Impfpflicht für Heil- und Pflegeberufe ungerecht?

Eine Impfpflicht für Heil- und Pflegeberufe ist ungerecht … wie so vieles andere auch. Eine Impfpflicht für alle allerdings nicht. Oder man gleicht die Ungerechtigkeit aus, z.B. in dem man allen geimpften Heil- und Pflegekräften einen Aufschlag von 20% auf ihr Gehalt zahlt.

Diese Vorschläge klingen jetzt irgendwie illusorisch oder naiv oder bestenfalls witzig. Aber wäre sowas rechtlich überhaupt möglich?

Warum denn eigentlich?

Auch rechtlich wäre die Pflicht problemlos mit dem besonderen Risiko für Patient:innen zu begründen. Daher muss man auch nichts ausgleichen.

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Ist das hier wirklich noch eine Frage?

Menschen in diesen Berufen sind schon immer überarbeitet und unterbezahlt. Und nun sollen die auch noch als einzige per Pflicht geimpft werden, während alle anderen sich nicht impfen lassen wollen?

Rechtlich hast du damit zwar ein Argument, moralisch ist das in der aktuellen Situation aber zutiefst fragwürdig, um es mal diplomatisch zu beschreiben. Und aus praktischer Sicht wäre es auch unklug die Pflegeberufe jetzt noch mehr zu belasten. Sonst hängen noch mehr diesen Job an den Nagel.

Also wenn Pflicht (und da bin ich auch für) dann auch für alle.

Du unterstellst, eine Impfung sei eine „Belastung“. Das mag verstehen, wer will, ich unverändert nicht. Die allermeisten vorliegenden wissenschaftlichen Fakten auf Basis einer globalen Phase-4-Studie mit Milliarden von Teilnehmern bestätigen: Die Wahrscheinlichkeit von anhaltenden Nebenwirkungen einer Impfung ist so viel, viel kleiner als die, an Covid19 mit schweren Symptomen oder tödlich zu erkranken, dass es ein „No Brainer“ ist: Impfen schützt jeden selbst und die Gesellschaft. Wo siehst Du da die Belastung?

Wer in einem Heil- und Pflegeberuf nicht bereit ist, seine Patienten und Kollegen mit zwei (und bald drei) „Pieksern“ vor schwerem Übel zu schützen, sollte man sein Berufs-Ethos hinterfragen: Warum übe ich diesen Beruf überhaupt aus? Will ich Menschen wirklich helfen?

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Ja so kann man meinen Beitrag verstehen. Das war aber nicht meine Absicht. Mir geht es nicht darum, dass Pflegepersonal ungeimpft bleiben darf, sondern das wir alle (Notfalls per Pflicht) geimpft sein müssen.

Ja da hast du Recht. Ich ziehe das Moralargument von oben zurück.

Trotzdem sehe ich in einer Impfpflicht nur für Pflegepersonal ein falsches Signal an diesen Berufsstand und zwar vorrangig aus praktischen Gründen. Wir brauchen diese Menschen einfach und sollten vermeiden sie mit (berechtigten) Pflichten zu belegen, die wir aber anderen Gesellschaftsteilen ersparen.

Wir liegen recht nah beieinander. Ich finde, Impflicht für bestimmte Berufe, bei denen die Berufs-Ausübenden v.a. Schutzbefohlene leichter anstecken können (Pflege / Medizin / Therapie, Schule, Kindergarten) ist das weniger einschneidende Mittel als eine generelle Impflicht. Inzwischen könnte ich sogar mit letzterem leben.

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@vieuxrenard und @tchick - ich finde eigentlich ihr habt beide Recht. Man könnte vielleicht argumentieren, dass es nun wirklich mal Zeit für die Solidarität der Bevölkerung ist. Im Sinne von „wir lassen uns alle impfen damit euer Job nicht noch schwerer wird als er ohnehin schon ist.“

Rechtlich ist vielleicht nichts falsch daran auch eine Impfpflicht nur für Pflegeberufe einzuführen, aber da ALLE ungeimpften andere gefährden sehe ich eigentlich nicht die Notwendigkeit wieder eine breite Gerechtigkeitsdebatte darüber zu führen, ob Angestellte in Heil- und Pflegeberufen zusätzlich diskriminiert werden.

