit einigen Varianten. Es ist also nicht so, dass es gar keinen Grund gibt, sich als Ü60 nicht mit AZ impfen lassen zu wollen. Und da es eben keine Impfflicht gibt, ist es aus meiner Sicht das gute Recht jedes Menschen, eine persönliche Abwägung zu treffen, und zwar nicht nur bei der Frage Impfung ja oder nein, sondern auch bei der Frage welchen Impfstoff will ich.
Fakt ist: Es gibt viele Ü60, die AZ nicht wollen und es gibt viele U60, die vor allem schnell geimpft werden wollen, auch mit AZ. Da das Interesse der Politik eine möglichst hohe Impfquote ist, ist die Freigabe von AZ für U60 mMn nur folgerichtig.
Doch genau das können Menschen und das tun sie in der Praxis auch. Die empirische Forschung zeigt, dass ethisches Handeln oft viel mehr mit sozialen Beziehungen und Umständen zu tun hat, als dass es sich aus festen Prinzipien ableitbar wäre. Zudem handeln Menschen in der Realität nicht immer gleich, sondern durchaus widersprüchlich - gerade in der aktuellen Pandemie gibt es dafür zahllose Beispiele. Das kann man ansprangern oder ignorieren. Aber es bleibt Realität. Außerdem war das hier gar nicht der Punkt. Der Punkt war, dass Sie Menschen, die eine andere Ethik haben, einen „Fehlschluss“ - also falsches Denken unterstellen. Und dem habe ich widersprochen.
Allein schon der Begriff des „Impfverweigerers“ enthält eine sehr starke moralische Wertung. Und welche Instanz entscheidet bitte, wie „konsequent“ sich ein Mensch verhalten kann, soll oder muss? Und auf welcher Grundlage legt wer fest, dass eine Person sich nicht am Dienstag für eine Impfung entscheiden darf, nur weil sie sich am Montag dagegen entschieden hat? Das ist nichts weiter als Moralismus, hat aber mit Logik wenig zu tun.
Dann haben Sie mich falsch verstanden. Ich habe ja gerade nicht gefordert, aus einer bestimmten individuellen Impfentscheidung rechtliche Konsequenzen (etwa in Form einer Schlechterstellung bei zukünftigen Impfangeboten) zu ziehen, sondern mich explizit gegen solche Forderungen gewandt.
Ich habe auch nicht von „Grundrechten“ geschrieben. Aber mir ist nach wie vor nicht verständlich, warum eine Person, die ein Recht auf eine Impfung hat, dieses verlieren sollte, wenn sie dieses Recht zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht wahrnimmt - aus was für Gründen auch immer. Da fehlen mir einfach die Argumente - denn moralische Empörung ist ja, wie @Peter zu Recht feststellte, kein juristisches Argument. Zum angeblich fehlenen „Sachgrund“ siehe oben.