Sowas ähnliches haben wir schon bei der Maskenpflicht diskutiert - wenn es nicht alle machen müssen ist es schwer das durchzusetzen…

Man kann’s auch so sehen: Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, wenn mal einige davon kündigen würden, oder zumindest ernsthafte Angst bei den Arbeitgebern in diesen Berufsfeldern vor dem Verlust größerer Teile der Arbeitnehmer aufkommt. Denn das scheint der einzige Weg zu sein, wie das teilweise bestehende Missverhältnis zwischen verhältnismäßig niedriger Entlohnung bei konstant hoher Arbeitslast wieder etwas besser ins Gleichgewicht kommen könnte.

Einen Kompromiss - keine Impfpflicht, obwohl diese ganz klar geboten ist (sagt inzwischen übrigens sogar die Leopoldina!) - zu Lasten der Gesundheit der zu pflegenden Patienten zu machen, um dieser Konfrontation mit der Realität noch etwas länger aus dem Weg zu gehen, ist nicht nur ganz und gar nicht zielführend, sondern auch noch abgrundtief unmoralisch. Das Argument, es ginge darum, die Pflegekräfte bei der Stange und die Pflegeleistungen aufrechtzuerhalten, ist vorgeschoben - tatsächlich geht es einzig um die Bequemlichkeit der verantwortlichen Politiker und Betreiber der entsprechenden Einrichtungen.

Ja, Menschen in Heil- und Pflegeberufen haben mMn eine besondere moralische Verantwortung für die Gesundheit ihrer Patient:innen. Wer einen solchen Beruf wählt, der kommt mit „Dienst nach Vorschrift“ nicht weit.

Die Frage ist allerdings, was eine Impfpflicht bringen soll, wenn wir in anderen Ländern bereits gesehen haben, dass dies dazu führt, dass Menschen das Berufsfeld verlassen. Klar, kann man in Kauf nehmen, aber hilft das?

In einer Demokratie sollte es immer die Wahlfreiheit geben - auch bei der Impfung. Entsprechend sollte es für Alle, die sich nicht impfen lassen wollen, die Pflicht zur täglichen PCR und arbeiten mit FFP2-Maske geben (btw: auch Durchgeimpfte sollten dort täglich mind. einen Schnelltest machen). Das würde den ganzen Rechtfertigungsdiskussionen das Wasser abgraben und den Schutz stark erhöhen. Und sonst einfach Anreize schaffen, z.B. ein 13. Gehalt für die Impfung.

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Ich glaube, du hast das nicht zuende gedacht. Selbstverständlich muss es auch in einer Demokratie Normen geben, die Freiheit begrenzen. Was ist mit dem Tötungsverbot? Oder nicht ganz so hart - Tempolimits? Glaubst du ernsthaft, eine Gesellschaft funktioniert, wenn jeder Mensch so schnell fahren darf, wie es sich für ihn gut anfühlt?

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Ich bin prinzipiell bei der im Thread wohl herrschenden Meinung und für eine Impfpflicht für Pflegepersonal. Wie in der Lage deutlich gemacht worden ist, ist es ein absoluter No-Brainer, diejenigen, die mit der gefährdetsten Gruppe - den RentnerInnen - tagtäglich umgehen, davor zu bewahren, tödliche Viren in die Heime zu tragen.

Der vorgetragenen Punkt, dass von der Impfpflicht beim Pflegepersonal abzusehen ist, weil es erstens zu einer höheren Belastung der ohnehin schon gebeutelten PflegerInnen kommen würde und zweitens eine Kündigungswelle zu befürchten ist, ist per se nicht von der Hand zu weisen. Zum ersten Punkt möchte ich @TRq zustimmen, eine Impfung stellt keine „Belastung“ dar. Doch die zu befürchtenden Kündigungen können durchaus eintreten, da PflegerInnen in der Gesundheitsbranche bekanntermaßen mit Kusshand genommen werden. Wird nun in Pflegeheimen eine Impfpflicht für das Personal eingeführt, kann es durchaus zu Kündigungen und damit einer Verschärfung der ohnehin schon prekären Pflegesituation kommen.

Aber: m.E. muss hier klar differenziert werden: Eine jede verteilte Impfung in einem Pflegeheim an das Personal führt zu einer geringeren Wahrscheinlichkeit tödlicher Impfausbrüche und ist somit erstmal gutzuheißen. Dass es zu Kündigungen kommen kann, ist zwar ein insgesamt wichtiger Punkt, ist aber gewissermaßen nur ein unguter potenzieller Nebeneffekt der Impfpflicht für PflegerInnen. Das heißt, dass es nun nicht zu einem Anfassen des Pflegepersonals mit Samthandschuhen kommen darf, wo man stets aufpassen muss, sie nicht zu „verscheuchen“, wenn man zu starke Maßnahmen verhängt; Das würde ebenfalls wiederum die Bewohner im Heim gefährden. Zwar gilt es, langfristig für bessere Arbeitsbedingungen zu sorgen, dass man in einer solchen Zwickmühle gar nicht erst landet, doch eine solche Diskussion führt in dieser Situation, in der schnelles Handeln geboten ist, zu nichts. Da eine Impfpflicht, oder zumindest besonders strenge Maßnahmen in Pflegeheimen, ein besagter No-Brainer sind, muss eher überlegt werden, wie man diese strengen Maßnahmen durchsetzen kann, ohne dass es zu einer Kündigungswelle kommt.

Und hier sehe ich eine allgemeine Impfpflicht im Ergebnis als das zweckmäßigste Mittel an; Es würde nicht zu Kündigungen kommen, wenn die PflegerInnen, die sich (so die m.E. richtige Einschätzung „unmoralischerweise“) nicht impfen lassen, wüssten, dass sie auch anderswo infolge der allgemeinen Impfpflicht dem nicht entgehen könnten.

Das erscheint mir als ein etwas stumpfes PolitikerInnen-Bashing, immerhin wird ja ein doch recht soziales und legitimes Ziel verfolgt, nämlich den Pflegeberuf attraktiv zu halten um den Notstand auf den Heimen nicht zu verschärfen. Aber wie gesagt halte ich alles in allem die Impfpflicht in Pflegeheimen für richtig; Um aber der potenziellen (im Übrigen aber auch verwerflichen, siehe Berufsethos-Argumentation von @TRq ) Kündigungswelle entgegenzuwirken, ist m.E. eine allgemeine Impfpflicht das gebotene MIttel.

Dem würde ich entgegen setzen, dass die Bemühungen um dieses hehre Ziel, „den Pflegeberuf attraktiv zu halten“, merkwürdigerweise genau dann enden, wenn es darum geht, die Löhne in diesem Beruf dem enormen Arbeitspensum angemessen zu gestalten. Und da das Problem der mangelnden Attraktivität dieses Berufsfelds aufgrund von relativ schlechter Bezahlung bei relativ hohen Anforderungen bekannt und nicht neu, sondern seit Jahrzehnten chronisch ist, kann man aus dem Engagement zur Behebung dieses Problems - praktisch keinem - meiner Ansicht nach ganz gut ableiten, wie ernst es den Verantwortlichen damit ist, „den Pflegeberuf attraktiv zu halten“.

Wenn jetzt also dieselben Verantwortlichen daher kommen und eine umstrittene Entscheidung damit begründen, dass es ihnen ja so sehr am Herzen liegt, „den Pflegeberuf attraktiv zu halten“ (sorry dass ich das konstant quote, aber ich komme einfach nicht über die gewisse Komik hinweg, die in diesem Euphemismus steckt), dann halte ich es nicht für…

…wenn ich nun meine obig dargelegte Erkenntnis zum vorhandenen (verschwindend geringen) Level an Engagement und Willen darauf übertrage und die sich ergebende offensichtliche Diskrepanz dadurch auflöse, dass ich Ockham’s Rasiermesser ansetze und eigennütziges Kalkül hinter der Begründung vermute.

Das ist eine sehr merkwürdige Auslegung des Grundrechts auf körperliche Unversehrtheit.

Die Frage, ob eine allgemeine Impfpflicht geboten oder nicht geboten ist, entscheidet sich einzig und allein an der Frage, ob sie verfassungsgemäß ist. Wenn sie verfassungsgemäß ist - das impliziert auch, dass es ein verhältnismäßiges Mittel in der aktuellen Situation ist, denn das zeichnet eine eventuelle Verfassungskonformität aus, da es hier um Abwägung von Grundrechten gegeneinander geht - dann ist sie automatisch auch geboten.

Was vollkommen irrelevant in dieser Fragestellung ist, ist die Überlegung, ob man damit einer potenziellen Kündigungswelle in Pflegeberufen entgegenwirken kann! Denn wenn wir mal annehmen wollen, dass eine allgemeine Impfpflicht für verfassungswidrig erklärt würde, dann wird sie nicht verfassungskonform, indem man argumentiert, dass man ja lieber eine Impfpflicht für Pflegeberufe einführen würde, aber Angst hat, dass die Pfleger dann wegrennen, und man daher lieber allen die Impfpflicht aufdrückt und die Pfleger somit als „Beifang“ auch geimpft bekommt.

Eine allgemeine Impfpflicht wird also entweder für verfassungskonform gehalten und damit auch automatisch für geboten (ich persönlich könnte mich inzwischen auch durchaus zu dieser Ansicht durchringen), oder sie wird für nicht verfassungskonform gehalten, dann ist sie nicht geboten, und dann kann man sich im zweiten Schritt die Frage stellen, ob stattdessen vielleicht eine eingeschränkte Impfpflicht für Pflegeberufe womöglich verfassungskonform und geboten sein könnte (das halte ich definitiv für Fakt).

Das solltest du dringend überdenken. Eine Verschlechterung einer Situation herbeizuwünschen, um eine eigene Argumentation zu stärken oder das verfolgte Ziel als legitimer präsentieren zu können ist m.E. eine asoziale und problematische Einstellung. Selbstverständlich gilt es, den Pflegenotstand auch nach Corona deutlich zu thematisieren und Lösungen zu finden, doch weißt du, was du da vorschlägst? Du erhoffst dir weniger Personal in Pflegeheimen, damit die noch prekärer gewordene Situation zum schnelleren Handeln motiviert. Nur reden wir hier von kranken und pflegebedürftigen Menschen, mit deren Gesundheit du hier pokerst. Wenn du diese Meinung vertrittst, solltest du sie mal anhand deiner selbst gesetzten Prioritäten der humanen und guten Pflege überprüfen.

Nein, damit hältst du mir nichts entgegen, denn du drehst damit die Argumentation zu einem Thema, das hier gar nicht zur Debatte steht. Ich habe im Gegenteil selbst gesagt, dass die Pflege lange vernachlässig worden ist. Doch dass es lange zu keinen vernünftigen Löhnen gekommen ist, hat nichts mit dem jetzigen Thema zu tun. Klar erscheint es scheinheilig, wenn Spahn den PflegerInnen keine zu hohe Belastung auferlegen möchte (ob das eine Belastung ist, ist sowieso fragwürdig, s.o., kann aber erstmal dahinstehen) und auf der anderen Seite wurde die Pflege lange vernachlässigt. Doch aus dieser Vernachlässigung lassen sich keine Rückschlüsse auf die hier vorzunehmende Bewertung ziehen. Nur, weil eine Aussage scheinheilig mit Blick auf vorangegangenes Verhalten ist, ist sie nicht per se falsch.

Das sei aber nur abstrakt zu deinem „Gegenargument“ gesagt, denn alles in allem denke ich wie gesagt, dass eine Impfpflicht keine Belastung darstellt, im Gegenteil geboten ist, ob im Pflegeheim oder Insgesamt.

Wenn ich von „Attraktivhalten“ spreche, gehe ich natürlich von der jetzigen Situation als Bezugspunkt aus, und nicht von den Pflegesituation im Allgemeinen; Das ich die als unzureichend erachte, sollte ja klar geworden sein.

Nein, das ist juristisch auch nicht haltbar. Zur Bewertung der Verfassungsmäßigkeit einer Maßnahme sind alle Umstände des Einzelfalls einzubeziehen. Auf Seiten der allgemeinen Impfpflicht käme der viel flächendeckendere Schutz vor einer Corona-Infektion hinzu, wodurch der Staat seinem Schutzauftrag am ehesten nachkommen würde. Wenn die umfassendere Maßnahme verfassungsgemäß ist, ist notwendigerweise die mildere Maßnahme dies ebenfalls. Sodann tritt der Grundsatz der Einschätzungsprärogative der Exekutive ein, wonach zwischen zwei verfassungsmäßigen Maßnahmen gewählt werden darf, dies im Rahmen des Ermessens, wobei Spielraum für andere Abwägungsgründe gelassen werden kann; Und wenn eine allgemeine Impfpflicht verhängt wird, weil man Sorge vor Kündigungswellen bei einer Impfpflicht für PflegerInnen hat, ist dies ein legitimer Grund, sich für die andere Maßnahme zu entscheiden, zumal diese wie gesagt sowieso aus Gründen des Gesundheitsschutzes aus vielerlei Richtung begründeter erscheint. Und wenn du auf den Erforderlichkeitsgrundsatz des BVerfG anspielst, möchte ich nur klarstellen, dass ich dahingehend kein Problem sehe. Der Erforderlichkeitsgrundsatz (Wahl des mildesten und gleichsam effektiven Mittels) ist auch hier gewahrt, wenn man auf die Verfolgung des Zwecks abstellt, größtmöglichen Schutz vor Covid zu erreichen; Dieser Grundsatz kann unter Umständen gar nicht tangiert sein, wenn der verfolgte Zweck von den zwei zur Diskussion stehenden Maßnahmen unterschiedlich stark erreicht wird. Um bei dem hier gängigen Beispiel zu bleiben: Eine Gurtpflicht für Fahrer mit einem gelben Käfer oder für jeden Fahrer eines Autos, egal welchen Typs, verfolgen beide das legitime Ziel der Gesundheits- und Verkehrssicherheit, doch kann unter diesem Gesichtspunkt die allgemeine Gurtpflicht nicht verfassungswidrig sein, weil es die Gurtpflicht für Fahrer eines gelben Käfers nicht ist, auch, wenn besonders diese Maßnahme unter dem Gesichtspunkt der Erforderlichkeit (!) verfassungskonform wäre.

Ich pokere hier mit niemandes Gesundheit. Ich diskutiere hier vollkommen folgenlos in einem Online-Forum. Diejenigen, die eine Impfpflicht für Heil- und Pflegeberufe verhindern, weil sie befürchten, dass dann zu viele Leute kündigen, DIE pokern mit der Gesundheit von kranken und pflegebedürftigen Menschen!

Oh, und wenn man die Erkenntnisse bezüglich Kündigungen aus anderen Ländern, die eine solche Impfpflicht schon haben, als Maßstab nimmt, dann lassen sich diese Leute gerade auch noch beim Pokern wie blutige Anfänger mit einem Bluff über den Tisch ziehen.

Das gilt, sofern es um zwei äquivalente Maßnahmen, die dasselbe Ziel erreichen, geht, oder um Dinge, die man tun oder auch lassen kann, ohne dass das Unterlassen an sich auch schon einen Verfassungskonflikt darstellen würde. Hier geht es aber nicht um zwei vergleichbare Maßnahmen, sondern um eine etwas weniger weitreichende und eine deutlich weiter reichende Maßnahme, deren Unterlassen genau dieselben Rechte beschädigt, die zur Debatte stehen.

Es geht um die Abwägung der körperlichen Unversehrtheit aller gegenüber dem individuellen Recht auf körperliche Unversehrtheit. Sollte diese Abwägung zugunsten der individuellen Rechte erfolgen, ist die Sache klar: eine allgemeine Impfpflicht ist verfassungswidrig, darf es also nicht geben. Sollte die Abwägung dahingehend stattfinden, dass die Gesundheit aller in diesem Fall höher zu bewerten ist als das individuelle Recht, eine Impfung als „Versehrung“ des eigenen Körpers abzulehnen, dann ergibt sich daraus implizit die Notwendigkeit, eine allgemeine Impfpflicht zu erlassen! Denn ein Versäumnis, dies zu tun, würde bedeuten, dass der Staat seiner Schutzpflicht gegenüber seinen Bürgern nicht nachkommt, also deren körperliche Unversehrtheit zu Schaden kommen lässt, obwohl er sie mittels eines effektiven, verfassungskonformen und die körperliche Gesundheit evident weit weniger beeinträchtigenden Eingriffs in die Rechte einiger Menschen schützen könnte. Eine allgemeine Impfpflicht ist also keine „Option“ im klassischen Sinne - sofern sie geboten und verfassungskonform ist, ist sie zwingend, und falls nicht, dann ist sie zu unterlassen.

Dasselbe gilt in Bezug auf kranke und pflegebedürftige Patienten natürlich auch bei einer Impfpflicht für Pflegeberufe, wobei hier das Anrecht auf Schutz wohl bedingt durch die höhere Schutzbedürftigkeit noch weitreichender sein sollte als bei der allgemeinen Bevölkerung und gleichzeitig das Gegengewicht auf Seiten des individuellen Pflegers, der sich nicht impfen lassen will, geringer, da er - wie in diesem Thread auch schon mehrfach korrekt festgestellt - mit der Wahl seines Berufs besondere Fürsorgepflichten angenommen hat. Ich würde daher so weit gehen und auch hier behaupten, dass die Politik fahrlässig handelt, wenn sie NICHT eine solche Impfpflicht erlässt.

Dieses Beispiel hinkt leider am entscheidenden Punkt: eine Gurtpflicht dient nahezu ausschließlich der Sicherheit desjenigen, der sich angurtet. Sich-nicht-anschnallen ist nicht ansteckend, es gibt dort also kein Ansteckungsrisiko, das potenziell reduziert werden könnte. Und jemand, der aufgrund eines Verkehrsunfalls die Intensivkapazitäten von Krankenhäusern beansprucht, tut dies in aller Regel auch nicht im selben extremen Maße, wie dies ein Covid-Patient tut. Der zentrale Konflikt zwischen den Grundrechten ergibt sich daher bei weitem nicht im selben Maß, wie er sich bei Covid-19 schlicht aufgrund der Natur einer infektiösen Erkrankung ergibt.

Ja, die pokern auch damit. Doch hast du dich damit auf meine Formulierung festgeschossen, ohne dich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Denn nach wie vor steht deine Aussage im Raum, durch weniger Pflegepersonal (und damit Hinnehmen prekärerer Zustände in Pflegeheimen) ein Ziel legitimer erscheinen zu lassen. Statt diese Position zu rechtfertigen, lenkst du auf PolitikerInnen ab, welche
den Notstand zu verantworten haben. In der Sache zwar auch richtig, dennoch aber eine billige Argumentationstaktik.

Das soll dein Gegenargument sein? Komm schon. Es ist doch selbstredend, dass ich dir nicht persönlich unterstellt habe, mit deinem Post sofort die Gesundheit der PflegeheimbewohnerInnen auf dem Gewissen zu haben. Adressiert habe ich die Botschaft und das, was sie in der praktischen Umsetzung für Konsequenzen haben würde. Deine „Ja-aber-die-anderen“-Argumentation rechtfertigt in keiner Weise deine eigene Aussage.

Nein, mein hauptsächliches Gegenargument ist der Part, den du nicht zitiert hast:

Aktuell beobachtet meines Wissens keines der Länder, in denen es eine Impfpflicht in der Pflege gibt, einen besonders großen Exodus an Pflegekräften, der sich auf diese Entscheidung zurückführen ließe. Mein Argument ist daher, dass die befürchtete Folge - der Kollaps der Pflegeeinrichtungen - wahrscheinlich nicht eintritt, aber wenn die Verantwortlichen dennoch Angst davor haben, ist das ein wunderbarer Hebel, um Druck zur Behebung von Missständen wie der tendenziell zu geringen Entlohnung aufzubauen. Wie wär’s denn mit einem Gehalts-Plus parallel zur Einführung einer Impfpflicht?

Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen schiene mir jetzt nicht wie die schlechteste Konsequenz.

Ich bin bei dem Thema sehr zwiegespalten.
Vermutlich hat z.B. @vieuxrenard Recht wenn er auf die besondere Risiken für Patienten verweist. Auch die verfassungsrechtlichen Bedenken gegenüber einer allgemeinen, direkten (also über z.B. Bußgelder erzwungenen) Impfpflicht kann ich nachvollziehen. Und da wir über das IFSG schon eine Masern-Impfpflicht für Lehrer usw. haben, ließe sich eine Impfpflicht für Heil- und Pflegeberufe nach diesem Vorbild wohl noch einfacher einführen als wenn es das noch nie gegeben hätte.
Alles richtig.
Und um es nochmal deutlich zu sagen, ich bin absolut dafür das Ärzte, Pfleger usw. geimpft sind. Und ich möchte auch nicht, wenn ich z.B. ins Krankenhaus komme, nach 2 Minuten Gespräch mit meinem Arzt merken, dass der ein Impf-Schwurbler und ungeimpft ist.

Aber was hieße es in der Praxis wenn wir jetzt NUR diese Berufe zur Impfung zwingen und den Rest nicht:

  1. Wir müssten die Impfungen ja kontrollieren. Das kann ein No-Brainer sein, muss es aber nicht. Es würde aber sicher einen bestimmten Mehraufwand für die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen bedeutet, denn die Kontrolle einer berufsspezifischen Impfpflicht würde sicher der Arbeitgeber machen.
  2. Alle arbeitenden Menschen nehmen Kontrollen in ihrem Berufsumfeld als Störung wahr. Ich denke da wird mir keiner widersprechen. Die Kontrollen zur Impfpflicht sind daher auch für die geimpften Pfleger usw. eine gewisse Störung.
  3. Ich kann mir gut vorstellen, dass die harten Impf-Verweigerer in den Pflegeberufen, wenn sie die Möglichkeit haben, in einen anderen Beruf wechseln würden. Denn einer berufsspezifischen Impfpflicht kann man durch einen Jobwechsel entkommen. Einer allgemeinen Impfpflicht nicht.
  4. Ich denke mal, man kann zu Recht behaupten, dass wir mit einer deutlich höheren Impfquote in der Bevölkerung nicht die vollen Intensivstationen hätten, die wir aktuell haben. Und dadurch entsteht eine Mehrarbeit und auch ein erhöhtes Selbst-Infektions-Risiko für die Heil- und Pflegeberufe. Und nur diesen Berufen muten wir einen Eingriff in ihre verfassungsrechtlichen Freiheiten zu, obwohl die gesamte Gesellschaft das Problem verursacht.

Aus diesen Gründen halte ich eine Impfpflicht-Verschonung für Nicht-Heil- und Pflegeberufstätige, denn so herum muss man es, finde ich, auch sehen, für nicht gerecht. Ich meine, wir brauchen eine wirksame, direkte Impfpflicht für alle.